Berlin - Ein Kindertransport nach England am Tag seines 15. Geburtstags hatte ihm einst das Leben gerettet.  Das war eigentlich schon das zweite Mal. Walter Kaufmann wurde am 19. Januar 1924 in Berlin geboren als Jizchak Schmeidler, seine Mutter war zu jung, um sich um ihn kümmern zu können. Der jüdische Anwalt Sally Kaufmann und dessen Frau Johanna adoptierten ihn, als er zwei Jahre alt war. Er wuchs mit ihnen in Duisburg auf, bis sie nach der Pogromnacht 1938 verhaftet wurden. Seine Rettung war der Kindertransport. Die Adoptiveltern wurden im KZ Auschwitz ermordet. Als der Schriftsteller Walter Kaufmann am Donnerstag im Alter von 97 Jahren in Berlin gestorben ist, gingen gleich mehrere Lebensgeschichten zu Ende. Denn auch in London konnte er damals nicht bleiben. Als feindlicher Ausländer wurde er interniert und bald nach Australien verschifft. In der australischen Armee, als Hafenarbeiter, als Bauer, im Schlachthaus, als Hochzeits­fotograf lernte er fürs Leben – und fürs Schreiben. Seit 1957 hat er zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht.

Ein bisschen Weltluft für die DDR

Die Nachricht von seinem Tod überbrachten die Berliner Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies im Auftrag der Familie. Die beiden haben einen Kino-Dokumentarfilm über das Leben von Kaufmann gedreht, den sie derzeit fertigstellen. „Hart am Wind – Das Leben Walter Kaufmanns“ soll voraussichtlich im Herbst in die Kinos kommen.

Als Kaufmann Mitte der 50erJahre nach Europa zurückkehrte, entschied er sich für die DDR in der Hoffnung auf ein besseres Deutschland. Er behielt seinen australischen Pass, durfte als Journalist und Schriftsteller ausreisen und verarbeitete diese Erfahrungen in zahlreichen Reportagen und Büchern. So brachte er ein bisschen Weltluft in die DDR, auch stilistisch: Seine ersten Texte schrieb er noch auf Englisch, geschult an der amerikanischen Short Story. Er war mit der Schauspielerin Angela Brunner verheiratet, die Schauspielerin Deborah Kaufmann ist ihre gemeinsame Tochter.

Von 1985 bis 1993 war Kaufmann Generalsekretär des ostdeutschen PEN-Zentrums. Rund 20 Bücher, Romane, Erzählungen oder Reisereportagen sind bis zum Mauerfall von ihm erschienen. Nach der Wende stand der im Osten viel gelesene Schriftsteller dann zunächst ohne Verlag da. Bis zuletzt habe er am politischen Weltgeschehen regen Anteil genommen und sei schriftstellerisch tätig gewesen, so die Berliner Regisseure. In den letzten Jahren erschienen etwa „Im Fluss der Zeit“, „Meine Sehnsucht ist noch unterwegs“ und „Die meine Wege kreuzten. Begegnungen aus neun Jahrzehnten“. Nach Australien reiste er zum letzten Mal im Jahr 2013. Er wurde unter anderem mit dem Heinrich-Mann-Preis, dem australischen Mary Gilmore Award und dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet.