Steffen Dobbert, sind Sie ein Ukraineversteher?

Wenn am Dienstag im Deutschen Theater über das Buch „Ukraine verstehen“ gesprochen wird, sind neben dem Autor auch Marina Weisband und Anastasia Magazova dabei.

Der Journalist und Buchautor Steffen Dobbert ist etwa 50 Mal zu Recherchen in die Ukraine gereist.
Der Journalist und Buchautor Steffen Dobbert ist etwa 50 Mal zu Recherchen in die Ukraine gereist.Antonio Zazueta Olmos

In den Monaten seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine sind die Wörter „Russlandversteher“ oder „Putinversteher“ aufgekommen. Steffen Dobbert veröffentlicht nun das Buch „Ukraine verstehen. Geschichte, Politik und Freiheitskampf“, das am Dienstag im Deutschen Theater vorgestellt wird. Die Bücherfrage der Woche geht an ihn: Herr Dobbert, sind Sie ein Ukraineversteher?

Verzeihen Sie, ich mag nicht über meine Rolle sprechen, sondern über das Buch – und das beantwortet die Frage vielleicht auch. Die gesamte Geschichte der ukrainischen Nation kann man als Ringen um Selbstbehauptung und Befreiung lesen. Etwa im Holodomor, der von Moskau organisierten Hungerkatastrophe, in der Menschen Gras, Pferdemist und Menschenfleisch essen mussten. Etwa in den Hinrichtungen auf den Bloodlands der Weltkriege, wo vor allem durch Stalin und Hitler mehr als dreizehn Millionen Unschuldige in der Ukraine ihr Leben verloren haben.

Welchen Preis hat Eigenständigkeit? Und lohnt es, für die Freiheit sein Leben zu geben? Für Ukrainerinnen und Ukrainer gehören diese Fragen seit Hunderten von Jahren zur gesellschaftlichen DNA. Dank Gelinada Grinchenko aus Charkiw und Sergiy Stelmakh aus Kiew, zwei ausgezeichneten Historikern, die mich bei meiner Arbeit unterstützt haben, beschreibt eine Hälfte des Buches die Entwicklung des ukrainischen Staates vom Mittelalter bis heute. Die andere erkundet, was für eine Nation die ukrainische ist und warum Putin bei seinem Versuch, die ukrainische Identität zu vernichten, scheitern wird.

Ein Geheimnis von Freiheit ist Mut. Als ich als Stipendiat in Odessa und Kiew lebte und während meiner etwa 50 Recherchereisen in der Ukraine habe ich viele Ukrainerinnen und Ukrainer kennenlernen dürfen, die dieses Geheimnis kennen. Mit ihnen habe ich erlebt, was ein Volksaufstand, Selbstermächtigung, eine Revolution und ein Krieg wirklich bedeuten – und welche Opfer Menschen für demokratische Freiheiten bringen können. Oft habe ich mich gefragt, wieso nur wenige in der deutschen Öffentlichkeit den ukrainischen Weg nachvollziehen können. Ein Anliegen dieses Buches ist es deshalb, das ukrainische Volk in seinen Ursprüngen, Motiven, Widersprüchen, seiner Vielfalt, seinen Entbehrungen und seinem wohl einzigartigen Freiheitskampf besser verstehen zu können. 

Buchpremiere mit Gespräch und Musik, Dienstag, 22. 11., 20 Uhr, DT Kammerspiele, Tel. 28 441-225