In ihrem ersten Roman „Wovon wir träumen“ (Piper-Verlag) schreibt Lin Hierse, die als Redakteurin und Kolumnistin bei der taz arbeitet, von einer Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Da die Mutter in einem anderen Land geboren ist als die Erzählerin, in China, ist es zugleich eine Beziehung im Dazwischen. Am Mittwoch wird das Buch im Literaturforum im Brecht-Haus vorgestellt. Die Bücherfrage der Woche geht an Lin Hierse selbst: „Das Einzige, was ich mir nicht aussuchen kann, ist, eine Tochter zu sein“, schreiben Sie. Was hat Sie dazu bewogen, sich in einem Buch mit Tochterschaft auseinanderzusetzen?

Lin Hierse: Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern pendeln ja oft zwischen Liebe, Schmerz, tiefer Verletzung, Nähe, Abhängigkeit – alles Themen, die so zentral sind für die Frage, wer wir als Menschen oder spezifischer als Frauen sind und sein wollen. Die Beziehung zu meiner Mutter war für mich in den vergangenen Jahren sehr prägend. Wohl auch, weil wir beide begonnen haben, vieles infrage zu stellen. Zu erfahren, was die eigene Mutter für ein Mensch war, bevor sie Mutter wurde, das ist etwas sehr Besonderes.

Mein Ausgangspunkt war zwar die Beerdigung der Großmutter, in meinem Buch ist sie vor allem in Erinnerungen präsent oder in dem, was wir glauben zu erinnern. Da verschwimmen absichtlich Grenzen, auch im Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit: Was erzählen wir weiter? Wie überliefern wir jemandes Geschichte? Was ist Realität, was Traum? Wo hört ein Leben auf und wo geht das andere weiter? Spannend fand ich das auch im Kontext dessen, was wir oft Migration nennen, was aber zunächst eine Bewegung von einem Ort zum anderen ist, ein Abschied, ein erneuter Anfang, und folglich auch unerfüllte Wünsche, die an das eigene Kind weitergegeben werden.

„Diese Geschichte brauchte Raum“

Verschwimmende Grenzen sind für mich auch in der Form von Bedeutung. Mir ist oft nicht so wichtig, wie ein Text in ein Genre eingepasst wird. Dieses Thema wollte ich nicht als Journalistin verhandeln. Die Geschichte brauchte einen Raum, in dem Sprachen, Sätze und Wörter frei aufgehen können. Ich wollte nicht Informationen vermitteln, sondern Gefühle, Uneindeutigkeiten. Dafür brauchte ich ein Gerüst, das all diese Dinge zu tragen vermag, und das nennt sich in diesem Fall Roman.

Im Grunde erzählt das Buch die Geschichte einer Frau, die sich von ihrer Mutter löst und ihr dafür zunächst einmal näher kommen muss. Sie legt sich so gut sie kann in den Körper, die Erfahrungen der Mutter hinein, um herauszufinden, wer sie selbst sein kann. Nicht nur, aber immer auch als Tochter.

Lin Hierse liest aus „Wovon wir träumen“ und spricht mit Asal Dardan. Mittwoch, 1.6., 19 Uhr, Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, oder im Livestream.