Alle Mörder haben einen Helfershelfer: die Zeit. In Manfred Schneiders Debütroman hat die Zeit ihr komplizenhaftes Werk schon vor Beginn der Handlung vollbracht. In Form der altersbedingten Erinnerungs- und Sprachstörungen, unter denen die wichtigsten Zeugen des Mordes an Bürgermeister Jungjohann leiden. Sind sie doch allesamt Insassen des im Bergischen Land gelegenen Altersheims Sankt Gundula, in dessen Fahrstuhl Jungjohann tot aufgefunden wurde. Die Hinweise, die die Demenzkranken der eintreffenden Kommissarin Annabelle Petrosian geben, klingen dementsprechend wie Rätsel. Einer lautet: „Die Katze schleicht.“

Die Zeit hat in Schneiders Roman aber noch einen pompöseren Auftritt: in Gestalt der Gegenwart. So hatte Jungjohann Feinde in der AfD-Fraktion, die verhindern will, dass im Städtchen, in dem einst der Reichsleiter der NSDAP Robert Ley hauste, Gedenktafeln für die vertriebenen jüdischen Familien angebracht werden.

Obendrein war Jungjohann homosexuell und mit einem jungen Afghanen verheiratet. Noch mehr akutes Jetzt? Gerne: Eine mögliche Verdächtige ist eine Grünen-Abgeordnete, die anscheinend prestigeträchtige Bauprojekte dem Umweltschutz vorzieht. Bemerkenswert auch die Figur eines Notars, der den ganzen Tag „GTA“ spielt. (Lassen Sie sich bitte von jüngeren Menschen in ihrem Umfeld erklären, was das ist.)

Anders als bei anderen Provinzkrimis, die ihr Personal als Ansammlung schräger, tendenziell dümmlicher Gestalten aufstellen, entwirft Schneider eine menschliche Komödie, in der es u.a. wahre Glanzstücke der Rollenprosa gibt. Wie den Monolog eines Tiermalers über die existenzielle Dimension seiner Kunst (zu einem Zeitpunkt, in dem schon klar ist, dass seine Bilder aus einem Tierkalender abgemalt sind). Oder die Suada eines Mannes, der Angst davor hat, in seiner Wohnung Licht und Herd angelassen zu haben. Oder die Tür unabgeschlossen.

Manfred Schneiders raffinierter Krimiplot mit überraschenden Volten

Manfred Schneiders Kunstfertigkeit als Autor kommt nicht von ungefähr: Der 1944 im oberschlesischen Gleiwitz geborene Literatur- und Medienwissenschaftler, der bis 2012 als Professor an der Universität Bochum lehrte, hat seit den 1980er-Jahren etliche brillant geschriebenen Studien über Themen wie den Barbaren, das Attentat, das Geständnis veröffentlicht. Schneider hält seine Gelehrsamkeit im Zaume, findet aber sichtlich Vergnügen daran, alle möglichen Herausforderungen des Schreibens anzugehen: von der Wiedergabe gesprochenen Dialekts bis hin zur auch für Laien verständlichen Erläuterung komplexer wissenschaftlicher Forschung.

Vor allem gelingt Schneider ein raffinierter Krimiplot in einer gleichermaßen amüsanten wie spannenden Mischung von klassischen Versatzstücken (Toter im verschlossenen Raum), köstlichen Nebenhandlungen (Annabelle Petrosian soll den eigenen Vater des Ehebruchs überführen), überraschenden Volten. Und einem moralischen Dilemma, vor das er die Kommissarin stellt, der mit einem Mal irritierende 50.000 Euro Belohnung für eine Lösung des Falls Jungjohann winken. Eine Lösung, die dann fulminant ausfällt: interkulturell-intellektuell. Ein chinesischer Gerichtsmediziner, Sigmund Freud, Roman Jakobson, ein armenischer Linguist arbeiten sie Annabelle Petrosian zu – und Umberto Eco winkt aus der Ferne. Bleibt zu hoffen, dass die Zeit sich auf die Seite der Kommissarin schlägt und Annabelle Petrosian eine Zukunft als Serienheldin hat.

Manfred Schneider: Die Katze schleicht. Roman. Transit-Verlag, Berlin 2021. 272 Seiten, 20 Euro.

Am Sonntag, 30.5., gibt es ein Interview mit Manfred Schneider in „Literaturagenten“ auf Radioeins (ab 18 Uhr). Die Rezension erscheint im Rahmen der Kooperation mit Radioeins vom RBB, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg und der Aktion „Bücherfrühling“. stadtlandbuch.de/buecherfruehling