Die Buchkönigin empfiehlt die Bücher von Funk, Rehmann, Schittko

Nina Wehner legt ihren Kunden im Weihnachtsgeschäft Bücher aus unabhängigen Berliner Verlagen ans Herz.

Nina Wehner in ihrer Buchhandlung Die Buchkönigin in der Neuköllner Hobrechtstraße.
Nina Wehner in ihrer Buchhandlung Die Buchkönigin in der Neuköllner Hobrechtstraße.Gerd Engelsmann

Die Buchkönigin in Neukölln gehört zu den besonderen Buchhandlungen Deutschlands, was der im Herbst verliehene Deutsche Buchhandlungspreis bestätigt. Man merkt es auch, wenn man das Geschäft im Reuterkiez betritt, wo einem nicht die Bestseller ins Auge fallen, sondern die Lieblingstitel der Buchhändlerin. Fragen wir also Nina Wehner, die Inhaberin: Was sind Ihre Geschenk- und Lesetipps für jetzt?

Nina Wehner: Als Erstes muss ich Viktor Funks Roman „Wir verstehen nicht, was geschieht“ nennen, der mich sehr berührt hat. Ich war gar nicht darauf vorbereitet. Die Verleger vom Verbrecher-Verlag haben mir das Buch vorbeigebracht und nur gesagt: Lies mal. Ich habe abends angefangen und so lange gelesen, dass ich am nächsten Morgen damit durch war. Darin sucht ein deutscher Historiker Menschen in Russland auf, die unter Stalin im Lager waren. Viktor Funk nimmt also eine andere Perspektive ein als in den Büchern, die wir sonst als Gulag-Literatur kennen. Seine Figur will herausfinden, was die Insassen vor dem Verzweifeln bewahrte. Das ging mir sehr nahe.

Britta Jürgs, Verlegerin des Aviva-Verlags, hatte mir Ruth Rehmanns „Illusionen“ ans Herz gelegt. Ich kann nur dankbar sein. Das ist ein tolles Stück Literatur, die Sprache ist ganz besonders, die Perspektive auch. Die Autorin führt die Leserin auf ein Bürogebäude zu, lenkt den Blick auf die Architektur, die Beschaffenheit der Scheiben, ein Fensterputzer schaut in das Gebäude und erzählt, was er in einem von vielen Büros sieht. Dort sitzen drei Frauen und ein Mann. Die Leserin begleitet die vier ins Wochenende und lernt sie abseits des Büroalltags kennen, besonders die Perspektiven der drei Frauen sind oft sehr eindrücklich.

Außerdem möchte ich Clemens Schittko empfehlen, einen Berliner Autor, der mit „Artaud ist tot“ einen Gedichtband von großer Wucht im XS-Verlag herausgebracht hat. Seine Lyrik ist ganz unmittelbar, teilweise politisch, teilweise sind es Alltagsbetrachtungen, sie leben von Wiederholungen, von der Rhythmisierung. Da hört man die US-amerikanischen Beat-Poeten wie Richard Brautigan und Jack Kerouac heraus, auch Rolf Dieter Brinkmann und viele andere, dennoch findet Schittko seinen eigenen Ton. Wir kennen uns schon eine ganze Weile, er hat einige Male im Laden gelesen, und wir hoffen, dass er es bald wieder einmal tun wird.

Die Buchkönigin, Hobrechtstraße 65, Neukölln