Als Katja Petrowskajas Buch „Vielleicht Esther“ vor acht Jahren erschien, wurde es von der Kritik gefeiert. Es berührt durch seine ungewöhnliche Art der Geschichtsschreibung. Die Autorin, in Kiew geboren, in Berlin lebend, ergründete die Schicksale ihrer Vorfahren, die als Juden in der Ukraine verfolgt wurden, indem sie Fotos betrachtete, Stadtpläne studierte, Wege wiederholte und vor allem: Menschen befragte.

Als Neuling im deutschen Literaturbetrieb fiel sie dadurch auf, dass sie selbst eine neue Form des Erzählens probierte. Jetzt, da ihr zweites Buch erscheint, ist sie einem Millionenpublikum bekannt.

Denn Katja Petrowskaja spricht nicht länger nur für sich, sondern für die Ukraine, das von Russland überfallene Land. Dafür ging sie auf die Podien von Kundgebungen und setzte sich in Talkshows und gab etliche Interviews, um die Gewöhnung an den Krieg zu stoppen.

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Katja Petrowskaja im Studio der Sendung „Anne Will“ im März.

Doch ihre Literatur ist auch da. „Das Foto schaute mich an“ heißt ihr neues Buch. Wenn man sagt, dass es sich dabei um eine Sammlung von Kolumnen handelt, die sie über Jahre für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung geschrieben hat, ist das richtig. Aber wenn man die meist drei Buchseiten umfassenden Texte liest und die von der Autorin ausgewählten Bilder ansieht, merkt man, dass es in der Zusammenstellung ein Werk für sich ist.

Petrowskaja sieht Bilder und zieht Verbindungen

„Ein einzelnes Foto zu besprechen, war mein Versuch, innezuhalten und zu verweilen“, schreibt Petrowskaja in ihrer Danksagung am Ende. „Ich wollte die Inflation der Bilder bremsen, nicht weltweit, sondern für mich, als wäre das Betrachten ein langsamer, etwas altmodischer Prozess.“

Sie nimmt die Bilder zum Ausgangspunkt, um zu erzählen und erreicht dabei eine große Konzentration und Tiefe. Ein blinder Junge in Nahaufnahme, ein Mädchen auf einem Dorfweg, eine Frau am Meer mit goldener Rettungsfolie, ein alter Mann vor einer Ruine, zerborstene Fenster, sogar ein abfotografiertes Manuskriptblatt von Franz Kafka ist dabei. Manchmal beginnt sie damit, zu beschreiben, was sie sieht, andere Texte fangen an, indem sie in Erinnerungen gräbt. Der Einstieg gibt eine Stimmung vor, ein bisschen wehmütig oder bedauernd, selten leicht amüsiert, meist in einem forschenden Nachdenken.

Katja Petrowskaja verknüpft historische Ereignisse, zieht Verbindungen von einem Foto zu Mutterschaft, Freundschaft oder Arbeit, zum Menschsein an sich. Und auch wenn wenige Bilder nur Krieg oder Zerstörung zeigen, verdeutlichen diese Texte die Fragilität der festgehaltenen Szenen.

Katja Petrowskaja: Das Foto schaute mich an. Suhrkamp, Berlin 2022. 256 Seiten, 25 Euro.

Mit einer Lesung aus diesem Buch beginnt am 2. Juni das Europäische Reiseliteraturfestival „Neben der Spur“ in Neuruppin. Informationen unter: https://fontane-kosmos.de/portfolio/neben-der-spur/