„Das andere Mädchen“: Annie Ernaux und ihre tote Schwester

Sie werde weiter persönlich schreiben, nicht politisch, sagte Annie Ernaux kurz vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an diesem Sonnabend. 

Annie Ernaux bei der Pressekonferenz vor der Nobelpreisverleihung.
Annie Ernaux bei der Pressekonferenz vor der Nobelpreisverleihung.TT News Agency

Eines könne sie mit Sicherheit sagen, antwortete Annie Ernaux den Journalisten, als sie am Dienstag in Stockholm nach der Bedeutung des Literaturnobelpreises für sie befragt wurde: „dass ich noch mehr Lust zum Schreiben habe“. Sie werde auch weiterhin auf persönliche Weise schreiben, und nicht Petitionen.

Ernaux war nach Zuerkennung der höchsten Literaturauszeichnung dafür kritisiert worden, Aufrufe der israelkritischen BDS-Bewegung unterzeichnet zu haben. Politisch schreibt sie sowieso, auch ihren Weg zur Schriftstellerin deutet sie politisch. Denn sie hat die einfachen Verhältnisse ihrer Herkunft verlassen, die Herkunft selbst aber zum Thema ihres Schreibens gemacht.

Vor etwa fünf Jahren änderte sich ihre Rolle in der Literatur

An diesem Sonnabend wird ihr die Auszeichnung verliehen. Auch das Buch „Das andere Mädchen“, in dem sie sich mit der ersten Tochter ihrer Eltern beschäftigt, die zwei Jahre vor ihrer Geburt an Diphterie starb, ist in diesem persönlichen Sinne politisch. Auf Deutsch erschien es im Oktober, wenige Tage, nachdem sie die Nachricht vom Preis erhielt, im Original bereits 2011. Seit etwa fünf Jahren erst wird die Bedeutung der Autorin in Deutschland und anderen europäischen Ländern wahrgenommen, obwohl es schon in den Achtzigern deutsche Ausgaben ihrer Bücher gab. Hierzulande fand erst die Übersetzerin Sonja Finck den Ton, der ihrer reduzierten Sprache auch im Deutschen die Tiefe gibt. Selbst in Frankreich war vor allem die Rezeption von Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ dafür verantwortlich, dass Ernaux genauer gelesen und geschätzt wurde. Die Auseinandersetzung mit seiner Klasse, sagte der Philosoph und Schriftsteller damals, habe er von ihr gelernt.

Aus „Das andere Mädchen“ erfahren wir, dass es die heute gerühmte Autorin ohne den Tod der Schwester nicht gegeben hätte. Die Eltern kamen finanziell gerade so über die Runden, hatten zwar ein eigenes Geschäft übernommen, mussten aber Schulden abtragen, was den Vater zwang, weiterhin „außer Haus“ zu arbeiten, erst auf einer Großbaustelle, dann in einer Raffinerie. Sie hätten es sich nicht erlauben können, mehr als ein Kind großzuziehen.

Zwar beschäftigt sich Annie Ernaux hier wie in „Eine Frau“ oder „Der Platz“ mit ihrer Familie und versucht wie bisher zu ergründen, in welcher Weise Vater, Mutter und sie selbst von den Verhältnissen geprägt wurden. Diesmal stellt sie die eigene Existenz infrage: „Ich schreibe nicht, weil du gestorben bist. Du bist gestorben, damit ich schreibe, das ist ein großer Unterschied.“ Als Form wählt sie einen Brief, das schmale Buch ist an ein „du“ gerichtet. Doch diese Autorin, die nicht nur ihre Biografie, sondern auch ihr Schreiben kritisch betrachtet, räumt ein, dass es sich nur um einen „unechten Brief“ handele, denn „echte Briefe schreibt man nur an Lebende“.

Anders als etwa in ihrem Buch „Die Jahre“, 2008 im Original, 2019 auf Deutsch erschienen, das Situationen ausgehend von mehreren Fotos beschrieb, die es nicht zeigte, enthält dieses Buch zwei Bilder des schlichten Hauses, in dem Ernaux aufwuchs. Aufgenommen sind sie später, das Haus ist „in einem aggressiven Weiß verputzt, das inmitten der Nachbarhäuser hervorstach“, ein Anhaltspunkt ist es, ein Objekt. Und dann gibt es noch, blass auf dem Buchumschlag, ein Bild von 1937, das Annie Ernaux’ Vater im Anzug und ihre Schwester Ginette im weißen Kleid bei der feierlichen Erstkommunion einer Nichte zeigt. Nur sechs Fotos habe sie von ihr, Cousinen gaben sie ihr nach dem Tod der Mutter.

Das Flüstern der Mutter signalisierte das Tabu

Annie Ernaux beginnt ihr Buch damit, wie sie zufällig ein leises Gespräch ihrer Mutter mit einer anderen Frau hört, die in der Nachbarschaft zu Besuch ist. „In dem Sommer, als ich zehn Jahre alt war, kamst du als Tote in mein Leben.“ Schon dieser Satz reicht eine Erschütterung an die Leserin weiter. Viele Menschen empfinden es als seltsam, über die eigenen Eltern nachzudenken, als sie noch nicht Eltern waren; es scheint einfacher, von fremden Leben zu erfahren, als von dieser mit einem verwandten Vorgeschichte. Im vorliegenden Fall erfährt ein Kind von seiner Vorgängerin in der Rolle des Kindes. Die Mutter, Annie nicht in Hörweite glaubend, erzählt der Fremden von der Krankheit und dem Sterben des Mädchens, das bei seinem Tod wie eine kleine Heilige ausgesehen haben soll, „am Schluss sagt sie über dich, sie war viel lieber als die da“. Annie Ernaux setzt danach keinen Punkt, sondern einen Zeilenbruch und beschließt den Absatz so: „Die da, das bin ich.“

Deshalb heißt das Buch „Das andere Mädchen“. Die Autorin schildert ihren Platz in der Familie: ein Ersatz. Das Schweigen der Eltern diente ihr als Schutz. „Die beiden hatten sich die Möglichkeit genommen, dich mir als Vorbild zu präsentieren, mir ins Gesicht zu sagen, sie war viel lieber als du.“ Sie sprach die Eltern nicht darauf an, weil ihr durch das Flüstern der Mutter einer Fremden gegenüber das Tabu bewusst wurde. „Die Eltern eines toten Kindes können nicht wissen, was ihr Schmerz mit dem lebenden Kind macht.“

Annie Ernaux: Das andere Mädchen. Aus dem Franzöischen von Sonja Finck. Suhrkamp, Berlin 2022. 76 Seiten, 18 Euro.