Deutscher Buchpreis: Kim de l’Horizon kämpft gegen das Entweder-oder

Ausgezeichnet mit dem aufmerksamkeitsträchtigsten deutschen Literaturpreis für „Blutbuch“, verfolgt Kim de l’Horizon auch eine Mission.

Kim de l’Horizon kurz vor der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2022
Kim de l’Horizon kurz vor der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2022dpa

Die üblichen Pronomen gehören nicht in den Text, wenn es gilt, die für den Roman „Blutbuch“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Person zu charakterisieren. Kim de l’Horizon definiert sich als nicht-binär, als weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig. Bei der Preisverleihung am Montagabend in Frankfurt am Main präsentierte sich Kim de l’Horizon zunächst glamourös mit Glitzerrock, Federpuscheln und Schnurrbart über leuchtend roten Lippen, wurde emotional mit einem Song der britischen Indie-Band London Grammar – und schließlich kämpferisch.

Für die Frauen im Iran

„Dieser Preis ist auch für die Frauen im Iran“, sagte Kim de l’Horizon mit einem Elektrorasierer in der Hand, der eben noch dazu diente, weiträumig die Locken vom Kopf zu holen. „Sie zeigen uns, wie dumm unser Weltbild war, als wir dachten, Weiblichkeit ist nur im Westen emanzipiert.“ Es ist anzunehmen, dass die Jury nicht einfach nur den „Roman des Jahres“ ehren, wie der auszuzeichnende Titel im Statut des Deutschen Buchpreises heißt, sondern auch ein Zeichen setzen wollte. Aus einer Shortlist von sechs einen Sieger zu küren, ist schwer. In unserer unruhigen Gegenwart, in der aus Meinungen schnell verbissen verteidigte Standpunkte werden, deutet das stilistische Sowohl-als-auch des Textes und das Dazwischen-Sein der Autorperson auf eine Brücke hin.

„Mit einer enormen kreativen Energie sucht die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman ‚Blutbuch‘ nach einer eigenen Sprache. Welche Narrative gibt es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht?“, heißt es in der Begründung, und: „Jeder Sprachversuch, von der plastischen Szene bis zum essayartigen Memoir, entfaltet eine Dringlichkeit und literarische Innovationskraft, von der sich die Jury provozieren und begeistern ließ.“

Zwei verschiedene Angaben kursieren zum Geburtsjahr und -ort von Kim de l’Horizon. 1992 in Bern und 2666 auf Gethen. Kim de l’Horizon tritt als Theatermacherin und Schriftsteller gegen das Entweder-oder, gegen die festen Zuordnungen an. Die erzählende Figur in diesem Debütroman, Kim, beginnt damit innerhalb der Familie und beim Sex. Nun werden noch mehr Leserinnen und Leser, ja Leser:innen davon erfahren, denn der Buchpreis ist auch eine Kaufempfehlung. „Das Schreiben ist wie das Leben selbst“, sagt Kim de l’Horizon in einem kleinen Filmporträt über sich. Das Preisgeld von 25.000 Euro wird Leben und Schreiben unterstützen.