Berlin - Die Geschichte beginnt in einem Obst- und Gemüseladen in Wilmersdorf. Christian Voß, nach zwei Jahren an der Westfront wieder in Berlin, möchte dort Erdbeeren kaufen. In der Warteschlange fängt er ein Gespräch mit der jungen Frau vor ihm an. Sie hat wie alle eine Lebensmittelkarte, aber keinen Anspruch auf die begehrte Ware. Denn sie trägt, wie er erst am Ende der Begegnung bemerkt, einen gelben Stern auf ihrem Frühjahrskostüm. Wir befinden uns im Berlin des Jahres 1942, wenige Monate nach der Wannseekonferenz, bei der die Reichsregierung beschloss, alle Juden in ihrem Machtbereich zu töten. Hertha von Gebhardts Roman „Christian Voß und die Sterne“ erzählt, was Menschen im Berlin dieser Zeit erlebten. Zum Beispiel beim Erdbeerkauf.

Im Mittelpunkt steht die Kundin aus dem Gemüseladen, Irene Jonas, die ihre Wohnung nach dem Tod ihrer Eltern zimmerweise untervermietet. Alle, die bei ihr leben, tragen einen gelben Stern. Sie dürfen nicht mit der S-Bahn fahren, nicht ins Café, nicht in ihren Berufen arbeiten, nur zu bestimmten Uhrzeiten einkaufen, abends nicht auf die Straße – die Liste der Verbote ist lang. Und dann wäre da noch Christian Voß, Ex-Wehrmachtssoldat, der durch Irene zum ersten Mal näheren Kontakt zur jüdischen Bevölkerung hat. Er ist sehr in sie verliebt und dennoch bleibt seine Sicht (wie die vieler anderer Figuren des Buches) von antisemitischen Vorurteilen durchzogen.

Hertha von Gebhardt, Jahrgang 1896, die diesen Roman schrieb, war eine moderne Frau und erfolgreiche Schriftstellerin. Sie trug Bubikopf und Krawatte, engagierte sich im „Soroptimist-Club für berufstätige Frauen“ und baute die Künstlerkolonie in Berlin-Wilmersdorf mit auf. Vor 1933 schrieb sie für große Zeitungen und Romane, nach 1933 Kinderbücher und Drehbücher. Um weiter veröffentlichen zu können, trat sie der Reichsschrifttumskammer bei. Sie wurde während des Nationalsozialismus nicht als Jüdin bedroht. Aber sie unterstützte Freunde und Freundinnen, bei denen das anders war. Der Roman ist ihnen gewidmet.

Menschen in einer Extremsituation

„Christian Voß und die Sterne“ stellt uns Menschen in einer Extremsituation vor. An Flucht ist mitten im Krieg nicht mehr zu denken. Während die Deportationen nach Theresienstadt beginnen, hoffen manche noch auf ein Wunder, während andere sich das Leben nehmen. Oder sie täuschen einen Suizid vor und verstecken sich. Gebhardt schildert unendlich Trauriges in klaren Worten und bringt uns diese Zeit, die sie selbst in Berlin erlebte, so nah, wie wohl kein heute geschriebener Roman es kann. Sie beschreibt auch den Hass oder die Gleichgültigkeit all der Leute, die begrüßen oder einfach hinnehmen, was mit ihren jüdischen Nachbarn geschieht. Wenige machen es anders, wie der verliebte Christian Voß oder die Obstverkäuferin am Anfang des Romans, die ihrer jüdischen Kundin heimlich Erdbeeren in die Einkaufstasche steckt.

Natürlich war dieses Buch kein Erfolg, als es 1947 im britischen Sektor Berlins erschien. Das deutsche Publikum wollte nicht an den Holocaust erinnert werden. Gabriele Tergit, die im Londoner Exil überlebte und mit ihren „Effingers“ selbst einen Roman über Juden in Berlin schrieb, schätzte „Christian Voß und die Sterne“ dagegen sehr: Sie schrieb Gebhardt 1948 in einem Brief, „dass mich aber Ihr Buch so tief bewegt, wie mich sehr lange nichts bewegt hat“. Es ist dem kleinen Aviva-Verlag, der seit vielen Jahren vergessenen Autorinnen zur Wiederentdeckung verhilft, sehr zu danken, dass es nun wieder in den Buchläden liegt.

Hertha von Gebhardt: Christian Voß und die Sterne. Roman, hg. und mit einem Nachwort von Doris Hermanns, Aviva-Verlag, Berlin 2021, 381 S., 23 Euro

Spaziergang durch die Wilmersdorfer Künstlerkolonie mit der Verlegerin Britta Jürgs und der Herausgeberin Doris Hermanns im Rahmen des Berliner BücherfrühlingsAm Sonntag, 30.5., 15 bis 16 Uhr. Anmeldung bis 29.5. unter: www.aviva-verlag.de/veranstaltungen/verlagebesuchen-2021-hvg-spaziergang