Peter Prange: „Frauen sind das viel interessantere Geschlecht“

Der Bestsellerautor Peter Prange im Gespräch über weibliche Protagonistinnen, dumme finanzielle Entscheidungen und das Spazieren durch die eigenen Träume.

Peter Prange lässt die Geschichte wieder aufleben: Am 26. Oktober erschien sein neues Buch. 
Peter Prange lässt die Geschichte wieder aufleben: Am 26. Oktober erschien sein neues Buch. Christian Schulz

Sucht man in der Buchhandlung nach Büchern von Peter Prange, findet man ausschließlich dicke Wälzer – nichts unter 500 Seiten. Der Schriftsteller verfasst historische Romane, sie handeln von unterschiedlichen Etappen deutscher Geschichte,  etliche davon, etwa „Das Bernstein-Amulett“ oder „Unsere wunderbaren Jahre“, sind Bestseller. Mit einer Gesamtauflage von drei Millionen verkauften Büchern gehört Prange zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Am 26. Oktober erschien der zweite und letzte Band seiner 20er-Jahre-Liebesgeschichte: „Der Traumpalast – Bilder von Liebe und Macht“, der die goldenen 20er in Berlin im Rampenlicht der UFA-Traumfabrik spiegelt. Die Berliner Zeitung hat mit ihm zu diesem Anlass gesprochen, wenn auch nur fernmündlich.

Berliner Zeitung: Hand aufs Herz, Herr Prange – wie ist die Formel?

Peter Prange: Wenn man Erfolg kalkulieren könnte, gäbe es nur Besteller auf dieser Welt. Es ist eine vollkommen unkalkulierbare Branche, und das hat seinen Grund darin, dass wir mit Emotionen arbeiten. Ob eine bestimmte Emotion in einem Roman auch die Emotionen trifft, die gerade bei den Menschen vorrangig sind, kann man nicht berechnen. Deshalb versuche ich, Geschichten zu schreiben, die mich selbst am meisten interessieren, in der Hoffnung, dass es andere Menschen gibt, die meinen Geschmack teilen. Außerdem habe ich keine Lust darauf, mein Leben damit zu verschwenden, auf eine vermeintliche Erwartung hinzuschreiben.

Sie haben Ihren ersten Roman vergleichsweise spät veröffentlicht, mit Mitte 40. Wie sind Sie eigentlich zum Schreiben gekommen?

Wie die Jungfrau zum Kind. Bei meinen Studiengängen Romanistik, Germanistik und Philosophie ist es eigentlich naheliegend, in diese Richtung zu gehen. Ich habe in meiner Jugend Gedichte geschrieben, doch während meines Studiums habe ich festgestellt, dass ich der Welt nichts mitzuteilen habe. Deshalb dachte ich, ich übersetze lieber gute Bücher, als dass ich schlechte schreibe.

Letztendlich sind Sie dann aber doch zum Schreiben guter Bücher gekommen.

Meine Lektoren, für die ich übersetzt habe, wollten mich immer wieder ermutigen, doch etwas Eigenes zu schreiben. Ich dachte, überflüssige Bücher gibt es genug. Dann kam allerdings der Moment, der mich zwingend zum Autor gemacht hat. Das war am 19. August 1989 um 21.45 Uhr. Das „heute journal“ eröffnete mit Bildern von DDR-Bürgern, die über einen Zaun drängten. Da hatte ich die Vision der Geschichte über ein geteiltes und wieder vereintes Deutschland, am Beispiel einer getrennten Familie, die mir einfach nicht aus dem Sinn gehen wollte. 

Wie sind Sie mit dieser Vision umgegangen?

Die Idee kam immer wieder in mir hoch. Zwischendurch war ich Unternehmensberater, zu der Zeit habe ich einen Persönlichkeitsratgeber geschrieben, in dem ich steile Thesen wie „das Leben ist zu kurz, um es mit Geldverdienen zu verschwenden“ oder „man soll nur das tun, was man mit ganzem Herzen tut“ vertreten habe. In mir wuchsen Zweifel, wie ich solche Ratschläge geben kann, wenn ich sie selbst nicht befolge. Ich wollte später nicht sagen müssen, dass ich an dieser Stelle gekniffen und es nicht als Schriftsteller probiert hätte. Dann habe ich mir ein Jahr Auszeit genommen und die Vision in meinem ersten Roman umgesetzt.

Und haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?

Nein, nie. Finanziell gesehen war es zwar die dümmste Entscheidung meines Lebens, aber unterm Strich die absolut richtige.

Beginnen all Ihre Bücher mit so einer Vision?

