Berlin - Kunst und Klimawandel scheinen auf den ersten Blick kein Paar zu sein. Für die künstlerische Auseinandersetzung lauert im Klimawandel allerdings emotionales und politisches Konfliktpotenzial. Die Bücherfrage der Woche geht an Stefanie de Velasco, die am Dienstag an einem Gespräch zu diesem Thema teilnimmt: Welchen Einfluss haben Erderwärmung und die Folgen auf Ihr Schreiben?

Stefanie de Velasco: Wenn wir ehrlich sind, reden die meisten von uns über die Klimakrise, als wäre sie noch weit weg. Ich hatte allerdings ein Erlebnis, das alles für mich veränderte. Als ich meinen letzten Roman schrieb, „Kein Teil der Welt“, war ich zwei Sommer lang in Sacrow, also bei Potsdam, in einem Schrebergarten von Freunden. 2018 gab es erstmals diese große, andauernde Hitze. Wir haben mit dem Wasser aus der Havel gegossen und alles gedieh. Als es im Jahr darauf wieder so heiß wurde, hat die Stadt eines Tages den Zugang zu dem Wasser abgestellt, weil der Fluss selbst nicht mehr genug führte.

Und das traf mich mitten im Schreiben. Ich erzähle ja in dem Roman von jungen Frauen, die bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen sind, wie ich selbst auch. Ich hatte mir erhofft, dass ich das Thema der Apokalypse, das mich seit meiner Jugend verfolgt hatte, damit bannen könnte. Damals, 2019, hat Greta Thunberg ihre großen Reden gehalten, die Klimakrise war in den Medien angekommen – und ich spürte die Auswirkungen in dem kleinen Garten. Klar, das ist nicht die Apokalypse, wie sie die Zeugen Jehovas meinen. Aber an dem Punkt fing ich an, wirklich über all die Folgen nachzudenken. Das große Problem ist ja, dass diese Prozesse schleichend passieren, dass einem die Klimakrise normalerweise nicht auf einen Schlag sichtbar wird.

Was bedeutet das für mich als Schriftstellerin? Meine Arbeit ist die Vorstellung, angesichts der Klimakrise versagt aber offenbar meine Vorstellungskraft. Climate fiction zu schreiben, eine Dystopie zu entwerfen scheint mir nicht die richtige Lösung zu sein. Ich bin im November 2019 in Klimastreik gegangen, habe vierzig Tage von der Akademie der Künste am Pariser Platz gesessen und überlegt, was Nachhaltigkeit und Erzählen miteinander zu tun haben. Wie kann man die Literatur in die Zukunft retten? Es sind inzwischen auch Texte entstanden, es wird ein Buch daraus – anders als meine beiden Romane. Ich freue mich auf die Veranstaltung, weil ich es so wichtig finde, darüber zu sprechen. Die Klimakrise wird uns noch fundamental erschüttern: Wie reagieren die Künste? Bietet diese Erschütterung vielleicht sogar den Aufschwung für etwas Neues?

Das für Dienstag, 15. Juni, geplante Gespräch muss auf August verschoben werden. Das teilten die Veranstalter am Morgen des 15. Juni mit.