Berlin - Wenn der Übersetzer-Feiertag nicht schon auf den 30. September festgelegt wäre, man hätte jetzt gut den 30. März dafür auswählen können. An diesem Dienstag erscheint im Verlag Hoffmann und Campe das Buch mit dem Gedicht, das Amanda Gorman zur Amtseinführung des US-Präsidenten vorgetragen hat: „The Hill We Climb – Den Hügel hinauf“. Es wird zweisprachig sein, englisch-deutsch. Selten, sehr wahrscheinlich sogar nie zuvor ist die Übertragung eines literarischen Textes noch vor Erscheinen so stark diskutiert worden. Durch die Debatte weht der raue Wind der Identitätspolitik. Doch für den Berufsstand der Übersetzer kann das nur Grund zur Freude sein.

Kurz zum Hintergrund: Es begann Ende Februar mit einer Geschichte aus unserem nordwestlichen Nachbarland. Der Amsterdamer Verlag Meulenhoff hatte mit der Übersetzung des Gorman-Gedichts ins Niederländische Marieke Lucas Rijneveld beauftragt, immerhin 2020 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. Dies nannte die schwarze Journalistin und Aktivistin Janice Deul in einem Zeitungsartikel „onbegrijpelijk“ – unbegreiflich. Richtig gewesen wäre eine Künstlerin mit Nähe zur Spoken Word Poetry, jung, weiblich und schwarz. Rijneveld, jung, nicht-binär und weiß, gab den Auftrag zurück. Kurz danach kündigte der spanische Verlag seinem Übersetzer, sein Profil passe nicht, erklärte man ihm laut AFP.

Dürfen nur Schwarze Schwarze übersetzen?

Nach Deutschland geschwappt, wurde das Thema mal gründlich diskutiert, mal grob zugespitzt. Das Börsenblatt, Branchenmagazin der Verlage und Buchhändler, startete sogar eine Online-Umfrage: „Sollte ein Übersetzer oder eine Übersetzerin die gleiche Identität wie der Autor oder die Autorin haben?“ Dreht man dies weiter, landet man bei den Lesern. Können sie es verstehen, wenn nur eine schwarze junge Frau die richtigen Worte findet für „a skinny Black girl“, wie das lyrische Ich sich nennt, „ein dünnes schwarzes Mädchen“? Während also Mr. Biden versprach, er wolle sein zerrissenes Land einen, fing man außerhalb der USA an, sich auszudifferenzieren. Dabei hat Dichtung doch einen universellen Anspruch.

Der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe stand derweilen wie ein Musterschüler da, denn er hatte ein Frauen-Trio beauftragt: Kübra Gümüsay, die übrigens einige Jahre in Oxford gelebt hat, beweist mit ihrem Buch „Sprache und Sein“ ihre Sensibilität für das Thema. Die Arbeitsschwerpunkte der Journalistin Hadija Haruna-Oelker passen zu den Gedanken in Amanda Gormans Gedicht: Jugend und Soziales, Migration und Rassismusforschung. Und sie ist schwarz. Uta Strätling schließlich ist Übersetzerin von Beruf, hat zum Beispiel Teju Cole und Emily Dickinson übertragen, Chinua Achebe und Gertrude Stein.

Das Gedicht und seine Autorin

Amanda Gorman wurde 1998 in Los Angeles geboren und setzt sich für soziale Gerechtigkeit, Gendergleichheit und gegen Rassismus und Unterdrückung ein. 2017 wurde sie zur ersten National Youth Poet Laureate der USA ernannt. Am 20. Januar 2021 trug sie bei der Amtseinführung des 46. US-Präsidenten Joe  Biden als jüngste Inaugurationsdichterin in der Geschichte ihres Landes ihr Gedicht „The Hill we climb – Den Hügel hinauf“ und erfuhr ein weltweites Echo.

Das Buch mit dem Gedicht auf Deutsch und im Original erscheint bei Hoffmann und Campe in Hamburg, hat 64 Seiten, kostet 10 Euro. Gormans Kinderbuch „Change Sings“ und ihr Gedichtband „The Hill we climb and Other Poems – Den Hügel hinauf und andere Gedichte“ sind für September 2021 im Verlag Hoffmann und Campe angekündigt.

Im Team zu übersetzen, ist gar nicht so ungewöhnlich. Demnächst kommt auch das Buch „Sister Outsider“ von Audre Lorde (1934–1992) heraus, einer schwarzen amerikanischen Dichterin und Feminismus-Aktivistin. Übersetzt haben es Eva Bonné und Marion Kraft. Sie sind, im Zusammenhang der Debatte ist das wichtig: eine weiße und eine schwarze Frau. Am Telefon sagt Eva Bonné, Übersetzerin zum Beispiel von Rachel Cusk und Michael Cunningham,  dass der Vorschlag zur Teamarbeit vom Verlag kam. „Wir hätten das Buch sicher beide allein gut übersetzen können, und dann wären zwei verschiedene ,Sister Outsider‘ herausgekommen. Doch keine wäre so gut wie das Buch, das jetzt bei Hanser erscheint.“ Sie hätten sehr viel miteinander gesprochen. „Marion hat mir unheimlich viel voraus: Als Aktivistin, als Literaturdozentin, als Audre-Lorde-Übersetzerin brachte sie so einiges an Wissen und Kenntnissen mit, was man sich nicht einfach mal schnell aneignen kann. Sie war eine von diesen afrodeutschen Frauen, die Audre Lorde damals ermutigt hatte, sich zusammenzuschließen und zu engagieren.“