Das ist wirklich komischerweise immer so, dass die Ideen schlagartig über mich kommen, ohne dass ich irgendetwas dafür kann. Deshalb bin ich auch nicht stolz auf meine Ideen, die fallen ja buchstäblich vom Himmel herab. Ich weiß allerdings nie so genau, ob sie jetzt ein Geschenk oder eine Strafe sind.

Weshalb sollten Ideen eine Strafe sein?

Die Idee nimmt Zeit in Anspruch, und zwar zwei Jahre harte Arbeit. Aber natürlich ist es vordergründig ein Riesengeschenk, solche Ideen zu haben. Nur eben etwas zwiespältig.

Ihre Romane sind alle historisch geprägt. Hatten Sie schon immer ein geschichtliches Interesse?

Ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Ich war schon in der Schule eher mittelmäßig in Geschichte, habe das Fach ja auch nicht studiert. Was mich allerdings schon immer brennend interessiert hat: Wie gehen Menschen mit Situationen um, bei denen es ihnen an den Kragen geht. Vor allem bei gesellschaftlichen oder geschichtlichen Umwälzungen zeigen Menschen, wie sie wirklich sind.

Und wie sind die Menschen wirklich?

Wenn es uns allen gut geht, ist es keine Kunst, ein netter Mensch zu sein. Wenn die Situation aber brenzlig wird, wird es interessant. Das macht ein Leben spannend, und das macht letztlich auch meine Geschichten spannend.

Stichwort interessante Menschen – meist sind Frauen die Protagonisten in Ihren Büchern. Wie kommt das?

Erst mal bin ich im Zeichen der Jungfrau geboren, vielleicht deshalb ein bisschen. Zweitens sind Frauen das viel interessantere Geschlecht. Wenn Männer so sind, wie sie gerne sein möchten, sind sie furchtbar langweilig – zielstrebig, geradeaus, konsequent, widerspruchsfrei und hochrational. Frauen sind die schöneren Figuren, weil sie sich Emotionen, Leidenschaft und auch mehr Widersprüchlichkeit erlauben. Frauenfiguren sind in der Regel bunter, abwechslungsreicher oder ganz einfach – spannender.

Haben Sie denn ein Lieblingsbuch, das Sie immer wieder lesen könnten?

Da gibt es einige. Ganz oben steht aber Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ – unfassbar, dass er dieses Buch mit 25 Jahren geschrieben hat. Ich meine, auch Goethe hat „Die Leiden des jungen Werthers“ schon recht jung geschrieben, aber Mann hat mich schon immer fasziniert.

Ist Thomas Mann auch Ihr literarisches Vorbild?

Schon, ja. Ich glaube, jeder Romanschreibende verzweifelt, wenn er die Buddenbrooks liest. Das ist so gut, dass es eigentlich verboten werden müsste. Karl May schätze ich auch sehr, seine Bücher habe ich als Kind verschlungen. Ich befinde mich irgendwo zwischen Thomas Mann und Karl May.

Anders gefragt – welchen Roman halten Sie für hoffnungslos überschätzt?

Mit Hamlet konnte ich nicht viel anfangen. Außerdem halte ich so manches, was in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, zum Beispiel Adalbert Stifter und so weiter, für stinklangweilig. Das sind zwar Klassiker der deutschen Literatur, wenn diese Bücher allerdings heute geschrieben würden, hätten sie null Chancen.

Haben Sie unter Ihren Werken einen Liebling?

Nicht wirklich. Mein erstes Buch „Das Bernstein-Amulett“ liegt mir besonders am Herzen. Dadurch bin ich zum Schriftsteller geworden, ohne dieses Buch wäre mein Leben wahrscheinlich komplett anders verlaufen. Und „Unsere wunderbaren Jahre“, weil es in meiner Heimatstadt Altena spielt und sehr viele Episoden von Bekannten und Verwandten erzählt. 

Die Heimat hat natürlich immer einen besonderen Wert.

Allerdings. Ich habe meine schriftstellerische Grundausbildung im Bettengeschäft meiner Eltern gemacht. Man glaubt gar nicht, was die Menschen im Schlafzimmer alles erzählen. Das hat die Situation so an sich, dass man sich dort so offen zeigt wie an keinem anderen Ort.

