Rebecca Donner: Ich möchte, dass die Leser mit Mildred durch Berlin gehen

Als Jugendliche bekam Rebecca Donner in den USA die Briefe der von den Nazis hingerichteten Mildred Harnack. Ihre Biografie liegt jetzt auf Deutsch vor. Sie ist in der Gegenwart geschrieben.

Die Autorin Rebecca Donner, fotografiert im Café Bilderbuch in Berlin-Schöneberg.
Die Autorin Rebecca Donner, fotografiert im Café Bilderbuch in Berlin-Schöneberg.Sabine Gudath

Die auf deutsche Schriftsteller spezialisierte amerikanische Literaturwissenschaftlerin Mildred Fish begegnete dem deutschen Juristen Arvid Harnack an der University of Wisconsin-Madison 1926, sie heiratete ihn, ging mit ihm nach Berlin. Rebecca Donner, ebenfalls US-Amerikanerin, erzählt detailliert, unterstützt von Fotos, Kalenderauszügen und Briefen, davon in einer Biografie, die jetzt auf Deutsch vorliegt. Eine Amerikanerin in Deutschland, ein ungewöhnliches Leben in ungewöhnlicher Zeit.

Mildred Harnack stand in Berlin bald dem Frauen-Club an der US-Botschaft vor und traf so jede Menge Leute. Sie arbeitete zunächst als Englischlehrerin am Abendgymnasium, nach ihrer Promotion lehrte sie an der Universität Berlin – was sie wiederum mit vielen Menschen in Kontakt brachte. In ihrer Wohnung gründete sie einen English-Club, sie übersetzte deutsche Literatur.

Aber nicht deshalb sind eine Schule und eine Straße in Berlin nach ihr benannt. Gemeinsam mit ihrem Mann und vielen anderen wie Greta und Adam Kuckhoff, Harro und Libertas Schulze-Boysen, Hilde und Hans Coppi hielt sie ein Netz von Informanten in Bewegung, um geheime Details über Wirtschaft und Politik Nazideutschlands zu organisieren und in die USA sowie in die Sowjetunion zu schmuggeln; außerdem wurden im Land Informationen per Flugblatt oder mit kleinen geklebten Zetteln gestreut. Die lose organisierte Gruppe, von den Nazis als „Rote Kapelle“ bezeichnet, flog auf. Arvid und Mildred Harnack wurden im September 1942 festgenommen, er wurde am 22. Dezember 1942 hingerichtet, sie starb am 16. Februar 1943 durch die Guillotine.

Arvid und Mildred Harnack 1926 in Colorado, USA.
Arvid und Mildred Harnack 1926 in Colorado, USA.Familie Donner

Mildred Harnack war die Urgroßtante von Rebecca Donner, die für ihr Buch in den USA renommierte Preise bekommen hat. Jetzt gibt es das auch auf Deutsch, sorgfältig ausgestattet mit Bildern und Faksimiles: „Mildred. Die Geschichte der Mildred Harnack und ihres leidenschaftlichen Widerstands gegen Hitler“. Donner erzählt anschaulich, dokumentiert, listet auf, benutzt zeitweise zwei Perspektiven: die ihrer Heldin und die ihres jungen Kuriers. Der erste Satz lautet: „Das Folgende habe ich mir nicht ausgedacht.“ Wir sprachen mit der Autorin über ihr Vorgehen und ihre Sicht auf die Rolle von Frauen im Kampf gegen die Nazis.

Berliner Zeitung: Mrs. Donner, Sie leben in den USA: Wie viel Zeit haben Sie für Ihr Buch in Deutschland verbracht?

Rebecca Donner: Viermal war ich in Deutschland zur Recherche. Ich habe Material in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, beim Bundesarchiv und in anderen Archiven gesichtet. Ich bin durch Berlin gegangen, um Mildreds Wegen zu folgen, ein Gefühl für sie in dieser Stadt zu bekommen.

Und auch den Wegen des Jungen Don, die schildern Sie ja ganz genau.

Natürlich! Ohne Donald Heath, der als elfjähriger Junge Mildred Harnacks Kurier wurde, hätte ich das Buch nicht schreiben können. Er war 89 Jahre alt, als ich ihn traf, und glücklicherweise konnte er sich gut an seine Kindheit erinnern. Außerdem gab es einiges in US-amerikanischen, britischen und russischen Archiven, was ich zum Teil selbst gesichtet, im Falle des russischen Materials mithilfe eines Historikers ausgewertet habe.

Das klingt nach einer langen Zeit.

Ja, 2008 war ich das erste Mal in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, um zu erfahren, was meine Großmutter der Gedenkstätte übergeben hat.

