Als sich die langjährige Chefredakteurin der Wochenzeitung 22 im Jahre 2010 mit einem neuen, umfangreichen Roman zu Wort meldete, war das Erstaunen in ihrer Heimat groß. Von 1991 bis 2005 hatte Gabriela Adameşteanu ihre Schriftstellerinnenkarriere dem Aufbau einer modernen Öffentlichkeit geopfert. Mit ihrer Wiederkehr als Autorin, die ein derart epochenübergreifendes Psychosoziogramm der rumänischen Gesellschaft vorlegt, hatten nur wenige gerechnet. Freilich griff sie mit dem „Provisorium der Liebe“ auf ein Werk ihrer Anfänge zurück, nämlich den Roman von 1975 „Der gleiche Weg an jedem Tag“, mit dem die damals 33-Jährige debütiert hatte.

Darin erzählte sie von Letiţia Branea, die in 1950er-Jahren bei Mutter und Onkel aufwächst, um schließlich zu Anfang der Sechziger aus der Provinz nach Bukarest zu gehen und dort zu studieren. Dass sie dies trotz der ursprünglich bürgerlichen Familie und einem Vater im Gefängnis überhaupt darf, verdankt sie der Phase politischen Tauwetters. Am Ende des eindrucksvollen Porträts einer widersprüchlichen jungen Frau stand die Liebesbeziehung Letiţias zu einem älteren Mann, dem Literaturwissenschaftler Petru Arcan.

Angst vor dem Ehemann

Im „Provisorium der Liebe“, das auch ohne Kenntnis des Erstlingsromans gelesen werden kann, begegnet man Letiţia wieder, nun in den 70er-Jahren. Mittlerweile ist sie mit Petru verheiratet – wenngleich alles andere als glücklich. In die Angst vor dem Ehemann, der seiner Frau ihre „ungesunde Herkunft“ vorwirft, die seine Universitätskarriere verhindern würde, mischt sich höchstens Mitleid und „ungeheure Gewöhnung“. Dass er unterschlägt, die deutlich Jüngere seinerzeit nicht nur aus erotischem Interesse geheiratet zu haben, sondern auch, um die Scharte der Scheidung von seiner ersten Frau auszuwetzen, wird Letiţia aus Zufall erfahren.

Kein Wunder, dass unter solchen Umständen das Buch mit dem Ehebruch beginnt, den sie sich schon eine geraume Zeit leistet. Letiţias Liebhaber ist der schüchterne, kultivierte und korrekte Junggeselle Sorin Olaru, ein Arbeitskollege aus dem im Roman stets nur das „Gebäude“ genannten Kulturpalast. Die angehende Schriftstellerin Letiţia trifft sich mit ihm ein- bis zweimal die Woche in einer Wohnung am Stadtrand, die ein Freund Sorins den beiden als Liebesnest zur Verfügung stellt. Denn obwohl sich diese Affäre, von der Petru Arcan nie erfahren wird, über viele Jahre erstreckt, bleibt sie immer provisorisch.

Im ersten Satz des Buches erinnert der Liebhaber Letiţia an die „letzte Kampagne des Genossen“, namentlich Ceaușescu, den sogenannten Ethik-Kodex, und damit an die Gefahren, der sie sich mit ihrer Beziehung unter den Bedingungen der rigiden sozialistischen Moral aussetzen. Diese werden höchstens noch von der Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft übertroffen, mit der ihr Verhältnis auffliegen, deren Abbruch allerdings schwer bestraft würde – und ausgerechnet, als die Affäre endet, muss Letiţia feststellen, schwanger zu sein.

Angst vor schwarzen Autos

Zu Beginn ihrer heimlichen Liebschaft schwärmt der sich gern zu politischen Diskursen hinreißen lassende und anpassungswillige Sorin von der „glücklichen Generation“, der Letiţia und er angehören würden. „Unsere Eltern, Lety, haben uns ihre Furcht vor schwarzen Autos und Verhaftungen mitgegeben, weil sie dachten, man würde auch uns zu Klassenfeinden erklären! Aber uns hat dieses Regime erzogen!“ Er irrt. Nach einer kurzen Phase, in der das Regime die Technokraten fördert, kehren die Parteiaktivisten zurück an die Hebel der Macht. Und damit wird die „gute“ oder „schlechte“ Akte erneut ausschlaggebend für Beruf, gesellschaftliche Stellung, Marginalisierung und Repression.

„Das Provisorium der Liebe“ ist ein hochkomplexes Werk in kleinteiligen Szenen und harten Schnitten, reich an Personal und Schicksalen. Anders als der Debütroman, der Letiţias Geschichte in der ersten Person erzählte, entwickelt sich das Nachfolgewerk multiperspektivisch. Das erlaubt die präzise Wiedergabe der Gedanken (nicht nur) der Liebenden und eröffnet einen ganzen Kosmos von privaten und politischen Vorstellungen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Adameşteanus Blick ist kalt und klar und es gelingt ihr, das Aroma und die Gerüche nach „Sex und Alkohol“ der tristen Siebziger wieder lebendig werden zu lassen. In chronologischen Sprüngen geht es zudem tief in die Vergangenheit aus Familiengeheimnissen- und Verstrickungen der 1930er- und 1940er-Jahre.

Eva Wemme, die für die Übersetzung des Romans „Verlorener Morgen“ von Gabriela Adameşteanu 2019 mit dem Leipziger Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde, hat auch dieses Buch bravourös ins Deutsche gebracht.

Gabriela Adameşteanu: „Das Provisorium der Liebe“. Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Aufbau-Verlag, Berlin 2021. 480 Seiten, 26 Euro.

Jan Koneffke veröffentlichte zuletzt den Roman „Die Tsantsa-Memoiren“ (Galiani Berlin, 2020).