Berlin - Seit einem Jahr gibt es mit Blick nach Osteuropa ein eng verschränktes Wortpaar, das aus einem Land und einer Tätigkeit besteht: Belarus und Protest. Am 9. August 2020 wurden in jenem Land die Ergebnisse einer Präsidentschaftswahl verkündet, deren Rechtmäßigkeit mehrere Beobachterorganisationen anzweifelten. Seither protestieren Frauen und Männer, Arbeiter und Intellektuelle, Stadt- und Dorfbewohner. Doch der Gegendruck seitens der Lukaschenko-Regierung ist gewaltig.

„In meinem Bezirk hängen keine weiß-rot-weißen Fahnen mehr in den Fenstern, nicht einmal mehr weiße und rote Handtücher“, schreibt die Minsker Lehrerin Olga Romanowa in einem Beitrag für das Buch „Stimmen der Hoffnung“. Die Farbkombination ist verboten, allein, wenn man eine rote Mütze mit einem weißen Schal kombiniert, könne man 15 Tage Haft bekommen.

Das Buch zum Jahrestag versammelt, herausgegeben von Alina Lisitzkaja, vielstimmige Aufzeichnungen und Gedichte aus Belarus. Von einigen Autoren ist sicherheitshalber nicht mehr als der Vorname angegeben, andere sind auch mit Alter und Beruf zu erkennen – IT-Spezialistin, Manager, Transportarbeiter. Auch die Dichterin Volha Hapeyeva und die Schriftsteller Sasha Filipenko und Viktor Martinowitsch sind dabei. Am Montagabend wird das Buch im Pilecki-Institut in Berlin vorgestellt. Das deutsche PEN-Zentrum und der Übersetzerverband haben den Band unterstützt, alle Texte sind im Original (Russisch oder Belarussisch) und auf Deutsch enthalten. Ein Teil des Verkaufspreises ist für gemeinnützige Organisationen in Belarus gedacht. Für jene, die es überhaupt noch gibt, denn gerade läuft eine Welle von Schließungen und Kontensperrungen, wie berichtet, ist auch das PEN-Zentrum in Minsk betroffen.

Aber noch haben die Menschen nicht aufgegeben. Wie Olga Romanowa schreibt, „kleben die Nachbarn nun weiße A4-Blätter an die Fenster“. Ihr Text trägt den Titel „Agonie“.

Buchpremiere 9.8.2021, 19 Uhr, Pilecki-Institut, Pariser Platz 4a. Der Verleger (Das kulturelle Gedächtnis) und die Herausgeberin sprechen über die Entstehung des Buches, es gibt Aufnahmen mit Lesungen der Autoren, aus den deutschen Übersetzungen liest Hanns Zischler.