Wieso das?

Als ich 16 Jahre alt war, hat sie mir Mildreds Briefe überlassen und mir auch danach noch viel von ihr erzählt. Meine Großmutter starb jedoch unerwartet durch einen Unfall, sodass unser Gespräch abgerissen war.

War Ihnen immer klar, was für besondere Dokumente das sind?

Ich wusste, dass ich verantwortlich damit umgehen muss. Erst nachdem ich mein zweites Buch veröffentlicht hatte, beschloss ich, ein gründlich recherchiertes Sachbuch über meine Urgroßtante zu schreiben, und las alles, was ich finden konnte.

Woher rührte die Nähe zwischen Ihrer Großmutter und Mildred Harnack, geborene Fish?

Mildred verbrachte ihr letztes Highschool-Jahr bei ihrer ältesten Schwester Harriette in Chevy Chase in Maryland, die damals schon verheiratet war. Deren Tochter Jane, also Mildreds Nichte, ist meine Großmutter.

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Foto: Sabine Gudath
Zur Person
Rebecca Donner ist Absolventin der University of California und der Columbia University. Sie schreibt Essays, Reportagen und Rezensionen, zudem ist sie Autorin eines Romans und einer Graphic Novel. Für ihr Buch über ihre Urgroßtante Mildred Harnack erhielt sie den PEN Award und den National Book Critics Circle Award.

Das Buch: „Mildred. Die Geschichte der Mildred Harnack und ihres leidenschaftlichen Widerstands gegen Hitler“, aus dem Amerikanischen von Laura Su Bischoff, Erich Ammereller, Sabine Franke. Kanon, Berlin 2022. 616 Seiten, zahlr. Abb., 36 Euro.

Ihr Buch ist in den USA ausgezeichnet worden. War das Schicksal von Mildred Harnack in Ihrer Heimat zuvor unbekannt?

Nicht ganz. Vor etwa zwanzig Jahren erschien als ein wichtiger Anfang ein Buch von Shareen Blair Brysac. Sie konnte sich auch auf einige der Dokumente stützen und hat ebenfalls mit Don gesprochen – allerdings nicht so ausführlich wie ich. 

Weil sie seine Rolle nicht so wichtig fand?

Nein, es war einfach anders, als ich ihm begegnete. Als ich ihn anrief und mich als Jane Donners Enkelin vorstellte, sagte er gleich, ich gehöre für ihn zur Familie. Ich bin sofort zu ihm nach Kalifornien geflogen. Er hatte Tränen in den Augen; ich erinnerte ihn an Jane, die 1937 und 1938 bei Mildred in Berlin lebte und den Deutschen Otto Donner geheiratet hatte. Jane war Anfang 20 damals, sie war eine von Dons Lehrerinnen an der amerikanischen Schule in Berlin. Wir sprachen mehrere Tage miteinander. Am Ende sagte er, wieder mit Tränen: Jetzt kann ich sterben. Leider ist er tatsächlich wenig später verstorben. Ich hätte ihm so gerne dieses Buch gegeben. Ich habe es ihm und Mildred gewidmet. Nicht nur die Gespräche verdanke ich ihm. Ein paar Wochen nach seinem Tod bat mich seine Familie, zwölf Koffer mit Erinnerungsstücken von ihm zu sichten. Natürlich fuhr ich sofort wieder hin.

Und was fanden Sie?

Vor allem sehr viel von seinen Eltern, sein Vater arbeitete damals in der US-Botschaft in Berlin. Da waren Briefe, Kalender, Fotos – es war unglaublich. Ich konnte damit vieles verifizieren.

Sie haben in Berlin aus dem Buch gelesen. Wie war das für Sie?

Das hat mir sehr viel bedeutet, das war bittersüß, möchte ich sagen. Als ich den Stolperstein für sie gesehen habe oder als ich in Plötzensee war, das war sehr traurig. Doch in der Mildred-Harnack-Schule hat es mich wirklich bewegt, wie die jungen Leute sich mit ihr beschäftigt haben. Und in der Peter-A.-Silbermann-Schule, die ist heute ein Abendgymnasium für Erwachsene, fühlte ich auch Stolz. Mildred hat dort unterrichtet, hat dort Kontakte geknüpft. Sie war nicht nur die Frau des Nazigegners Arvid Harnack, sie hatte ihre eigenen Verbindungen, als Amerikanerin hatte sie auch andere Möglichkeiten. Ich bin glücklich, dass ich ihre Geschichte erzählt habe. Und Sie haben es ja gelesen: Ich wollte keine Hagiografie schreiben, wollte sie nicht auf einen Heldensockel stellen, deshalb waren mir auch die alltäglichen Dinge wichtig. So sagt beispielsweise Greta Kuckhoff, Mildred sei eine schreckliche Köchin gewesen. Außerdem entschied ich, im Präsens zu schreiben.