Zur person
Peter Prange
kam 1955 im sauerländischen Altena zur Welt. Nach seinem Studium der Romanistik, Germanistik und Philosophie promovierte er zur Sittengeschichte der Aufklärung. Er arbeitete zeitweise als Unternehmensberater, bis er als freier Schriftsteller tätig wurde. Gleich sein erster Roman „Das Bernstein-Amulett“ wurde ein Bestseller und später als Zweiteiler fürs Fernsehen verfilmt. Inzwischen sind seine Romane in 24 Sprachen übersetzt und haben eine internationale Gesamtauflage von mehr als drei Millionen Exemplaren. Am 26. Oktober erscheint sein neuer Roman: „Der Traumpalast – Bilder von Liebe und Macht“. Prange lebt mit seiner Familie in Tübingen.

Wie sieht Ihre Schreibroutine aus?

Mein Schreibprozess ist immer ein Wechselspiel aus Imagination und Recherche. Ich stelle die Figuren nicht in einen beliebigen Raum hinein, ich muss ja wissen, wie es damals wirklich war. Das recherchiere ich sehr gründlich.

Fällt es Ihnen manchmal schwer, Fiktion und Realität zu vereinen?

Nicht wirklich, aber manchmal geht man schon an die Grenzen des Möglichen. Die fiktionalen Beziehungen sind ja das, was in einem Roman wirklich spannend ist. Da muss ich schon schauen, dass das, was ich auf fiktionaler Ebene geschrieben habe, auch in das Zeitgeschehen meiner Geschichte passt. Es ist also wirklich ein Wechselspiel aus Realität und Fiktion. Zum einen, was meine Figuren wollen: träumen, hoffen, wünschen, und zum anderen, was die Realität ihnen als Möglichkeit entgegensetzt. Schreiben ist letztlich genauso wie Leben – ein Abarbeiten von Träumen und Wünschen, das immer durch die Rahmenbedingungen des Lebens eingeschränkt wird.

Fehlt Ihnen manchmal die Kreativität zum Schreiben?

Bei meiner schlimmsten Schreibblockade hatte ich über ein Vierteljahr kein Ende zum wichtigsten Kapitel eines Buchs. Ich hatte regelrecht Angst, mich morgens wieder an den Schreibtisch zu setzen, weil ich dachte, dass ja ohnehin nichts dabei rauskommen würde. Ich hatte keinen Appetit und wollte einfach überhaupt nichts mehr machen. Ich lief nur noch wie ein Zombie durch die Gegend. Irgendwann dachte ich dann, wenn ich diese Geschichte nicht schreibe, kann ich gar keine Geschichten mehr schreiben. Als Schriftsteller braucht man Selbstvertrauen. Wenn das einmal angeknackst ist, ist es schwierig, weiterzumachen.

Also eine Art Berufsrisiko des Autors.

Sozusagen. Das Gemeine am Schriftstellersein ist, wenn man scheitert, dann an sich selbst. Kein Mensch zwingt mich, Schriftsteller zu sein. Kein Mensch zwingt mich, bestimmte Geschichten zu schreiben. An sich selbst zu scheitern ist zehnmal schlimmer, als eine Aufgabe des Chefs nicht erfüllen zu können.

Worauf dürfen sich Ihre Leser im zweiten Band von „Der Traumpalast“ freuen?

Sie dürfen sich auf einen Roman freuen, der drei Geschichten enthält – zum einen eine sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte, die Entstehung der UFA und damit verbunden die Entstehung der Filmkunst in Deutschland und die Geschichte der 20er-Jahre in all ihrer Widersprüchlichkeit. Wenn man die 20er in einem Satz charakterisieren will, ist es eine Entwicklung vom Freiheitsrausch nach dem Ende des ersten Weltkriegs bis zur kollektiven Selbstentmündigung durch die Wahl Hitlers.

Die UFA hat sich die Rechte zur Verfilmung des Buches gesichert. Ist das ein besonderes Gefühl, Ihre Geschichte dann in Farbe auf der Leinwand zu sehen?

Natürlich! Als ich das erste Mal bei Dreharbeiten für die Verfilmung eines meiner Bücher dabei war, habe ich mich gefühlt, als würde ich durch meine eigenen Träume spazieren. Die ganze Welt, die in meinem Kopf entstanden ist, als Kulisse zu erleben, ist schon etwas sehr Besonderes.

Nehmen Sie sich zwischendurch auch einmal eine Pause?

Ich habe nur noch eine gewisse Restlaufzeit, aber noch so viele Ideen, die ich gerne umsetzen möchte. Ich kann nichts anderes, ich will nichts anderes als Geschichten erzählen. Wenn mir das gelingt, bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Also warum langsam machen?


Peter Prange: Der Traumpalast – Bilder von Liebe und Macht. Fischer Scherz, Frankfurt a. M. 2022. 768 Seiten, 26 Euro.