Christiane Hoffmann versuchte zu verstehen, was Flucht bedeutet: zu Fuß

Für ihr Buch „Alles, was wir nicht erinnern“ bekommt die stellvertretende Regierungssprecherin den Buchpreis Familienroman.

Christiane Hoffmann, ausgezeichnete Autorin und Regierungssprecherin
Christiane Hoffmann, ausgezeichnete Autorin und Regierungssprecherindpa

Angst gehörte zu ihrer Kindheit, schreibt Christiane Hoffmann, Angst vor Dunkelheit, vor dem Verlassenwerden, vor dramatischer Fernsehmusik. „Aber all das war nichts gegen die Angst vor dem Krieg.“ Als Erwachsene verstand sie, wie Prägungen funktionieren, wie Kinder die Traumata ihrer Eltern und Großeltern erben können. „Alles, was wir nicht erinnern“ heißt ihr Buch, in dem sie auch davon erzählt.

Es handelt vor allem davon, wie sie zu begreifen versucht, was es bedeutet, fliehen zu müssen. Denn sie ist Tochter zweier Flüchtlingskinder. Die Familie des Vaters stammt aus Schlesien, die der Mutter aus Ostpreußen. Am Dienstag wurde bekannt, dass Christiane Hoffmann den Buchpreis Familienroman 2022 der Stiftung Ravensburger Verlag erhält.

Dabei ist ihr Buch kein Roman. Der Untertitel „Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“ deutet auf den damals Neunjährigen, der im Januar 1945 mit seiner Mutter das Zuhause verließ, als die Panzer der Sowjetarmee schon zu hören waren. 550 Kilometer legte die Autorin mit Rucksack und in Stiefeln zurück. Doch ein Wanderbuch ist es auch nicht. Im heute polnischen Rózyna beginnend, ist ihr Blick von Recherche gefärbt. Ein klassisches Sachbuch ist es ebenfalls nicht, denn immer wieder wendet die Autorin sich an ein Du, großgeschrieben wie in einem Brief. Das ist der verstorbene Vater.

Was Familie auch bedeutet

„Ich gehe Deinen Weg, aber ich finde Dich nicht“, notiert Hoffmann, zu sehr sei sie mit sich selbst beschäftigt, den Schmerzen, dem Wetter, der Ungewissheit, auf wen sie bei der nächsten Rast treffe. Sie erkennt, ihm vielleicht gerade deshalb nahe zu sein, „weil ich im endlosen Gehen genauso dumpf werde“. Das empathische Erinnern zeigt, was Familie ausmachen kann: ein Gespür füreinander zu haben. Es ist bestechend, wie die Autorin mit ihren Fragen und ihrer Wortwahl immer weiter zum Kern vordringt.

Fluchtbewegungen prägen unsere Gegenwart. Und das Thema Krieg, das die Autorin in der Kindheit beschäftigte, ist uns wieder näher gekommen. Es bestimmt auch die Arbeit, die Christiane Hoffmann seit Januar ausfüllt. Sie ist Erste Stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung. Die 1967 in Hamburg Geborene war zuvor Journalistin, 1994 hatte sie bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angefangen, arbeitete als Korrespondentin in Moskau und in Teheran, später im Hauptstadtbüro, bis sie 2013 zum Spiegel wechselte. Der Preis wird ihr am 21. November in Berlin überreicht.