Berlin - Am kommenden Sonnabend bewerben sich vier Autorinnen und zwei Autoren mit Lesungen aus noch unveröffentlichten Manuskripten im Literarischen Colloquium Berlin um den Alfred-Döblin-Preis: Daniela Dröscher, Ursula Fricker, Valeria Gordeev, Michael Kleeberg, Deniz Utlu und Senthuran Varatharajah. Dazu gehört jeweils ein Werkstatt-und-Streitgespräch nicht nur mit der Jury, die diese Autoren ausgewählt hat, sondern auch mit einem literaturaffinen Personenkreis, der die Texte bereits kennt. Zu dieser Runde gehört die Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Übersetzerin Nicole Seifert. Unsere Bücherfrage der Woche geht an sie: Welche Verantwortung spüren Sie, wenn es darum geht, eine Preisträgerin, einen Preisträger zu finden?

Nicole Seifert: Erst mal freue ich mich sehr auf die Lesungen. Es ist eine beeindruckende Runde von Autorinnen und Autoren, deren neue Texte ich im Laufe der Woche noch lesen darf. Ich bin auch gespannt auf die Diskussion.

Über Literaturpreise wird ja, ausgehend von der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse, gerade ziemlich viel diskutiert: darüber, an wen sie gehen und sogar, ob es sie überhaupt geben soll. Ich halte Preise für eine gute Möglichkeit, um einzelnen Autorinnen und Autoren Aufmerksamkeit und Unterstützung zukommen zu lassen. Erst recht, wenn es eine Shortlist gibt, sodass mehrere etwas von der Aufmerksamkeit haben.

Diese Aufteilung, dass es eine dreiköpfige Jury gibt und noch eine neunköpfige Runde, die mitreden darf, kenne ich so noch nicht. Aber ich finde es immer gut, wenn der Kreis erweitert wird, in dem gesprochen wird. So hat man mehr Perspektiven auf den Text. Man sieht es am Bachmann-Wettbewerb, bei dem die Jury viel größer ist, wie viele unterschiedliche Assoziationen da zusammenkommen. Ich finde es toll, dass unsere Runde sehr heterogen ist, mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, auch Bildungs- und Berufshintergründen, das kann der Diskussion nur nutzen. Zumal auch der Kreis der Lesenden erfreulich divers ist, so wie die Literaturszene eben auch.

Ich gehe davon aus, dass die Jury noch keine Vorentscheidung getroffen hat, auch wenn es bestimmt einen Favoriten oder eine Favoritin gibt. In diesem Jahr hört ja vielleicht sogar mehr Publikum zu als sonst, weil man sich von überallher zuschalten kann. Ich bin selbst von Hamburg aus dabei und komme nicht direkt ins LCB. Da das Publikum sich am Bildschirm aber nicht einmischen oder Fragen stellen kann, sehe ich das als unsere Aufgabe. Es geht ja auch um Literaturvermittlung und -einordnung und darum, neugierig zu machen. 

Livestream der Lesungen und Gespräche Sa., 8.5.2021, ab 10.45 Uhr. Preisverleihung ab 18 Uhr auf LCB.de