Er debütierte 2008 mit „Becks letzter Sommer“, sein acht Jahre später veröffentlichter Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste und wurde bislang in 37 Sprachen übersetzt: Benedict Wells ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Generation. Gerade ist sein neuer Roman „Hard Land“ erschienen. Er erzählt von einem Jungen in den USA, der sich einer Gruppe von Freunden anschließt, die ein altes Kino am Leben halten, während seine Mutter gegen eine schwere Krankheit kämpft. Wir sind zum Skype-Gespräch verabredet.

Berliner Zeitung: Herr Wells, mit Mitte 20 veröffentlichten Sie Ihr erstes Buch, dessen Held war 37 Jahre alt, so wie Sie selbst in wenigen Tagen werden. Mit Ihrem neuen Roman führen Sie uns zu Teenagern in den 80ern, als Leute jung waren, die wiederum sehr viel älter sind als Sie. Wieso haben Sie diese Zeit gewählt?

Benedict Wells: Obwohl ich in den 90ern aufwuchs, waren die 80er in meiner Kindheit sehr präsent. Im Radio lief die Musik dieser Zeit, im Fernsehen Filme wie „Breakfast Club“, „Zurück in die Zukunft“ oder „Stand By Me“. Ich habe das alles inhaliert. Deshalb hatte ich schon früh eine Sehnsucht nach diesem Land und dieser Zeit. Insgeheim wäre ich lieber dort aufgewachsen.

Was spricht gegen Ihre eigene Teenager-Zeit?

Scherzhaft gesagt: ziemlich viel. Ich war froh, als sie endlich vorbei war. Deshalb bin ich auch kein Experte für meine Generation, sonst hätte ich mich ja schon damals besser zurechtgefunden. Und auch beim Erzählen hätte ich mich von meinen eigenen Erfahrungen eher limitiert gefühlt.

Inwiefern?

Ich hätte dann ja nur meine eigene Perspektive zur Verfügung gehabt. Die 80er in Amerika dagegen bedeuteten für mich als Autor Freiheit, die Weite eines anderen Lands und einer anderen Zeit. Es gab nie eine Desillusionierung. Ich konnte mit einer Sehnsucht schreiben, die mir bei den Neunzigern in Bayern nicht möglich gewesen wäre. Und gerade diese Sehnsucht war ein Gefühl, das ich mit der Geschichte erzeugen wollte.

Wie kamen Sie auf den Schauplatz, eine Kleinstadt in Missouri?

2008 war ich für mein damaliges Buch längere Zeit in den USA unterwegs. Ein Roadtrip mit Freunden, von der Ostküste zur Westküste und zurück. Manchmal bogen wir auch von den Schnellstraßen ab und kamen so in ein Kaff am Missouri River. Und kaum, dass ich dort war, spürte ich ganz stark: Hier muss eines Tages „Hard Land“ spielen, natürlich fiktionalisiert ... Wobei ich den Titel dem Autor Joey Goebel aus Kentucky verdanke.

Das müssen Sie erklären.

Heute bin ich mit Joey gut befreundet. Aber schon als ich 2007 zu Diogenes kam, war ich ein großer Fan seiner Bücher und fragte sofort, ob es etwas Neues von ihm gebe. „Ja“, wurde mir gesagt, „Hard Land“. So hatte ich den Titel verstanden und war in dem Moment fast erstarrt, weil ich auf einmal alles vor mir gesehen habe, was ich schon immer schreiben wollte: Weizenfelder, ein 16-Jähriger, ein auch schwieriges Aufwachsen in Amerika ... Ich hatte damals ein Gefühl von fast schon Eifersucht. Denn Joey ist mir als Autor unglaublich nah in der Art, wie er Menschen sieht und beschreibt, ich war mir deshalb sicher, dass er auch das gleiche Buch schreiben würde. Und da er so verdammt gut ist, war ich sofort entmutigt.

Aber er hat sicher nicht genau das geschrieben?

Nein, im Gegenteil. Sein Roman heißt in Wahrheit „Heartland“ und dreht sich um eine zerrüttete Familie und Wahlkampf und Politik in der Provinz – übrigens unglaublich prophetisch. Er erzählte quasi schon zehn Jahre früher von dem Milieu der Trump-Wählerschaft und das auch noch mal vielschichtiger und gewitzter als J. D. Vance in seiner „Hillbilly Elegy“. Was ich schreiben wollte, war also noch frei.

Ich kenne diese Giganten-Langeweile mancher Tage selbst noch. Ich bin analog aufgewachsen, erst mit 17 gab’s das erste klobige Motorola-Handy, natürlich noch ohne Internet.

