Die ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton schreibt in ihren 2017 erschienenen Memoiren, dass Bill Clinton ihr zuerst zwei erfolglose Heiratsanträge gemacht habe. Erst beim dritten Mal sagte sie ja. Und sie würde es heute wieder tun. Was wäre aber geschehen, hätte die damalige Hillary Rodham einfach nein gesagt und Bill Clinton nicht geheiratet? Wenn sie nicht First Lady geworden wäre, seine ganzen Skandale nicht mitgetragen hätte? Und wenn sie dann mehrere Jahre später nicht gegen Donald Trump angetreten wäre, um dann die US-Präsidentschaftswahl zu verlieren? Die US-amerikanische Schriftstellerin Curtis Sittenfeld setzt sich in ihrer Alternativweltgeschichte „Hillary“ mit solchen Gedankenspielen auseinander und liefert einen unwiderstehlich lesbaren Roman, der gut in unsere Zeit passt.

Curtis Sittenfeld geht nicht von der Gegenwart aus. Und sie schafft es, sich im Verlauf immer weiter von der realen Person zu lösen. „Rodham“ ist der Roman im Original betitelt, was den Unterschied zur Hillary, wie man sie kennt, noch stärker herauskehrt. „Die Entscheidung, ob ich gehen oder bleiben sollte, hatte auf Messers Schneide gestanden; es hätte wirklich so oder so ausgehen können“ sagt Hillary Rodham im Roman zur Wahl über eine gemeinsame Zukunft mit Bill Clinton.

Coverabbildung: Penguin Random House/dpa
Das Buch

Curtis Sittenfeld: Hillary. Ein Roman. 
Aus dem Englischen von Stefanie Römer.
Penguin Verlag, München 2021.
512 Seiten, 24 Euro.

Sie entscheidet sich dafür, unverheiratet zu bleiben, entwickelt sich auch zu einer tüchtigen Karrierepolitikerin, die bis zum Schluss keine so große Liebe wie Bill Clinton mehr finden wird. Der wiederum entwickelt sich zum schleimigen Milliardär, bevor er wie im echten Leben als US-Präsident kandidiert. Das kommt einem von einem Emporkömmling anderen Namens bekannt vor.

Curtis Sittenfeld schrieb bereits über Laura Bush

„Hillary“ erinnert in der Vorgehensweise an Sittenfelds dritten Roman, „American Wife“, zu Deutsch: „Die Frau des Präsidenten“, 2008 erschienen. Der erzählt von einer verhüllten Version Laura Bushs, First Lady in den Jahren von 2001 bis 2009. Die Frau von George W. Bush war noch der traditionellen Rolle einer Präsidentengattin verhaftet, sie hielt sich im Hintergrund. In „Hillary“ geht es indes um eine Persönlichkeit, deren Wirken und Prominenz über den Rahmen als Ehefrau weit hinausging und anhielt, was gewiss eine größere Herausforderung war als im Buch um Laura Bush.

Curtis Sittenfeld hat offensichtlich großen Spaß an ihrer Idee. Da sie sich im spekulativen Bereich bewegt, nutzt sie ihre erzählerischen Freiheiten voll aus: Ihre Hillary ist anfangs ein sozial unbeholfenes Mädchen, das sich in die falschen Jungs verliebt. Dann ist sie eine selbstbewusste Studentin, die zwar die Liebe ihres Lebens findet, welche sich jedoch als untreues Arschloch entpuppt. Schließlich etabliert sich Rodham als eine Variante der Hillary, die wir kennen, außer dass sie nun ohne einen Mann an ihrer Seite versucht, ins Weiße Haus einzuziehen.

Die bittere Ironie in „Hillary“ liegt darin, dass eine alleinstehende und kinderlose – wohlgemerkt fiktive – Hillary ebenso von allen verunglimpft wird wie die Hillary Clinton im echten Leben. Curtis Sittenfeld zeigt, dass Erwartungshaltungen an Frauen in der Politik weitaus höher und unfairer sind, als es bei Männern jemals der Fall war und ist. Frauen, die Erfolg haben, werden als machthungrig, kalt oder humorlos bezeichnet, ihre männlichen Pendants mit ähnlichem Verhalten dagegen als ehrgeizig und karriereorientiert. Doch mehr als einmal, vor allem im letzten Kapitel, fragt man sich, ob Hillary Clinton wirklich die richtige Person für diesen feministischen Liebesbrief ist oder ob es nicht ein besseres Beispiel gegeben hätte. Ist Sittenfelds Sicht nicht ein wenig naiv?

Bei Curtis Sittenfeld ist Donald Trump ein Bewunderer Hillarys

Tatsächlich gründet Hillary Clintons gegenwärtiger Ruhm bei vielen ihrer Verehrer darauf, dass sie sich jahrelang als eine von sehr wenigen Frauen im politischen Raum inmitten geistig unterlegener Kollegen und frauenverachtender Fieslinge behaupten konnte. Doch ist sie nicht einmal in den liberalen Kreisen unumstritten, es gibt etwa den Vorwurf, sie sei ein „war monger“, eine Kriegstreiberin also. Mit dem Aufstieg von Kamala Harris oder auch Alexandra Ocasio-Cortez ist sie politisch kaum noch relevant.

Die Autorin überrascht auch noch damit, Donald Trump in ihre Handlung einzubauen. Hier wird er als großer Hillary-Sympathisant gezeigt, der ihre Kandidatur zur Präsidentschaftswahl befürwortet. Unter dem Eindruck von Trumps großer Gegnerschaft zur realen Hillary Clinton fällt es sehr schwer, sich auf diesen Einfall einzulassen. Was nur ein kleiner Einwand ist. Mit „Hillary“ hat Curtis Sittenfeld ein sehr unterhaltsames Buch geschrieben.