„Aufstand“: José Ovejero hat einen Roman über eine Hausbesetzerin geschrieben

Spanien ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. José Ovejeros Roman „Aufstand“ gehört zu den Entdeckungen, die dadurch möglich sind. 

27.12.2018 José Ovejero photo: Isabel Wagemann
27.12.2018 José Ovejero photo: Isabel WagemannIsabel Wagemann

Ana ist ein Eltern-Alptraum. Sie streitet und provoziert, vergleicht ihren Vater mit einem Huhn in der Legebatterie, läuft im Alter von 14 das erste Mal davon und zieht mit 17 in ein besetztes Haus. Dabei wurde sie von freundlichen Leuten aufgezogen, ihre Mutter schneidert Taschen aus Recyclingmaterial, Vater Aitor ist Radiomoderator. Die beiden leben getrennt.

José Ovejeros Roman „Aufstand“ führt uns ins Madrid der Gegenwart, wo Menschen unter der Wirtschaftskrise leiden, Wohnraum immer knapper wird. Aitor bekommt nur noch schlechte Sendeplätze, muss sich beim Chef anbiedern, protestiert höchstens halbherzig, als eine schwangere Kollegin gefeuert wird. Der Kompromisslosigkeit seiner Tochter entgeht dagegen nichts: kein Geschleime und keine Fiesheit in der Schule, keine unterbezahlte Kassiererin, kein in eine Craft-Bier-Bar umgewandelter Kleingewerbebetrieb, kein Flüchtlingslager und kein Mensch im globalen Süden, auf dessen Kosten der europäische Wohlstand geht.

Eine Gegnerin des „Systems“

Sie ist nicht bereit, sich in dieses „System“ einzufügen, liest anarchistische Bücher, lässt Feuerwerkskörper vorm Rathaus explodieren. Ihr Umzug in ein besetztes Haus führt sie unter Leute, die sich gegen Gentrifizierung und die Touristenflut stemmen. Der Roman schildet die gute Stimmung dort, aber auch versiffte Matratzen und das ziemlich irre Unterfangen, einen Bombenanschlag auf einen Hotelneubau zu planen.

Ovejero folgt meist Vater und Tochter, aber auch, zum Beispiel, dem Privatdetektiv, den die Eltern auf ihre Tochter ansetzen – wohl wissend, dass der zur Polizei gehen muss, wenn er etwas Illegales bemerkt. Aus unterschiedlichen Perspektiven schildert der Autor, was seine Figuren denken, fühlen, tun: Aitor kauft eine zu teure Wohnung. Ana ignoriert wichtige Widersprüche.

Vieles, wovon der Roman erzählt, gibt es auch in Deutschland (hohe Mieten, prekäre Freiberuflichkeit, Sparmaßnahmen, nicht zuletzt im Journalismus). Wer sich über Leute ärgert, die sich an Straßen festkleben, wird ihre Radikalität nach der Lektüre vielleicht besser verstehen, auch wenn es im Roman nicht um Klimaschutz geht. Das Interessante daran: Auch wenn Ana die leuchtendere Figur ist als der anpassungsbereite Aitor, zeigt der Autor in Rückblenden dessen begrabene Träume und die große Liebe zu Ana. „Aufstand“ ist auch ein Roman über einen Vater und seine Tochter. 

Auf spröde Art poetisch

Sein Verfasser begegnet allen Figuren mit Respekt – egal, ob es um eine Frau, die unter Plastikplanen wohnt, einen Detektiv am Rande der Pleite, überforderte Eltern oder um einen jungen Hausbesetzer geht, der sich einen Minirock anzieht, um zu zeigen, wie egal ihm die Geschlechtergrenzen sind. Immer schaut Ovejero genau hin und findet schnörkellose, dabei öfter auch behutsame Worte.

Es steckt also viel in diesem Buch. Von Anfang an liest es sich ausgesprochen gut, am Ende wird es sehr spannend. Patricia Hansel überführte Ovejeros Spanisch in ein klares, direktes, lebendiges Deutsch. Manchmal wird es auch auf spröde Art poetisch, denn Ana hängt ihrem Vater lange zornige Gedichte an den Kühlschrank. Man kann sich bei Verlag und Übersetzerin nur bedanken, dass sie dem deutschen Publikum dieses Buch nahebringen. Vor „Aufstand“ erschien auf Deutsch nur ein einziger Roman Ovejeros, er heißt „Erzähl mir noch einmal von Havanna“. Auf Spanisch gibt es etwa ein Dutzend. 

José Ovejero: Aufstand. Roman. Aus dem Spanischen von Patricia Hansel. Edition Nautilus, Hamburg 2022. 327 Seiten, 26 Euro

Lesung und Gespräch mit José Ovejero (in deutscher Sprache): 25. Oktober, 20 Uhr,  Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustraße 2a, Eintritt frei