In Gedichten wird geliebt, geträumt, getrauert und eben auch gealtert. Und zwar auf vielfältige Weise, wie die fabelhafte, von Helmut Bachmaier zusammengestellte Anthologie „Zurücktreten aus der Erscheinung“ beweist. Dass man an der eigenen Vergänglichkeit verzweifeln kann, belegen die Gedichte sämtlicher Epochen genauso, wie man mit Würde, ja sogar mit Weisheit und Witz auf die letzte Lebensphase zuschreitet. Klar ist: Jedes neue Gebrechen schafft Bewusstsein. „Auch ich weiß ich muß / sterben obwohl ich nichts anderes spüre als den drang dieses lebens“, schreibt die antike Dichterin Sappho. Im Schwinden der Jahre wird Zeit bedeutsam, wird der Genuss zur Kunst. Vielleicht weil man auch mehr weiß, worauf es ankommt. Während Goethe, wie der ihm entlehnte Titel der Kompilation verrät, auch den zunehmenden Verlust an Kontur und Ausdruck beklagt, sehen andere im Altern einen Gewinn an Profil und Klarheit. So betont etwa Ferdinand von Saar: „Das aber ist des Alters Schöne, / Daß es die Saiten reiner stimmt, / Daß es der Lust die grellen Töne, / Dem Schmerz den herbsten Stachel nimmt“. Wer über das Grau in Grau jenseits der 60 lamentiert, der wird jedenfalls in der Lyrik einem Altern gewahr, das paradoxer und reicher an Tönen und Schattierungen nicht sein könnte.

Falten bergen, bildlich gesprochen, eben immer das Potenzial, von außen nach innen zu gehen ­– jene Richtung, die Yevgeniy Breyger auch in seinem Band „Gestohlene Luft“ einschlägt. Seine Texte berichten von Einsamkeit, Leben und Tod und streben dabei einem Seelenraum zu. Wenn ein Mädchen durch eine Welt voller Schüsse kriecht, „läuft [es] / in den Wind. Durch die innere Welt“. Es sind mystische, geheimnisvolle Orte, zu denen uns diese luziden Texte entführen. Ein Kopf taucht unter Wasser, sodass „ein Fisch die Brechung des Lichts“ in ihm zu lesen beginnt. „Im Fisch ist ein Zimmer, das du nie verlässt. Eine Tür / in das Reich, das sich öffnet wie Blättchen dem Frühling“, bis man erwacht und alles nur ein Traum war. Oder vielleicht eher die Fantasie einer Geburt? Wer hier schnell an Romantik denkt, der irrt. Denn den poetischen Miniaturen des 1989 geborenen Dichters wohnen Momente des Unheimlichen und Unbehaglichen inne. Es gilt das Prinzip: „Von Osmose überrascht werden“, also auf Bedrohungen mit Verwandlungen zu reagieren. Dahinter steht ein begabter Gärtner, der die Welt zum Gedicht kultiviert: „Mit den Augen der Sprache sieht jede Pflanze aus wie eine Wimper. / Begießt man sie mit einem Gedicht, wird nichts geschehen …“

Zurücktreten aus der Erscheinung. Gedichte über das Alter. Hrsg. v. Helmut Bachmaier. Wallstein, Göttingen 2021. 252 Seiten, 20 Euro.

Yevgeniy Breyger: Gestohlene Luft. kookbooks, Berlin 2020. 72 Seiten, 19,90 Euro.