Benedict Wells

Die Filme gesehen zu haben und die Zeit lebendig werden zu lassen, sind zwei verschiedene Dinge. Wie haben Sie sich hineinbegeben in die 80er? Mich hat zum Beispiel beeindruckt, wie das Mädchen Kirstie sagt, die Nacht sei wie das Negativ vom Tag. Solch ein Bild würde nicht zu heutigen Erfahrungen passen.

Danke. Ich wollte es nicht mit Klischees wie dem Rubik-Würfel erzählen. Ich habe eher überlegt: Was antwortet man auf die Frage: Wer ist der beste Basketballer aller Zeiten? Es fallen diverse Namen, du wartest auf Michael Jordan – aber er kommt nicht. Und genauso wichtig war mir das Gefühl für diese Zeit, die in vielem so anders war als jetzt, und deren Popkultur ich als Kind aufgesaugt hatte. Ich kann über einen gelben Highschool-Bus in den USA viel mehr erzählen als über den RVA-Ostallgäu-Bus, den ich als Heimschüler selbst benutzt habe. Aber das alles soll keine Verklärung sein, die 80er waren auch ein schwieriges Jahrzehnt.

Es war die Präsidentschaft von Ronald Reagan.

Es gab Kalten Krieg und echte Angst vor einer atomaren Eskalation, sauren Regen, Rückständigkeit, Homosexualität war in den USA vielerorts verboten. Deshalb bildete die Popkultur für mich eher das Gegengewicht zu all dem. Das wurde mir auch beim Schauen unzähliger Eighties-Klassiker noch mal bewusst.

Auf welche Weise?

Mir fiel auf, dass die meisten eine Naivität und Eindeutigkeit haben, die es heute so nicht mehr gibt. Die Coming-of-Age-Filme von damals zeigen oft simple Einzelschicksale. Als ich aufgewachsen bin, in den 90ern, ging es eher um die Frage, wer sind wir eigentlich als Ganzes? Man denke an Couplands „Generation X“ oder Winona Ryders Anfangsrede aus „Reality Bites“. Es galt nicht mehr, sich gegen etwas zu definieren, das Jahrzehnt war nach dem Fall der Mauer und dem zu früh ausgerufenen „Ende der Geschichte“ eher wie ein Halt auf freier Strecke. Statt Selbstverständlichkeit auf einmal viel Zeit für Selbstreflexion und Ironie. Doch andererseits waren die 90er für mich auch wie ein Bruder der 80er. Ich kenne diese Giganten-Langeweile mancher Tage selbst noch. Ich bin analog aufgewachsen, erst mit 17 gab’s das erste klobige Motorola-Handy, natürlich noch ohne Internet.

Foto: Roger Eberhard
Zur Person

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. 2008 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Becks letzter Sommer“, es folgten „Spinner“ und „Fast genial“. Sein vierter Roman, „Vom Ende der Einsamkeit“, 2016 erschienen, war sein bisher größter Erfolg und wurde u. a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) ausgezeichnet und zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels gewählt. Nach mehreren Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells jetzt in Zürich.

Die 80er waren für uns im Osten die Zeit der Stagnation und andererseits des atomaren Wettrüstens. Der Roman ist aber nicht politisch.

Das stimmt, Politik spielt nicht so eine Rolle wie etwa in „Fast genial“. Es soll ja auch eher eine Hommage an die Eighties-Coming-of-Age-Klassiker sein. Ich habe an diesen Filmen oder auch späteren wie „The Perks of Being a Wallflower“ und den John-Green-Büchern immer geliebt, dass sie wie ein Zuhause waren. Dass sie das Elend der Jugend zeigen, den aufrichtigen Schmerz, die Angst. Aber eben auch, dass es trotzdem weitergeht, dass man nie für immer das ist, was man damals zu sein glaubte.

Wie kommen Sie jetzt auf John Green, den Autor von so großartigen Büchern wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder „Eine wie Alaska“? Der hat ja nichts mit den 80er-Jahren zu tun.

Nein. Doch auch „Hard Land“ dreht sich ja nur nach außen um die Eighties, es trägt quasi eine Jeansjacke. Innendrin steckt aber eine universelle Geschichte über das Erwachsenwerden, da geht es vielmehr um die Figuren und zeitlose Fragen – wie etwa auch den ersten Umgang mit Verlust und Tod. Und wenn man an Autoren denkt, die sich mit diesen existenziellen Themen bei Jugendlichen beschäftigen, landet man schnell bei John Green und seinen auch von mir geliebten Romanen. Trotzdem wollte ich die gesellschaftlichen Konflikte der 80er zumindest im Hintergrund mitlaufen lassen und zeigen, wie schwierig es für Außenseiter in dieser konservativen Gegend war oder wie die Stadt abgewickelt wird. Die Fabrik hat dichtgemacht, das Kino wird für immer schließen, viele Menschen verlassen den Ort. Auch der Vater meiner Hauptfigur ist arbeitslos.

