Eine Journalistin im zweifachen Rollentausch: Mechthild Henneke 

„Ach, mein Kosovo!“ heißt das Buch, das unsere langjährige Kollegin geschrieben hat: Jahre nach ihrem Einsatz auf dem Balkan entstand dieser Roman. 

Mechthild Henneke, Journalistin und jetzt auch Romanautorin.
Mechthild Henneke, Journalistin und jetzt auch Romanautorin.Acud/Lars Reimann

Vielen Lesern der Berliner Zeitung ist Mechthild Henneke als Autorin von Reportagen, Porträts und Erklärtexten vertraut. Die Politikwissenschaftlerin hat in den 1990er-Jahren über die Balkankriege geschrieben, bis sie die Rolle wechselte und selbst mit einer Hilfsorganisation in die Region ging. Ab 2001 war sie sieben Jahre lang in der Mission der Vereinten Nationen im Kosovo tätig. Längst arbeitet sie wieder als Journalistin in Deutschland. Nun überrascht sie mit einem erneuten Rollenwechsel: Gerade ist ihr Roman „Ach, mein Kosovo!“ erschienen. Die Bücherfrage der Woche geht deshalb an Mechthild Henneke (ausnahmsweise per Du): Wieso war der Roman für Dich die richtige Form für dieses Thema?

Mechthild Henneke: Über den Mann, von dem ich erzähle, konnte ich nur so schreiben. Es ist, wenn man so will, ein positiver Held, aber es ist auch einer, der unter dem, was er getan und erlebt hat, sehr gelitten hat. Naim Bardiqi, das Vorbild für die Figur, war damals Medizinstudent in Deutschland, er hatte noch nicht einmal das Physikum, als zur Kosovo-Befreiungsarmee ging. Er ist in diesem Krieg mit seiner Medizintasche von einem Ort zum anderen gerannt, hat Kugeln entfernt, Wunden versorgt, Gliedmaßen amputiert, Menschen das Leben gerettet. Als wir Freunde wurden, habe ich seine Geschichte erst in der Tiefe erfassen können. In Extremsituationen wächst man über sich hinaus, das weiß man, das hat er erlebt, aber er ist doch selber auch extrem beschädigt worden. Er fühlt sich nicht als Held, er fühlt sich leer. Diese Diskrepanz hat mich nicht mehr losgelassen.

Beim Schreiben habe ich gemerkt, wie sehr mich das Thema Krieg immer schon beschäftigt hat. Mein Opa ist gefallen, ich bin mit der Trauer meiner Mutter aufgewachsen. Und dann war wieder Krieg in Europa. Ich hatte mich dem bewusst ausgesetzt, als ich 1999 als Ehrenamtliche zu einer NGO ging. Ich stand wirklich vor Massengräbern dort, aus denen zum Teil noch die Knochen ragten. Das hat mich von da an jeden Tag beschäftigt, das musste ich in meinem Kopf immer wieder umwälzen.

Dieser Krieg im Kosovo war irreal. Ich habe so viel erlebt, mit so vielen Menschen gesprochen. Die wollten auch nicht, dass ich über sie mit Klarnamen schreibe. In einem Krieg passiert eben viel Falsches. Es gibt keinen sauberen Krieg. Und danach hatte ich so etwas wie einen kreativen Stau. Der Roman gab mir die Möglichkeit, viele Geschichten zu erzählen, nicht nur die von Naim. Ich musste mich nicht so stark der Wahrheit verpflichtet fühlen wie als Journalistin, ich konnte Dinge zusammenfügen, erweitern, weglassen – alles. Sogar ein Erlebnis meiner Mutter konnte ich auf diese Weise erzählen. Es ist ein Antikriegsbuch.

Mechthild Henneke: Ach, mein Kosovo! PalmArtPress, Berlin 2021. 363 Seiten, 25 Euro.