Der Beschützer des Rudels: Dichter verabschieden Thomas Wohlfahrt

Fast 31 Jahre leitete Thomas Wohlfahrt das Haus für Poesie in Berlin, zu seinem Abschied reisten Dichter durch kulturpolitische Abenteuer.

Thomas Wohlfahrt, Begründer des Poesiefestivals
Thomas Wohlfahrt, Begründer des PoesiefestivalsAndrea Vollmer

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer war 17 Jahre alt, als am Majakowskiring in Pankow die Literaturwerkstatt eröffnet wurde. So ging auch ein Lebensabschnitt von ihm zu Ende, während am Montagabend deren Gründer Thomas Wohlfahrt verabschiedet wurde. Wobei der Abschied inzwischen dem Leiter des Hauses für Poesie galt, weil dieser Treff- und Angelpunkt etlicher Literaturprojekte seither Namen und Wohnort wechselte. Dass Wohlfahrt dabei einiges bewegt hat, zeigten ein Dutzend Dichter in ihren Auftritten über zwei Stunden im Kesselhaus der Kulturbrauerei.

Brigitte Oleschinski nannte das Haus für Poesie „das, was uns gefehlt hat, bevor wir es endlich hatten“. Und dann blätterte sich ein ganzes Netzwerk (oder in Oleschinskis Worten: ein Pilzgeflecht) auf, weil das Haus nicht nur ein Haus blieb. Es lebt im Internet als Lyrikline, es bringt „Poetische Bildung“ in Schulen und begründete mehrere Festivals – für junge Literatur (Open Mike), für Filme (Zebra) und das Internationale Poesiefestival. Der Niederländer Bas Kwakman trug ein sehr lustiges Gedicht über den „Poesiefestivaldirektor“ vor, der ein Notizbuch mit 300 Poesiedefinitionen besitze, Dichter aus dem Gefängnis hole, sich mit Hoteldirektoren und Restaurantbesitzern streite, das Rudel beschütze und heimlich ein Gedicht schreibe.

Gomringer im Blumenkleid

Nora Gomringer überbrachte Grüße aus Bayern, wo sie in Bamberg das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet, und von ihrem Vater, den sie per Video dazuholte. „Wir, die als Bewunderer von Frauen, Blumen und Straßen verbunden sind“, sagte sie (im Blumenkleid) in ihrer kleinen Rede und spielte auf den Kampf von Studentinnen der Alice-Salomon-Hochschule gegen das „Avenidas“-Gedicht von Eugen Gomringer an. Thomas Wohlfahrt setzte sich damals entschieden für die Freiheit der Poesie ein.

Der Berliner Kultursenator war schon weg (andere Termine, hieß es), als der mit den vielen Reden und Gedichten und sogar Liedern Geehrte selbst die Bühne betrat und von seinen kulturpolitischen Abenteuern berichtete. Bei Katharina Schultens, die nun die Leitung übernimmt, schauten alle auf die Schuhe. Denn jemand sagte voraus, dass es schwierig würde, die Spur ihres Vorgängers aufzunehmen. Schultens, der Poesie so sehr verbunden, dass sie selbst schon mehrere Gedichtbände veröffentlicht hat, trat sehr sicher auf: Ihre Füße hatten in Sandalen Luft nach oben, standen aber auf fester Sohle.