Es bricht mir das Herz, wie das Ende des Kinos in vielen Ländern durch die Corona-Pandemie noch schneller eingeläutet wird.

Benedict Wells

Kulturell ist es eine entscheidende Zeit gewesen, weil die Multiplexe aufkamen. Welche Bedeutung hat das Kino für Sie?

Eine große. Es bricht mir das Herz, wie das Ende des Kinos in vielen Ländern durch die Corona-Pandemie noch schneller eingeläutet wird. Dieses Ausmaß konnte ich mir beim Schreiben noch nicht vorstellen. Trotzdem war es auch ein Zeichen für die Kinokultur, dass ich im Roman diesen zentralen Ort gewählt habe: Das verstaubte, alte „Metropolis“, in dem Sam in diesem Sommer 1985 anfängt und neue Freunde kennenlernt.

Da Sie die Pandemie ansprechen: Die Menschen im Alter Ihrer Helden haben wegen Covid-19 im vergangenen Jahr ihren Schulabschluss ohne Glanz erlebt, sie begaben sich in Ausbildung oder Studium online, ohne Kommilitonen zu begegnen. Machen Sie sich darüber Gedanken?

Ja, natürlich, ich habe auch Verwandte in dem Alter und leide da sehr mit. Das Ende der Schulzeit war damals für uns alle befreiend: endlich nicht mehr eingesperrt. Stattdessen eine fast glücksbesoffene Vorfreude auf das große Danach, auf Reisen, neue Leute, eine Zeit im Ausland. Kinobilder für die Erinnerung. Und die Jugendlichen heute können sich ja noch nicht einmal in Opposition dazu begeben, da sie wissen, dass es eben notgedrungen ist, weil die Pandemie Todesopfer fordert und Existenzen zerstört. Aber sie zerstört darüber hinaus auch Träume.

In der Zeit sind die richtigen Freunde wichtig, man macht erste Erfahrungen mit Alkohol, mit Sex, es verändert sich der Platz in der Familie. Wie haben Sie mit all dem beim Schreiben jongliert?

Mich hat als Teenager genau diese Mischung fasziniert, die Gleichzeitigkeit von Gefühlen. Melancholie und Euphorie schienen sich nicht mal mehr abzuwechseln, sondern eins zu werden. Deshalb erfindet eine Figur im Roman den Begriff „Euphancholie“. Es heißt ja auch in einem Eighties-Song: „Dancing With Tears In My Eyes“. Und auch das eigene Ich teilt sich plötzlich auf. Man hat gegenüber den Freunden oft eine andere Position als gegenüber den Eltern, sogar sich selbst gegenüber nimmt man je nach Situation nur eine Rolle ein – alles zum ersten Mal.

Und da fügen Sie noch Musik hinzu. Warum haben Sie unter dem Titel „Hard Land“ eine Playlist auf Spotify erstellt?

Das habe ich zu allen Büchern gemacht, wie beim Soundtrack zu einem Film. Musik ist oft meine erste Annäherung an ein Buch. Es geht da weniger um den Text, sondern um das, was mitschwingt. Zum Beispiel „Highway Patrol Stun Gun“ von Youth Lagoon. Ein melancholischer Song, aber durch das Piano auch beschwingt. Als ich ihn 2015 zum ersten Mal hörte, arbeitete ich gerade an „Hard Land“, und sofort haben sich in meinem Kopf Bilder aufgetan. Ich habe Sam gesehen, wie er mit seiner Mutter redet, Angst um sie hat, sich gleichzeitig verliebt und sich im Sommer seines Lebens wiederfindet – das alles passierte, während ich in Berlin über die Torstraße lief und beim Song ständig auf Repeat drückte. Ich wollte dieses Gefühl mit meiner Geschichte herstellen, ebenso die Stimmung von „I’m On Fire“ von Bruce Springsteen. Musik ist für mich oft der Schlüssel zum Schreiben. Mit ihr versuche ich, das zunächst Wortlose zum Sprechen bringen. Bis die Geschichte dann nach vielen Jahren und Fassungen in Schwarz auf Weiß ungefähr so ist, wie ich sie immer schon bunt im Kopf hatte.

