Was Friederike Mayröcker hier formuliert, könnte für ihr ganzes langes Leben stehen: „Das Schreiben weist mir diese und jene Spur, der ich zu folgen habe, kreuz und quer, vorauseilend, zurückkehrend, so verspinne ich mich in meines Geistes Netze, lasse die Fäden schießen.“ Am 20. Dezember 1924 geboren, schrieb sie auf Notizzetteln, Papierservietten, Papptellern, vor allem aber füllte sie Manuskriptseiten. 1956 erschien ihr erstes Buch, es folgten über hundert Veröffentlichungen. Am Freitag ist sie im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben. Das teilte er Suhrkamp-Verlag am Vormittag mit.

Für ihre Gedichte, Prosa, Hörspiele, Kinder- und Bühnentexte liegt der Wienerin die Literaturkritik zu Füßen, während Germanisten Mayröcker-Exegese betreiben und Jurys sie mit allen wichtigen Auszeichnungen bis zum Büchner-Preis ehrten. Friederike Mayröcker, niemand würde es bestreiten, war eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen unserer Zeit, und das, weil sie Texte verfasste, die sich den schlichteren Lesefreuden vollständig entziehen.

Wie sie selbst immer wieder betonte, war sie an der „Verwandlung von Wirklichkeit in Poesie“, nicht am Erzählen im landläufigen Sinne interessiert. Bei Gedichten oder experimentellen Kurztexten, die sie unter schönen Titeln wie „Tod durch Musen“, „Minimonsters Traumlexikon“ oder „Fantom Fan“ veröffentlichte, ist dies nicht weiter ungewöhnlich. Doch nach einer Phase im weiteren Umfeld der Wiener Gruppe und der Konkreten Poesie wandte sich Mayröcker Anfang der 70er-Jahre verstärkt der Prosa zu. Was sie nun schrieb, war länger, doch es blieb dicht, zitatreich, aus- und abschweifend und eigenwillig: Der Text in „mein Herz mein Zimmer mein Name“ etwa fließt ohne Absätze, in einem einzigen Satz über 300 Seiten dahin.

„Papierwucherungen bis hinaus in die Küche“

Für Mayröcker war Sprache kein Stoff für überschaubare Geschichten, sondern ein Material, aus dem man Kunst herstellen kann. Sie beschrieb dies als harte Arbeit und magischen Vorgang und beschwor die Anstrengungen des Schreibens: „Ich habe mir die blutenden Finger mit weißen dünnen Schreibpapieren umwickelt“, heißt es in „Lection“. Manchmal klingt das auch lustiger und Mayröcker-typisch verrätselt: „Auswärtshimmel, getigerte Gaunerei, Wortrakete 5 Uhr früh nach Augenaufschlagen“.

Dem Abschießen von Wortraketen, dem kunstvollen Spinnen von Klangfolgen, Sprachrhythmen und Assoziationsketten widmete sich Mayröcker mit Energie, Ausdauer und Leidenschaft. Auch mit wachsendem Erfolg lebte sie zurückgezogen, vollständig auf die Arbeit konzentriert. Legendär ist ihre mit Zetteln, Notizen und Büchern vollgestopfte Schreibkammer: „Papierwucherungen bis hinaus in die Küche, den Vorraum, den Flur“. Ihre Selbstauskünfte zeugen von einem Schreibzwang, der ans Manische grenzte, von Momenten der Inspiration und der Hingabe an die Welt der Worte. Zu dieser Dicht-Sucht und Dicht-Lust passt, dass sie sich in ihren Kollegen, ihren „HAND- und HERZGEFÄHRTEN“ Ernst Jandl verliebte. Die beiden waren über 40 Jahre ein Paar.

