Frage an den Lektor: Herr Hosemann, was landet wirklich in Ihrem Papierkorb?

Wenn ein Buch „Papierkorb“ heißt, muss der Autor den Titel erklären: Sind doch die Texte darin so klug und schön, dass sie nicht Abfall sein können.

Jürgen Hosemann, Lektor im S. Fischer Verlag, und selbst Autor. 2020 erschien sein Sommer-Buch „Das Meer am 31. August“.
Jürgen Hosemann, Lektor im S. Fischer Verlag, und selbst Autor. 2020 erschien sein Sommer-Buch „Das Meer am 31. August“.Jelena Täuber

Am Dienstag erscheint ein fein ausgestattetes Buch, das sich als Begleiter zum Aufwachen oder fürs kleine Handgepäck empfiehlt: „Papierkorb“ von Jürgen Hosemann enthält sehr kurze Texte, Aphorismen, Gedankenspiele. Der Autor ist Lektor und Herausgeber im S. Fischer Verlag, da kann man mutmaßen, dass es in seinen Notaten um Literatur geht, veröffentlichte und unveröffentlichte. Die Bücherfrage der Woche lautet: Herr Hosemann, was landet wirklich in Ihrem Papierkorb?

Vermutlich zu wenig. Ich bin niemand, der leicht etwas wegwirft. Auf Besucher mag mein ganzes Büro wie ein Papierkorb wirken, und vermutlich ist der Papierkorb der einzige Ort, an dem abends mal kein Papier liegt. Sie merken, ich denke bei dem Wort zuerst an den Gegenstand und nicht an das Symbol auf der Computeroberfläche ...

Der Autor Dieter Forte hat mir mal geschrieben, wahrscheinlich hätte ich einen großen Dienstpapierkorb. Da hat er sich aber getäuscht. Ich glaube, dass fast alles Geschriebene einen Wert hat, wenn nicht für mich, dann doch für andere. Und ganz bestimmt für den, der es geschrieben hat. Ich sehe jedenfalls die Arbeit, die Zeit, die Liebe zu einer Sache, die in den Manuskripten stecken, die auf meinen Tisch kommen. Wenn ich höre, dass die unverlangt eingesandten Manuskripte sofort im Papierkorb landen, wird mir immer ganz unbehaglich. Wenn mein Leben nur aus dem bestünde, was ich mal angefordert hätte, wäre es ziemlich arm. Eigentlich ist doch alles Schöne unverlangt zu mir gekommen.

Mein Buch ist eine Sammlung von über 500 Sätzen über Lesen und Schreiben, Autorinnen und Lektorinnen, Bücher und Verlage. „Aphorismen“ klingt für mich etwas gravitätisch. Meine Tochter hat mal gesagt: deine Sprüche. Wahrscheinlich ist es das. Sätze, die sich im Arbeitsalltag eines Lektors nicht sagen lassen und die trotzdem gedacht werden … das, was vom Schreibtisch fällt. Wichtig ist mir, dass mein Buch noch einen Untertitel hat: Über Leben und Schreiben. Darum geht es eigentlich. Aber lustig ist es auch.

Ihren Ursprung haben diese Sätze in meinem Twitter-Account @NeuerPapierkorb. Unter #HosemannsPapierkorb habe ich nämlich vor einigen Jahren begonnen, jeden Tag einen Satz über Sprache und Literatur zu veröffentlichen. Im Buch ist jetzt das Beste davon – und Neues.

Jürgen Hosemann: Papierkorb. Über Leben und Schreiben. Berenberg, Berlin 2022. 128 Seiten, 20 Euro