Passend zu den Soundtracks zum Buch setzen Sie noch einen drauf und kündigen sogar eine Konzerttournee an! Wie kam es dazu?

Ich finde, das passt einfach gut zusammen. Und ich tue mich ehrlich gesagt etwas schwer, auf Tour so oft allein im Mittelpunkt zu stehen. Ich liebe das Danach, die Begegnungen und persönlichen Gespräche mit den Leserinnen und Lesern. Manchmal geht es stundenlang bis um drei Uhr früh, am Ende entsteht eine Stimmung wie im Nachtzug. Bei den größeren Bühnen ist es jedoch einfach schöner, wenn man das alles auch mit jemandem teilen kann. In diesem Fall mit Jacob Brass, ein guter Freund von mir, und ein hervorragender Musiker.

Dann spielen und lesen Sie im Wechsel oder singen Sie auch?

Nur wenn ich will, dass alle schreiend aus dem Saal rennen ... Nein, im Ernst, ich fand es einfach gut, Musik und Lesung abzuwechseln, ohne sich immer mit seiner eigenen Person davorzustellen. So wirkt das Gelesene mehr für sich allein. Wobei es immer auch spannend ist, Fragen aus dem Publikum zu hören, das werden wir zwischendrin sicher auch machen.

Auf der Verlagswebseite steht bei Lesungen im April und Mai in Großbuchstaben „Abgesagt“ neben dem Termin. Die Konzerte sollen am 20. Oktober beginnen. Sind Sie sicher, dass die stattfinden können?

Das ist natürlich eine Wette auf die Zukunft. Wenn es möglich ist, wollen wir es unbedingt machen, wir freuen uns wahnsinnig darauf. Aber es steht uns nicht zu, deswegen zu jammern. Ich habe keinen Laden, der wegen der Pandemie geschlossen werden musste. An unserer Tour hängt nicht die Zukunft von Mitarbeitern. Als Künstler sind wir dafür da, jetzt Hoffnung zu kreieren. Meine Situation ist ja sowieso vergleichsweise privilegiert.

Zum Buch

„In diesem Sommer verliebte ich mich und meine Mutter starb.“ Der erste Satz des Romans „Hard Land“ bringt die wesentlichen Erlebnisse des jungen Ich-Erzählers Sam in einer amerikanischen Provinzstadt Mitte der 1980er-Jahre zusammen. Benedict Wells fächert die Erfahrungen seines Helden in begeisternde und bedrückende Episoden auf, er zeigt, wie schwer und wie leicht die Schwelle zum Erwachsensein zu nehmen ist. Dieses Buch vom Ankommen und Abschiednehmen erzählt von Einschnitten, wie sie damals erschüttern konnten und wie sie heute noch Menschen prägen.

Benedict Wells: Hard Land. Roman. Diogenes, Zürich 2021. 352 Seiten, 24 Euro. 

Lesung & Konzert in Berlin: 2. November 2021 im Babylon in Mitte.

Wieso? Weil Bücher ohnehin erscheinen und auch in den Regionen mit geschlossenen Buchhandlungen gekauft werden können?

Auch. Aber vor allem, weil ich die Chance hatte, unter normalen Bedingungen meinen Weg zu gehen. Das ist ein großes Glück. Ich muss mir ja nur vorstellen, wie es wäre, wenn ich jetzt Anfang 20 wäre und „Becks letzter Sommer“ erscheinen würde. Wie ich mich jahrelang auf meine erste Tour gefreut hätte, und nun fällt alles aus. So wie es leider vielen Debütantinnen und Debütanten gerade passiert. Und genauso hoffe ich, dass die Buchhandlungen gut durch die Pandemie kommen. Auch deshalb gibt es anfangs wieder kein E-Book.

Das heißt: „Hard Land“ erschient zum Start erst mal nur gedruckt. Warum?

Es ist mein Statement für den stationären Buchhandel, der mir genauso wichtig ist wie die Kinos. Und E-Books werden nun mal fast nur online und bei Amazon gekauft. Ein Buch aus Papier dagegen hat eine gute Chance, in einer Buchhandlung gekauft zu werden. Die alle übrigens – ob geschlossen oder nicht – auch während der Pandemie schnell liefern, immer erreichbar sind und ihr Bestes geben – und sich über jeden Auftrag freuen.

Sie waren auch einmal Debütant, wie haben Sie den Schritt aus der Unsichtbarkeit damals und den Erfolg dann erlebt?

