Deutscher Buchpreis für „Blutbuch“: Kim de l’Horizon würdigt die Frauen im Iran

Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung für den Roman des Jahres geht an Kim de l’Horizon. Die Preisverleihung gerät hoch emotional.

Kim de l’Horizon rasiert sich während der Dankesrede im Frankfurter Römer die Haare ab – aus Solidarität mit den Frauen im Iran.
Kim de l’Horizon rasiert sich während der Dankesrede im Frankfurter Römer die Haare ab – aus Solidarität mit den Frauen im Iran.dpa/Arne Dedert

Kim de l’Horizon hat mit dem Roman „Blutbuch“ (erschienen bei Dumont) den Deutschen Buchpreis 2022 gewonnen. Die Jury lobt die „enorme kreative Energie“, mit der die nonbinäre Erzählfigur darin nach einer eigenen Sprache sucht. Der Roman des Jahres wird mit 25.000 Euro prämiert. Die übrigen fünf Autoren der Shortlist (Fatma Aydemir, Kristine Bilkau, Daniela Dröscher, Jan Faktor und Eckhart Nickel) erhalten jeweils 2500 Euro.

Der Festakt im gut besetzten Kaisersaal des Römer in Frankfurt am Main begann um 18 Uhr und endete kurz vor 19 Uhr mit einer bewegenden Performance von Kim de l’Horizon. Nach dem Dank an die Mutter, die Familie und Freunde, die den Weg der nichtbinären Person beim Leben und im Schreiben begleitet haben, nach dem überraschend und bewegend a cappella gesungenen Song „Nightcall“ der britischen Band London Grammar, sagte Kim de l’Horizon: „Aber dieser Preis ist nicht nur für mich. Ich denke, die Jury hat diesen Preis auch gegen den Hass und für die Liebe gegeben und für alle Menschen, die wegen ihres Körpers unterdrückt werden.“

Kim de l’Horizon: „Wie dumm unser Weltbild war“

Währenddessen nahm Kim de l’Horizon einen Elektrorasierer zur Hand und rasierte sich großflächig das lockige Haupthaar ab. Das Publikum applaudierte im Stehen. „Dieser Preis ist auch für die Frauen im Iran, zu denen wir alle schauen. Sie zeigen uns, wie dumm unser Weltbild war, als wir dachten, Weiblichkeit ist nur im Westen emanzipiert.“

Die Buchpreis-Verleihung bildet traditionell den Auftakt zur Frankfurter Buchmesse, die am Dienstagabend feierlich eröffnet wird und am Mittwoch offiziell beginnt. Der Deutsche Buchpreis für den besten deutschsprachigen Roman des jeweiligen Jahres wird von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergeben.

Der Abend zeigte mit seinem hoch emotionalen Ende, wie Literatur die Menschen zusammenbringt, weil die Ideen in den Büchern ein gemeinsames Nachdenken und Sprechen provozieren können. Zu erleben war, dass solch eine Auszeichnung nicht nur eine Würdigung der schriftstellerischen Arbeit sein kann, sondern manchmal auch als Bühnenmoment ihre Bedeutung hat.

Unvergessen ist die Rede, die Saša Stanišić 2019 hielt, als sein Roman „Herkunft“ ausgezeichnet wurde, kurz nachdem Peter Handke den Literaturnobelpreis bekommen hatte. Er nehme den Buchpreis entgegen als Vertreter einer anderen Literatur, sagte er damals, „einer Literatur, die nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet“.

Die Autorperson Kim de l’Horizon, 1992 bei Bern geboren, identifiziert sich als nichtbinär, was sie mit der Hauptfigur des Romans eint. Es geht in dem Buch um Selbstfindung, Selbstbestimmung, ja, um eine eigene Sprache, während die Großmutter des erzählenden Ich ihre Dominanz an die Demenz verliert. In der Jurybegründung wird gefragt: „Welche Narrative gibt es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht? Fixpunkt des Erzählens ist die eigene Großmutter, die ‚Großmeer‘ im Berndeutschen, in deren Ozean das Kind Kim zu ertrinken drohte und aus dem es sich jetzt schreibend freischwimmt. Die Romanform ist dabei in steter Bewegung. Jeder Sprachversuch, von der plastischen Szene bis zum essayartigen Memoir, entfaltet eine Dringlichkeit und literarische Innovationskraft, von der sich die Jury provozieren und begeistern ließ.“

In dem kurzen filmischen Porträt, das während der Preisverleihung für jedes Buch und seine Autorin, seinen Autor gezeigt wurde, sagt Kim de l’Horizon: „Die Erzählfigur kann die Dinge nicht aussprechen, aber schreibt. Das Schreiben ist wie das Leben selbst.“ Und so haben Schreiben und Leben an diesem Abend gewonnen.