Das Literarische Colloquium am Wannsee beschwört den Geist seines Gründers

Walter Höllerer weckte das literarische Leben im West-Berlin der 60er-Jahre. Jetzt erinnern Nachgeborene an sein Werk und dessen Wirkung.

Der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Netzwerker Walter Höllerer.
Der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Netzwerker Walter Höllerer.United Archives

Das Literarische Colloquium Berlin veranstaltet am Freitag eine Lange Nacht für den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Höllerer, der am 19. Dezember 1922 in Sulzbach in der Oberpfalz geboren wurde und 2003 in Berlin starb. Die Bücherfrage geht an Thomas Geiger vom LCB: Wie soll der Gründer des Hauses in die Gegenwart zurückbeschworen werden?

Thomas Geiger: Als Kind hat Walter Höllerer in einem Aufsatz einmal geschrieben, er wolle Zirkusdirektor werden. Und irgendwie hat er das ja dann auch geschafft. Seine Artisten waren Dichterinnen und Dichter, die Manege waren öffentliche Bühnen und Zeitschriften und die Artistik war die Literatur – nur die Dressur hätte er abgelehnt. Aber Walter Höllerer liebte das Machen, die Menschen und die Literatur.

Walter Höllerer im April 1969
Walter Höllerer im April 1969Renate von Mangoldt

Als er 1959, gerade 36 Jahre alt, als Germanistikprofessor an die Technische Universität in West-Berlin berufen wurde, rockte er das damals vor sich hindümpelnde literarische Leben West-Berlins. Sagenumwoben waren seine Abende in der Kongresshalle. Vor über tausend Zuhörern lasen deutschsprachige und internationale Autorinnen und Autoren wie Nathalie Sarraute, John Dos Passos, Heimito von Doderer oder Ingeborg Bachmann. Für Berlin und weit darüber hinaus strahlend gründete er das Literarische Colloquium, wo 1962 einmal die Gruppe 47 tagte und ab 1963 die Künste endgültig einzogen.

Wenn wir am Freitag im LCB  anlässlich seines 100. Geburtstags an ihn erinnern, wollen wir ihn als Autor, als Herausgeber, als Vermittler und als Literaturwissenschaftler vorstellen. Klaus Reichert wird von seiner Mitarbeit an der legendären Anthologie „Junge amerikanische Lyrik“ berichten. Marcel Beyer an die bis heute aktuelle Reihe „Ein Gedicht und sein Autor“ erinnern. Christian von Herrmann hat Höllerers einzigen Roman „Die Elephantenuhr“ auf seine Aktualität hin noch einmal gelesen. Vier Lyrikerinnen und Lyriker aus verschiedenen Generationen werden schließlich überprüfen, wie zeitgemäß Höllerers „Thesen zum langen Gedicht“ heute noch sind: Peter Rühmkorf schrieb, als die damals ganze deutsche Lyrikszene über diese Thesen diskutierte: „Zum Teufel mit dem kurzen Gedicht, zu Höllerer mit dem langen“. Das heißt: Es wäre ein Wunder, sollte sein Geist an jenem Abend nicht durch die Villa am Wannsee ziehen.

Lange Nacht für Walter Höllerer, 9.12., 19 Uhr, Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5