Berlin - Am kommenden Dienstag begegnet Annika Reich, Schriftstellerin und Mitbegründerin von „Wir machen das“ und „Weiter Schreiben“, Künstlern verschiedener Sparten zu einem Gespräch unter dem Titel „Wir sind viele“. Es geht darum, welche Möglichkeiten es gibt, gesellschaftlich etwas zu bewegen. Unsere Bücherfrage der Woche geht an Annika Reich: Was erwarten Sie von dem Gespräch, worauf können wir uns einstellen?

Annika Reich: Mir ist es wichtig, dass es Formate gibt, die nicht auf Kontroverse angelegt sind, sondern auf gegenseitige Stärkung. Kritik ist nicht das einzige Mittel der Wahl, um Zustände zu verändern. Ich glaube auch an Neuschöpfungen, an das gemeinsame Entwickeln von Möglichkeitsräumen. Dafür sind solche Zusammenkünfte wichtig.

„Ich bin leider keine Ärztin, die in ein Krisengebiet gehen kann“

Unsere Expertise als Künstlerinnen und Künstler ist ja die Vorstellungskraft. Ich sehe das sogar als unseren gesellschaftlichen Auftrag, dass wir die Welt so zeigen, wie sie sein könnte. Kunst greift der Welt vor. Und das braucht es gerade ganz dringend. Uns vereint, dass wir für Themen Formen finden, die anders durchdringen können. Ich glaube, gegen die Uneindeutigkeiten der künstlerischen Formate gibt es weniger Abwehrinstinkte als gegen das Altbekannte. An dem Abend ist zum Beispiel mit Nuran David Calis ein Theater- und Filmemacher dabei, der sich mit dem NSU und dem rechtsextrem Anschlag in der Kölner Keupstraße beschäftigt hat und neue Bilder dafür fand. Auch Tanasgol Sabbagh hat mit ihrer Bühnenkunst ganz andere Möglichkeiten, auf das hinzuweisen, was uns in den Medien mittlerweile durchrutscht. Ich habe gerade 15 Texte von afghanischen Autorinnen gelesen, die eine ganz andere Kraft haben als das, was man sonst aus Afghanistan zu lesen bekommt.

Ich bin leider keine Ärztin, die in ein Krisengebiet gehen kann. Meinen Beitrag für die Gesellschaft versuche ich mit meinen Mitteln zu leisten. Unsere Initiative „Wir machen das“ wird jetzt fünf Jahre alt, das ist unglaublich. Damals haben wir spontan auf die Krise der Flüchtlingspolitik reagiert. Die Tandem-Idee, dass eine oder einer von hier mit einer neu angekommenen Person in einen Arbeitsaustausch kommt, hat sich als glücklich erwiesen. Wir arbeiten inzwischen mit 130 geflüchteten Künstlerinnen und Künstlern zusammen und erreichen ein großes Publikum, die Autorinnen und Autoren von „Weiter Schreiben“ bekommen Buchverträge. „Wir machen das“ hat auch mein Leben verändert: Ich habe immer nur gelesen und geschrieben und ein bisschen an der Uni unterrichtet, nun bin ich zu einer Netzwerkerin und Arbeitgeberin geworden.

Gespräch im Livestream mit Annika Reich, der Bühnenpoetin Tanasgol Sabbagh, dem Regisseur Nuran David Calis, der Rapperin Lena Stoehrfaktor sowie dem Autor und Musiker Jan Böttcher. Di, 20.4., ab 20 Uhr, www.acudmachtneu.de