René ist 17 Jahre alt, und er weiß schon, was das Leben für ihn bereithält. So war das damals in der DDR, so konnte es zumindest sein, und wenn André Kubiczek mit „Der perfekte Kuss“ von einem Jugendlichen in der zweite Hälfte der 80er-Jahre erzählt, wird diese Zeit lebendig. Bei diesem Autor stimmen Straßen- und Markennamen, die Formulierungen in den Zeitungen, die Gerüche, sogar das Wetter haut hin. Und die Sprache, auf die kommt es sowieso an.

Kubiczek nimmt in seinen Erzählfluss den Slang von Jugendlichen jener Zeit und das offizielle Deutsch auf. Streckenweise wirkt das wie mündlich vorgetragen, etwa wenn der Icherzähler seine Leser anspricht und ein „übrigens, und falls es euch interessiert ...“ einflicht. In diesem Coming-of-age-Roman ist der Held an dem Punkt angelangt, da Musik und Literatur ihn mehr beeinflussen, als es Elternhaus und Schule je konnten.

Das Buch hatte ihn umgehauen

„The Perfect Kiss“, die englische Variante des Buchtitels, ist ein Acht-Minuten-Song von New Order, der René viel bedeutet; auch Anne Clark hört er gern, anders als Depeche Mode oder Bob Dylan. Wie er sich lesend einen eigenen Denkraum erschließt, wird ihm bewusst, als er merkt, dass der Effekt, den er mit „Der Fremde“ von Albert Camus erlebte, sich nicht beliebig wiederholen lässt. Das Buch hatte ihn umgehauen, „am Anfang meiner Leselaufbahn“, wie der Icherzähler sagt. Er sucht Nachschub und das Gespräch über Bücher.

Der titelgebende Kuss spielt auch in Renés Wirklichkeit eine Rolle. Rebecca, mit der er ein Paar sein möchte, macht sich rar. Erst spät erfahren wir, warum das so ist. Anja aus der Buchhandlung scheint ihn auch zu mögen. Und sein bester Freund findet neuerdings einen Jungen mit Kette gut.

An der Sowjetunion reizt ihn die Perestroika

René, den man aus den viel gelobten Romanen „Skizze eines Sommers“ und „Straße der Jugend“ als Potsdamer kennt, fährt in diesem Buch nach Halle für einen Vorbereitungskurs zum Studium in Moskau. Bis ihm klar wird, dass ihn Wirtschaft gar nicht interessiert, ihn an der Sowjetunion vor allem Gorbatschows Perestroika reizt. Bis er begreift, dass er die Eltern von Rebecca in ihrer Laxheit dem Staat gegenüber sympathisch findet. Sein Vater dagegen trägt ein Parteiabzeichen am Revers und schickt, als es darum geht, Probleme zu diskutieren, lieber seine neue Frau vor.

André Kubiczek baut mit einem schon öfter ähnlich erzählten Stoff eine atmosphärische Dichte und Intensität auf, dass man gern in das Umfeld seines Helden steigt. Er knüpft ein Geflecht aus Freunden, aus Schul- und Wohnheimumfeld, in dem sich René auf unterschiedliche Weise bewegt und seine Sprache wählt. Der junge Held lernt sich selbst noch kennen, findet seinen eigenen Stil. Das vermittelt der Ton dieses Romans, und das ist die besondere Kunst dieses Autors.

André Kubiczek: Der perfekte Kuss. Roman. Rowohlt, Berlin 2022. 396 Seiten, 24 Euro.