Ulrike Draesner: „Ein General erklärte uns, wie der dritte Weltkrieg abläuft“

Über Literatur und Krieg sprechen am Donnerstag Schriftsteller im Brecht-Haus. Wir haben Ulrike Draesner vorab gefragt, was das Thema für ihr Schreiben bedeutet.

Ulrike Draesner, vielfach ausgezeichnete Lyrikerin und Prosaschriftstellerin
Ulrike Draesner, vielfach ausgezeichnete Lyrikerin und ProsaschriftstellerinImago/Gezett

In der Reihe „Richtige Literatur im Falschen“ sprechen mehrere Autoren über Literatur und Krieg. Mit dabei ist die Dichterin, Romanautorin und Literaturprofessorin Ulrike Draesner. Die Bücherfrage der Woche geht an sie: Ulrike Draesner, Sie sind in München geboren, leben in Berlin, wie kann Krieg etwas mit Ihrem Schreiben zu tun haben?

Ulrike Draesner: Kriegssituationen haben mein ganzes Leben bestimmt. Meine Eltern waren Kriegskinder. Meine Vaterfamilie kam aus Schlesien, Vertriebene sagte man damals. Es gab kein Gespräch mit dieser Generation darüber, was wir heute posttraumatische Belastungsstörung nennen. Meine Großmutter konnte nie darüber sprechen, wie ihr ältester Sohn auf der Flucht umkam, wie sie sich die Hüfte brach.

Ich wuchs in diesem Spannungsfeld auf. Meine Schwester und ich haben mindestens einmal im Jahr einen Fluchtkoffer gepackt oder umgepackt. Das gehörte zu unserer Kindheit. Nicht weit von uns, in der Umgebung von München, hatten Leute Atombunker im Garten. Der Kalte Krieg und die Möglichkeit eines dritten Weltkriegs begleiteten mich in die Achtzigerjahre, mit Ronald Reagan und der Rüstungsspirale. Ich erinnere mich an ein Seminar während meines Studiums in Oxford, in dem es um militärische Eskalationsspiralen und nukleares Gleichgewicht ging – Fragen von erschreckender Aktualität. Damals erklärte ein britischer General an einer Karte Mitteleuropas den „Spielplan“ für den dritten Weltkrieg. Hätte der Warschauer Pakt über die Grenze bei Fulda DDR-Soldaten in die BRD geschickt, wäre die Bundeswehr zum Einsatz gekommen. Aber das Szenario sah auch vor, dass gegebenenfalls die Nato eine Atombombe auf diesen Kriegsschauplatz werfen würde.

Krieg nahm Raum ein, in vielen Formen: als weitergebene Erinnerung, als Leben mit den emotionalen Beschädigungen der Älteren, als latente, immer vorhandene Bedrohung. Soeben beende ich meine Arbeit am dritten Band meiner Trilogie zu Flucht, Vertreibung und intergenerationeller Belastung. Nach „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ und „Schwitters“ erscheint im Februar der Roman „Die Verwandelten“. Er erzählt Mütter-Töchter-Geschichten. Es geht um Gewalt gegen Frauen zu Zwecken des Krieges. Als der Angriff auf die Ukraine begann, konnte ich kaum weiterschreiben. Viel zu gut konnte ich mir vorstellen, welche Arten von Gewalt nun erneut in Gang gesetzt worden waren.

Gespräch mit Ulrike Draesner, Marco Dinic, Olga Grjasnowa und Raul Zelik am Donnerstag, den 1.12., 19 Uhr, Literaturforum im Brecht-Haus