Ihre Co-Übersetzerin Marion Kraft arbeitet nicht hauptberuflich als Übersetzerin, sondern als Autorin, Herausgeberin und Literaturwissenschaftlerin. Sie sieht es als ein strukturelles Problem des deutschen Literaturbetriebs an, bei Übersetzungen zu wenig divers zu sein, was sich im Detail bei Kulturtransfer und Sprachgebrauch auswirke. „Wenn diese Debatte dazu führt, dass BPoC-Stimmen nun vermehrt gehört werden, sei es als Übersetzerinnen und Übersetzer oder andere Expertinnen, hat sie wenigstens einen positiven Zweck erfüllt“, teilt sie per E-Mail mit.

Neue Begriffe für eine Sprache, die nicht diskriminieren soll

Was „BPoC“ heißt, schlagen wir bei den Neuen deutschen Medienmachern nach: PoC ist „eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich auch selbst nicht so definieren“. Und weiter: „Inzwischen wird häufiger von BPoC (Black and People of Color) gesprochen, um Schwarze Menschen ausdrücklich einzuschließen.“ Die Ausdifferenzierung der Begriffe ist umständlich, deutsche Worte könnten die Kommunikation erleichtern. Aber offenbar ist es derzeit nur so möglich, rassistische und beleidigende Wendungen zu vermeiden.

Der interessanteste Beitrag dieser Tage stammt von Frank Heibert. Er ist einer der vielseitigsten und erfahrensten Übersetzer ins Deutsche, zum Beispiel aus dem Englischen (Don DeLillo, Richard Ford) und dem Französischen (Raymond Queneau, Marie Darrieussecq). Im Online-Literaturmagazin tell-review.de veröffentlichte er einen Artikel unter dem Titel „Wer darf, wer soll, wer kann?“. Beginnend bei Diskriminierung und Privilegien klopft er alle wichtigen Fragen ab, führt über die Deutungsmacht bis hin zu verunglückt witzigen Reaktionen auf den Wunsch, eine schwarze Übersetzerin solle sich des Textes annehmen: „Nun müssen die Chinesen sich aber anstrengen, eine schwarze Chinesin mit Legasthenie und einer alleinerziehenden Mutter zu finden, um als Übersetzerin von Amanda Gormans Gedicht qualifiziert zu sein!“ Er hat auch beobachtet, dass der Umgang mit Rijneveld als Rassismus bezeichnet wurde: „Ausschluss nur wegen der Hautfarbe!“

Am Telefon sagt er gleich, dass Janice Deul, jene niederländische Aktivistin, selbst klargestellt habe, es sei ihr nicht darum gegangen, dass nur Schwarze Schwarze übersetzen dürfen, sondern um den Zugang einer übersehenen Gruppe zur literarischen Öffentlichkeit, um Chancengleichheit. Er freut sich über die Aufmerksamkeit für seinen Berufsstand: „Das Übersetzen befand sich doch für die meisten Menschen vorher im toten Winkel der Wahrnehmung.“

Frank Heibert: Beim Übersetzen „brizzelt“ es

Und so lenkt er zur eigenen Kunst und der seiner Kollegen: Ein gutes deutsches Sprachgefühl und für die andere Sprache allein reichten nicht aus, entscheidend sei der Transferprozess. Heibert beschreibt es, als würde der Übersetzer seine beiden Sprachen innerlich wie mit einem Stromkabel verbinden, und wenn dies klappe, „dann brizzelt es“. Er habe selbst einmal einen Roman bekommen, den er begeistert las und dennoch merkte: „Ich spüre nicht, wer genau da spricht. Ich hätte dafür keine überzeugende deutsche Stimme. Das Übersetzen ist eine psychologisch-empathische Angelegenheit, wir müssen diese Wörter und Sätze alle in uns finden. Das innere Sprachsystem ist ja nicht nur ein Computer im Kopf, der die Bedeutungen scannt. Man erspürt, was trifft genau die Schwingung, die im Original angezupft wurde, wie kann ich das im Deutschen auch machen? Ich habe dem Verlag zu dem Buch gratuliert und es dennoch abgelehnt. Es hat dann jemand anders richtig gut übersetzt.“

Dazu passen Zeilen aus dem Gedicht, das Marieke Lucas Rijneveld drei Wochen nach ihrem Rückzug veröffentlichte: „du willst sagen, dass du vielleicht/ nicht alles verstehst/ dass du/ sicher nie ganz den richtigen Nerv/ triffst, aber dass du es sehr wohl/ fühlst, ja, du fühlst es, mag der/ Unterschied auch zollbreit sein.“ Eine Entschuldigung, übersetzt von Ruth Löbner.

Nur wenige Stunden nach der Fernsehübertragung des Vortrags von Amanda Gorman im Januar kursierten im Internet bereits deutsche Fassungen des Gedichts. Nun erscheint die, die Bestand haben und die Leser bewegen soll. Wir können uns sicher sein: Jedes einzelne Wort wurde mit Bedacht gewählt.