Mayröckers „Requiem für Ernst Jandl“

Bei aller Sprachkunst schrieb Mayröcker nicht abstrakt. Sie koppelte ihre Texte an ihren Alltag, ihre Zweifel und Freuden, oft nahm sie Bezug auf andere Schriftsteller, Maler, Musiker oder auf ihre direkte Umgebung. Und sie war bis ins hohe Alter produktiv, wer je ihre Sätze über die Leidenschaft jenseits des 70. Lebensjahrs in „brütt oder Die seufzenden Gärten“ gelesen hat, wer ihr „Requiem für Ernst Jandl“ und die an ihn gerichteten späten Gedichte kennt, weiß, wie vital und lebensnah sie auch nach Jahrzehnten poetischer Anstrengung dichtete.

Wäre sie nicht schon als junge Frau großartig gewesen, könnte man meinen, sie sei immer besser geworden. Ihre späten Texte erscheinen noch intensiver, noch provokativer, als es ihre Lyrik und Prosa mit Ausnahme der ganz frühen, eher zarten Gedichte ohnehin immer waren. Das liegt vermutlich an ihren Themen, sie kreisen ums Sterben – erst der Mutter, dann des geliebten Jandl, um Tod und Trauer. Zudem wurde Mayröcker immer unerschrockener in der Schilderung ihrer Gefühle, und vielleicht musste sie das auch sein, um es mit der verstörenden Wucht des Verlusts, einer von Schmerz zerstückelten Wahrnehmung aufzunehmen: „Berge von Zetteln, wellenförmige Hügel Papier auf meinem Schreibtisch, Verknüpfung, Verschmelzung von Verrücktheit und Selbstentblößung noch nie vorher es so weit so schamlos getrieben“, heißt es in „Und ich schüttelte einen Liebling“, ihrem Erinnerungsbuch an Ernst Jandl.

Große Literatur über den verschwiegenen späten Lebensabschnitt

Mit 82 Jahren zeigte sie einer von Anti-Aging-Phantasien getriebenen Gesellschaft, wie viel Inspiration aus der „geriatrischen Sicht der Dinge“, so Mayröcker, zu ziehen ist. In ihrem Briefbuch „Paloma“ schrieb sie von Kreislaufproblemen, drohender Demenz, Schwermut und Arztbesuchen, eben von den unangenehmen Seiten des gebrechlichen, von Verlusten gezeichneten Alltags. Doch ihre Aufmerksamkeit für die Schönheit oder Absurdität so manchen Moments, ihr Assoziationsreichtum, ihr Rhythmusgefühl und ihr Eigensinn litten nicht, und so beschenkte sie ihre Leser mit großer Literatur über einen allzu oft totgeschwiegenen Lebensabschnitt.

Publikum, Kritik und Jurys bedankten sich mit anhaltender Begeisterung. 2016 gewann sie mit „fleurs“ (nach „études“, 2013, und „cahier“, 2014, Abschluss einer Trilogie) den erstmals vergebenen Österreichischen Buchpreis. Ihr Prosaband „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ stand gerade noch auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021. Da war Mayröcker bereits Mitte 90, und auch wenn die titelgebende Zeile damit kokettiert, allmählich Moos anzusetzen, klingen die im Buch versammelten Aufzeichnungen aus den Jahren 2017 bis 2019 radikal, hintersinnig und präzise wie eh und je.

Sie werfen Schlaglichter auf ein ebenso hinfälliges wie eigensinniges Ich und heben in Träume, Erinnerungen, Phantasien, Wortspiele, Zitate, intertextuelle Bezüge und ungebremste poetische Energie ab. Die Auflösung des Selbst im Text, die Mayröcker schon immer zelebrierte, bekommt gegen Ende ihres langen Lebens eine neue Dimension – zumindest für Lesende, die diese poetische Strategie auf ihr Sterben beziehen. Die unermüdlich Schreibende warnt mit dem ihr eigenen Witz und Nachdruck vor schlichten Interpretationen: „verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften“.

Mayröcker hätte wohl gerne noch weiter gemacht, in einem Interview mit Dieter Sperl sagte sie einmal: „Ich finde, daß es ein Fehlgriff der Natur ist, daß gerade der Mensch, die sogenannte Krone der Schöpfung, ein an Jahren so beschränktes Leben hat, während Bäume und auch Tiere viel, viel älter werden.“