Sehr schön ist Marion Poschmanns Beobachtung, dass man die Herbstfärbung des Laubes in Kanada, den USA oder Ostasien als Naturerlebnis feiert, während hierzulande vor allem interessiert, wer das matschige Zeug am Ende vom Bürgersteig entfernt. Sie hat auch herausgefunden, dass die europäischen Laubbäume, die sich tendenziell gelbgold färben, nicht ganz so klimakrisenresistent sind wie die außereuropäischen, die herbstlich ins Rotgoldene explodieren, und deswegen allmählich durch jene ersetzt werden. „Spree-Eichen“ hat man die im Berliner Regierungsviertel gepflanzten nordamerikanischen Sumpfeichen genannt, damit die botanische Aneignung nicht so auffällt.

Für ihren Essay „Laubwerk“ wurde der 51-jährigen Marion Poschmann kürzlich der diesjährige „Wortmeldungen“-Preis zugesprochen, die Verleihung soll am 27. Juni sein. Es ist ein mit 35.000 Euro erfreulich hoch dotierter Preis für Kurzprosa, die sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt. Ausgelobt wurde er in diesem Jahr zum vierten Mal von der Crespo-Foundation, eine Stiftung für Kunst und Bildung, die von der Fotografin und Psychotherapeutin Ulrike Crespo (1950-2019) gegründet wurde. 

In der Tradition des Nature Writing

Poschmann, die sich in ihren Romanen (zuletzt erschien bei Suhrkamp „Die Kieferninseln“) und Gedichten durchaus in der Tradition eines Nature Writing bewegt, lenkt den Blick mit eleganter Sachlichkeit und Präzision auf unseren Nachbarn, den Straßenbaum, der unverschuldet in große Not geraten ist. Illustriert wurde der nur 20 Druckseiten umfassende Beitrag in der Buchfassung mit Baumzeichnungen aus Meyers Konversationslexikon von 1905, was sehr anrührend wirkt, weil die dort Porträtierten allesamt noch leben könnten. 100 Jahre mehr oder weniger sind für einen Baum ja keine große Sache – eigentlich. 

Nun ist es keineswegs so, dass Poschmann mit diesem Essay gänzlich neues Terrain beträte. Mit Großunternehmungen wie „Aus hartem Holz“ von Annie Proulx oder „Die Wurzen des Lebens“ von Richard Powers sind Bäume in den letzten Jahren literarisch sehr prominent in den Blick geraten, flankiert von den zahlreichen populärwissenschaftlichen Eröffnungen ihrer Besonderheiten als kommunizierende, soziale Mitgeschöpfe. Speziell der Berliner Straßenbaum stand vielleicht wirklich noch etwas im Schatten, das mag sein. 

„Die Welt muss romantisiert werden“ ruft Marion Poschmann am Ende mit Novalis und meint dies explizit „als Forderung der Aufklärung (...), also als Forderung der Vernunft, die Fragilität und Einzigartigkeit lebender Wesen wahrzunehmen und ihnen mit Freundlichkeit und Respekt zu begegnen“. Da hat sie unbedingt recht – guckt, grüßt und gießt!

Marion Poschmann: „Laubwerk“, Essay, Gespräch, Laudatio, 64 S., Verbrecher Verlag, Berlin 2021, 12 Euro