Was sehr ungewöhnlich ist für eine Biografie.

Ja. Man kennt es so: Sie ging, sie las, sie schrieb. Das erschien mir falsch. Ich möchte, dass es den Lesern so vorkommt, als wären sie mit Mildred auf den Straßen Berlins, als würden sie den Aufstieg des Faschismus miterleben und dabei sein, wenn sie ihr Leben riskiert. Zwar habe ich sehr gründlich recherchiert, um ein fundiertes Sachbuch zu verfassen, aber ich wollte, dass man es wie einen Spionage-Thriller lesen kann. Deshalb setze ich nicht wie bei einem wissenschaftlichen Buch Fußnoten, denn sie könnten den Lesefluss stören. Aber ich belege die Zitate und Fakten auf vielen Seiten im Anhang. Wenn etwas nicht hinreichend dokumentiert ist, habe ich es kenntlich gemacht.

Ich bin zwei Jahre in Berlin-Karlshorst auf die Hans-Coppi-Schule gegangen. Die Erinnerung an die Mitglieder der sogenannten Roten Kapelle war dort wichtig. Haben Sie sich damit beschäftigt, wie in der DDR an den Widerstand erinnert wurde?

Nun, ich weiß, dass das ziemlich einseitig war, es wurden die Kontakte zur Sowjetunion betont, und es wurde so dargestellt, als hätten diese Gegner der Nazis alle ähnliche Interessen wie die Kommunisten. Das waren jedoch sehr unterschiedliche Menschen. Aber Hans Coppi, gut, dass Sie ihn erwähnen, war ganz wesentlich für mich bei der Arbeit an dem Buch. Er hat mich großzügig unterstützt, wir hatten viele Gespräche. Bei ihm hatte ich so ein ähnliches Gefühl wie Don bei mir: als gehöre er zur Familie.

Mildred Harnack übersetzte in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee einen Band mit Goethe-Gedichten. Der Pfarrer Harald Poelchau schmuggelte das Buch aus dem Gefängnis. Rebecca Donner nahm dieses Bild in ihr Buch auf.
Mildred Harnack übersetzte in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee einen Band mit Goethe-Gedichten. Der Pfarrer Harald Poelchau schmuggelte das Buch aus dem Gefängnis. Rebecca Donner nahm dieses Bild in ihr Buch auf.Kanon Verlag Berlin GmbH

Wieso das?

Vielleicht, weil er im Gefängnis geboren wurde. Seine Mutter war schwanger bei der Verhaftung. Sie gehörte zu den vielen Frauen, die Informationen weitergaben, den Kreis erweiterten. Aber wenn man sich die bisherige Geschichtsschreibung anschaut, werden sie meistens nur als „Ehefrau“ erwähnt. Die DDR hatte eine Briefmarke in Erinnerung an Mildred und Arvid Harnack ...

Das war doch gut.

Aber sehen Sie, ich habe sie hier im Laptop. Unter dem Bild stehen die Namen und Lebensdaten, aber nur der Doktortitel von Arvid Harnack. Mildred war jedoch ebenfalls promoviert. Auch die Historiker sind auf die Verteidigungsstrategie hereingefallen, mit denen die Verhafteten versuchten, sich gegenseitig zu schützen: Arvid hat in den Verhören behauptet, dass seine Frau nichts wusste und sich nur für Literatur interessierte. Der Spiegel-Journalist Heinz Höhne, der eines der ersten Bücher über die „Rote Kapelle“ geschrieben hat, stellte die Frauen vor allem als Begleiterinnen vor. Doch sie haben genauso ihr Leben riskiert, sind genauso verurteilt worden. Nur dass die Frauen in der Regel nicht gehängt oder erschossen wurden wie die Männer, sondern unter dem Fallbeil starben.

Das hat mich zusätzlich erschüttert in Ihrem Buch: weil die Berliner Universität die Körper sezieren wollte.

Ja, dazu gab es Abmachungen mit dem Direktor des Strafgefängnisses Plötzensee und dem Leiter des Anatomischen Instituts der Universität. Manchmal wurden sogar die Daten der Hinrichtung abgestimmt. Die Forschung sollte frische Frauenkörper bekommen, um zum Beispiel die Auswirkung von Stress auf die Menstruation zu untersuchen.