Was ist real? Was ist normal? Ein Roman über „Die leise Last der Dinge“

Die amerikanisch-kanadische Autorin, Filmemacherin und Zen-Priesterin Ruth Ozeki erzählt von psychischer Krankheit und krankem Konsum.

Ruth Ozeki
Ruth OzekiImago Images

Was würden Sie sagen, wenn plötzlich ein Turnschuh zu Ihnen redet? Eine zerbrochene Christbaumkugel, ein welkes Salatblatt? Dem dreizehnjährigen Benny Oh passiert genau das: Alltagsgegenstände quasseln und klagen, wollen Aufmerksamkeit und Mitgefühl von ihm. Es beginnt im Roman „Die leise Last der Dinge“ nach dem Unfalltod seines Vaters, der, nicht ganz nüchtern, unter einen Laster geriet. Benny hört Stimmen und wird in der Schule gemobbt, denn sein Problem spricht sich herum, während seine Mutter in ihrer Trauer zum Messie wird. Sie versucht, den Sohn mit hilflosen Einkäufen zu trösten. Gegen Ende quillt das verdreckte Haus von überflüssigen Gegenständen über, und Benny sitzt in der Psychiatrie.

Die kanadisch-amerikanische Autorin, Filmemacherin und zenbuddhistische Priesterin Ruth Ozeki erzählte in ihrem vorigen Roman von einem suizidgefährdeten Mädchen in Tokio. Im neuen, dem vierten Buch geht es um Trauer, psychische Krankheit und sozialen Abstieg in den USA. Benny rammt sich eine Schere ins Bein, es drohen der Verlust des Hauses und der Krankenversicherung, als der schlechtbezahlte Job seiner Mutter wegrationalisiert wird. Um nicht vor Sorge durchzudrehen, liest sie einen japanischen Aufräumbestseller – Marie Kondo lässt grüßen. Japan ist auch sonst wichtig, denn Bennys Vater kam von dort.

Verlust, Schmerz und Irrewerden

Der Roman ist keine Anklage. Die Schulpsychologin ist keine böse, sondern eine rat- und phantasielose Frau. Die Leute in der Psychiatrie verabreichen Benny mit besten Absichten starke Medikamente. Wirkliche Hilfe bieten aber andere: ein Walter Benjamin lesendes, obdachloses Mädchen mit Drogenproblem und einem „nicht-binären Frettchen“, und der „Flaschenmann“, ein dichtender Alkoholiker im Rollstuhl. Benny trifft die beiden in der Stadtbücherei, wo sie Lektüre, Wärme und sanitäre Einrichtungen suchen und er sich vor der Welt und ihren Stimmen versteckt. Hier reden zwar die Bücher auf ihn ein, aber die meisten tun es leise, sie sind ja in einer Bibliothek. Am lautesten ist noch das, das wir in den Händen halten. Es erzählt und kommentiert Bennys Geschichte und präsentiert die Selbstsicht eines Buches aus der Ich-Perspektive.

Das klingt vielleicht ein bisschen überkandidelt, tatsächlich ist Ruth Ozeki aber eine gut sortierte Erzählerin. Ihr Roman berichtet in unaufgeregten Worten von Verlust, Schmerz, Irrewerden, und das fesselt auch noch auf der 600. Seite. In Rückblicken erfahren wir die Geschichte von Bennys einst sehr glücklicher Familie.

Bester Roman einer Frau in Großbritannien

Ozekis Humor und das Gerede der Dinge lässt keine Sentimentalität aufkommen. Und obwohl ihn sein Leben verzweifeln lässt, verliebt Benny sich das erste Mal, natürlich in das Mädchen mit dem Frettchen. Sie zeigt ihm eine Welt, in der Platz für Verletzlichkeit ist. „Was ist real?“, fragt der Flaschenmann eines Tages, und auch das hilft Benny im Umgang mit den Stimmen in seinem Kopf. Und was ist normal? Diese Frage steckt in jeder Zeile des Romans.

In Großbritannien gewann „Die leise Last der Dinge“ den diesjährigen Women‘s Prize for Fiction. Der Roman ist eine Studie psychischer Not und eine Liebeserklärung an eine vielstimmige Welt, einschließlich ihrer verstörenden Seiten. Er ist eine Kritik der Konsumgüterflut und eine buddhistische Lektion in Sachen Aufmerksamkeit und Respekt. Vor allem aber ist er ein kluges, empathisches, ein bisschen schräges und sehr menschenfreundliches Buch.

Ruth Ozeki: Die leise Last der Dinge. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea von Struve und Petra Post. Eisele Verlag, München 2022. 685 Seiten, 26 Euro