Ich versuche immer noch, in dieses Wahnsinnsglück hineinzuwachsen. Ich habe „Vom Ende der Einsamkeit“ in winzigen WG-Zimmern in Barcelona und später Berlin geschrieben, dort auch mit Schulden, um weitermachen zu können. In dieser Situation groß vor sich hin zu träumen, war leicht. Und dann wird das alles plötzlich wahr. Das Schönste und Surrealste, was mir je passiert ist. Ich muss aber zugeben, dass mich der Erfolg manchmal auch überforderte.

In welcher Hinsicht?

Wie viele Menschen definiere ich mich eher über meine Schwächen. Ich mache einen Haufen Fehler, aus denen ich dann zu lernen versuche, bin oft unsicher und muss mich für jeden Mist überwinden. Das öffentliche Autoren-Ich dagegen ist von all dem befreit. Es hat auch nicht meine persönlichen Verluste erlitten, und als ich die vielleicht schwierigsten Jahre meines Lebens hatte, hatte es diesen Erfolg und wuchs mir damit über den Kopf. Das alles war ungewohnt, aber so ging es sicher schon vielen in der Situation. Und tief in mir bin ich einfach nur dankbar, dass ich diese Chancen haben durfte, nicht erst seit der Pandemie. Ich weiß, wie aussichtslos es in den ersten Jahren schien bei all den Absagen, und wie hart ich dafür gearbeitet habe. Bloß arbeiten andere ja ebenfalls hart und hätten es genauso verdient. Ich hatte eben auch viel Glück.

Was immer du den Amerikanern vorwerfen möchtest, jedes Klischee, das findest du dort. Doch nur eine Ecke weiter begegnet dir schon das komplette Gegenteil.

Benedict Wells

An „Vom Ende der Einsamkeit“ haben Sie sieben Jahre gesessen, wie lange war es diesmal?

Fünf bis sechs Jahre. Ich habe gemerkt, je länger ich mit den Figuren lebe, desto mehr erzählen sie mir über sich. Auch deshalb bin ich für das alles sehr dankbar.

Weil der Erfolg diese Zeit ermöglicht hat?

Ja. Mit Anfang oder Mitte 20 habe ich die Manuskripte viel früher aus der Hand gegeben, jetzt habe ich das Privileg zu warten, bis es für mich gut ist.

Verraten Sie, was Sie zu früh abgegeben haben?

„Fast genial“. Ich war damals pleite, hatte keine Versicherung und fand keinen Job in Barcelona während der „crisis“, der spanischen Finanzkrise. Ich brauchte einfach das Geld. Also habe ich mir eingeredet, ich wäre fertig. Jahre später habe ich das Buch dann aber noch mal überarbeitet. Ebenso meinen ersten Roman „Spinner“. Bei beiden war ich vorher einfach nicht sorgfältig genug.

Ein ungewöhnlicher Vorgang! „Fast genial“ spielte auch schon in den USA. Wir sprachen davon, dass die 80er-Jahre durch Ronald Reagan schwierig waren. Doch als Sie „Hard Land“ schrieben, regierte Donald Trump. Was hat das für Sie bedeutet?

Für mich war die erste große Desillusionierung der Irakkrieg und dass Bush trotz all der ans Licht gekommenen Lügen wiedergewählt wurde. Doch als ich dann 2008 durch die USA gefahren bin, im letzten Bush-Jahr, wurde mir klar: Dieses Land ist einfach größer als alle Vorurteile. Das gleiche nun wieder, als ich 2019 monatelang dort war und Trump regierte. Auch da hatte ich vor der Reise gemischte Gefühle. Und ja, was immer du den Amerikanern vorwerfen möchtest, jedes Klischee, das findest du dort. Doch nur eine Ecke weiter begegnet dir schon das komplette Gegenteil. Und dann gibt es auch noch die Millionen Obdachlosen, Abgehängten und Durchs-Raster-Gefallenen, die eine Art drittes Land bilden, das öffentlich kaum stattfindet, weil es keine Stimme hat. Das alles hat mich demütiger gemacht in einem pauschalen Urteil gegenüber Amerika.

In der ZDF-Sendung „Aspekte“ sah ich Sie stapelweise Exemplare Ihres neuen Buchs signieren. Meine letzte Frage betrifft die Gesundheit: Wie geht es Ihrer rechten Hand?

Danke, ganz gut so weit. Da die Frühjahrstour ausfällt und es keine Begegnungen mit Leserinnen und Lesern gibt, wollte ich mit den vorsignierten Büchern zumindest ein bisschen etwas Persönliches hineinbringen. Ich hoffe nur, man kann meine Schrift entziffern.