Am Freitag werden die Lolas vergeben, der Deutsche Filmpreis. „Lieber Thomas“, der aus dem Leben und vom Schreiben Thomas Braschs erzählt, ist für den Hauptpreis als Bester Spielfilm und in elf weiteren Kategorien nominiert. Was auf jeden Fall für ihn spricht: Selten ist in einem Spielfilm über einen Dichter Literatur so lebendig geworden. Die Bücherfrage der Woche geht deshalb an den Regisseur Andreas Kleinert: Sie kennen das Werk Ihrer Figur – was empfehlen Sie dem Publikum, mit welchen Brasch-Texten sollte es zu lesen beginnen?

Andreas Kleinert: Ich wollte auf keinen Fall, dass man sich mit einer Liste von Quellen vor den Film setzt und abhakt, aus welchem Gedicht oder Prosawerk wir zitieren. Aber natürlich sollte man einen Eindruck von diesem Werk bekommen. Und da besteht der Konflikt für einen Regisseur zuerst darin, dass die Arbeit des Dichtens so schwer filmisch darstellbar ist – egal, ob man am Laptop, an der Schreibmaschine sitzt oder mit der Hand schreibt.

Deshalb war es von Anfang an unser Anliegen, die Texte zu visualisieren und dabei die Ebenen zu verbinden: Was ist in seinem Kopf, was ist seine literarische Vision? Was ist Traum, was Realität? Für die Zuschauerinnen und Zuschauer bleibt offen, was davon wirklich erlebt ist oder was Brasch so gestaltet hat, dass es für ihn zu einer Wahrheit wurde. Da gibt es die Szene mit den beiden Schwestern, die sich umbringen wollen, ein starker filmischer Vorgang, aber doch „nur“ Literatur. Es gibt viele Zitate, die wir versucht haben filmisch umzusetzen und dabei auch zu verwischen.

Es ging uns um die freie Assoziation, wir wollten nicht nur einen Film für Brasch-Kenner drehen,  sondern auch ein Publikum neugierig machen, das noch nicht mit ihm vertraut ist. Womit wir endlich bei der Lektüre-Frage sind: Da sage ich immer, man sollte mit „Vor den Vätern sterben die Söhne“ anfangen. Das ist sein Hauptwerk, klassische Prosa, kein dickes Buch. Damit ist er bekanntgeworden, und es erzählt ganz viel – über seine Geschichte, über den Osten und über die Sprachkultur von Thomas Brasch.

Außerdem empfehle ich alle seine Gedichtbände, „Der schöne 27. September“, „Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“ oder „Was ich mir wünsche“. Da kann man gar nichts falsch machen. Wer noch ein Schultrauma Gedichten gegenüber hat, der verliert das hier. Braschs Gedichte sind so sinnlich-konkret in all ihrer poetischen Freiheit.

Und Thomas Wendrich, der das Drehbuch für „Lieber Thomas“ geschrieben hat, empfiehlt unbedingt, die Theaterstücke zu lesen, die Brasch übersetzt hat: Also Tschechow und Shakespeare im Duktus von Brasch zu erfahren.

„Lieber Thomas“  wird am Mittwoch, 22.6., 21.45 Uhr, im Freiluftkino Friedrichshain gezeigt. Andreas Kleinert ist dabei.