Nicht Puschkin, sondern Putin sei der Feind, warnte das deutsche PEN-Zentrum, als es Versuche gab, die russische Literatur wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine zu diskreditieren. Am Sonnabend feiert Thomas Reschke seinen 90. Geburtstag. Er machte als Verlagslektor und Übersetzer jahrzehntelang Leserinnen und Lesern in der DDR und im vereinten Lande russische Literatur zugänglich.

Wir trafen uns zu einem Gespräch, in dem es auch um die russische Seele ging.

Herr Reschke, man kann sich seinen Geburtstag nicht aussuchen. Ihr 90. fällt zusammen mit dem 46. Geburtstag des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Wie denken Sie darüber?

Ich wusste nicht davon, bis Sie es mir sagten. Nawalny ist ein Mann, über den man sehr lange streiten kann. Aber das wollen wir jetzt nicht, oder?

Nun, mich macht es wütend, auf welche Weise ihm in Russland der Prozess gemacht wurde.

Es ist ein Unding, das stimmt. Er wurde ja wirklich vergiftet. Während er um sein Leben kämpfte, konnte er seinen Auflagen nicht nachkommen, aber prompt wurde er deshalb verhaftet. Das ist alles ein Schwindel, was von da kommt. Von der Gegenwart wollen wir gar nicht reden.

Das werden wir noch. Ihr Lebenswerk besteht in der Vermittlung und Übersetzung russischer Literatur. Deren Ansehen war einigen Wandlungen unterworfen. Als Sie anfingen, sprach man von der Tauwetterperiode ...

Nein, noch nicht. Zunächst galt noch das Dogma des sozialistischen Realismus. Aber nach Stalins Tod und dem XX. Parteitag 1956 war mehr möglich.

War dann die Kulturpolitik in der Sowjetunion offener als die in der DDR?

In dieser Zeit ja. Mit dem Tauwetter konnten die frühen Erzählungen von Michail Scholochow erscheinen und die Erzählungen von Isaak Babel. Bald brachte die vierte Generation der sowjetischen Autoren, also Jewtuschenko, Axjonow, die den Krieg nur als Kinder erlebt hatten, Töne in die Literatur, die vorher verpönt waren. Also auch seelische Probleme, persönliche Schicksale. Es gab die geförderten Autoren in der Sowjetunion mit ihren Heldenerzählungen, es gab die Geduldeten wie Trifonow und Jewtuschenko und schließlich jene, die gar nicht erscheinen durften und sich nur zum Teil ins Exil retten konnten wie Solschenizyn.

Haben Sie Anfang der Siebzigerjahre das berühmteste dissidentische Werk, Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“, lesen können?

Ja, aber nicht im Verlag. Ich habe es von meiner Schwester bekommen, die im Westen lebte. Sie hat das Buch aufgeschnitten und sich in Bündeln um den Bauch geschnallt. Als ich sie am Grenzübergang Bornholmer Brücke abholte, mussten wir schnell einen Ort finden, wo sie sich davon befreien konnte. Das Papier rutschte! Seit ich das gelesen habe, weiß ich, ein modernes Weltbild kann man ohne die Kenntnis von Solschenizyn und Schalamow nicht mehr haben.

Sie meinen Warlam Schalamow, der auch über die Lager schrieb.

Ja. Die Russen selbst arbeiten ihre Vergangenheit nicht auf. Die glauben etwas in der Art, was Gerhard Schröder über Putin gesagt hat. Er sei ein lupenreiner Demokrat. Der ist bestimmt kein Demokrat.

Haben Sie aus der Literatur etwas über die russische Seele gelernt?

Ich denke, die ist ein Mythos. Es gibt natürlich nationale Unterschiede. Die riesige Größe des Landes mag eine Rolle spielen. Und die Tatsache, dass das Volk lange, lange versklavt war. Die Leibeigenschaft ist 1861 abgeschafft worden, aber Stalin hat sie de facto wieder eingeführt.

Inwiefern?

Viele Menschen bekamen keinen Pass. Die Bevölkerung Russlands, die größtenteils ländlich war, war an ihren jeweiligen Ort gefesselt. Hinzu kommt die unendliche Leidensfähigkeit im russischen Volk, die finde ich bestürzend. Was die durchgemacht haben! Die Revolutionen, die Kriege, den Stalinismus, den Archipel Gulag, der Millionen Menschen vernichtet oder durch zwanzig-, fünfundzwanzigjährige Haft um ihr Leben gebracht hat.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Thomas Reschke, am 4. Juni 1932 in Danzig geboren, lebt in Berlin. Er war von 1955 bis 1990 Redakteur und Lektor in den DDR-Verlagen Kultur und Fortschritt sowie Volk und Welt. 1956 begann er mit dem Übersetzen literarischer Werke aus dem Russischen, was er nach 1990 freiberuflich fortsetzte. Er übertrug u.a. das Gesamtwerk Michail Bulgakows, übersetzte Jewgeni Jewtuschenko, Bulat Okudschawa, Boris Pasternak und Wladimir Tendrjakow. 1987 erhielt er den Maxim-Gorki-Preis des Sowjetischen Schriftstellerverbandes. 1992 wurde seine Übersetzung von „Wir Kuckuckskinder“ von Anatoli I. Pristawkin mit dem Deutschen Jugendliteraturpreises geehrt, 2000 bekam er das Bundesverdienstkreuz.

Viele Beobachter sind entsetzt darüber, mit welcher Brutalität die einzelnen russischen Soldaten im Ukraine-Krieg vorgehen. Wie Krankenhäuser angegriffen werden, das Mobiliar in Schulen zerstört wird. Können Sie sich das erklären?

Sie haben sogar Friedhöfe vermint. Dann waren die Ukrainer gezwungen, ihre Toten im Wald zu vergraben. Das hat es selbst im deutschen Krieg nicht gegeben. Ich nehme an, es liegt daran, dass sie von klein auf an Gewalt und Unrecht gewohnt sind. Das Land ist korrupt, auf allen Ebenen, nicht nur in der Politik. Aber mit der Seele hat das nichts zu tun.

Haben Sie mit einem solchen Krieg gerechnet?

Ich hätte es noch am Tag vorher nicht für möglich gehalten. Putin und sein Lakai Lawrow sprechen davon, welche Forderungen die Ukraine zuvor nicht erfüllt habe. Dabei ist das ein selbstständiger Staat, der sich 1918 aufgrund einer Bevölkerungsbefragung und nach dem Ende der Sowjetunion neu gegründet hat.

Durch zwei offene Briefe an Bundeskanzler Scholz konnte man in den vergangenen Wochen den Eindruck gewinnen, dass die deutsche Öffentlichkeit gespalten ist: Soll die Ukraine stärker unterstützt werden oder nicht? Wie sehen Sie das?

Das Schlimme ist: Beides ist richtig. Putin kann den Planeten, der ohnehin gefährdet ist, zerstören. Und ich meine nicht nur die Atomwaffen. Denken Sie an die Dürren in Afrika und Nordamerika. Die Ukraine ist ein Weizenlieferant für so viele Länder. Die Felder werden jetzt zerstört, die Ausfuhr des Korns behindert. Warum? Das ist weit weg von jeder Ratio. Wenn es nicht so albern klänge, würde ich sagen: Kindergartenniveau. Du hast mir dein Spielzeug nicht geliehen, deshalb mache ich es jetzt kaputt. Dieser Krieg muss beendet werden, unbedingt. Doch wie? Ich bin eigentlich Optimist, aber es ist schwer, es zu bleiben. Und ich muss an meine eigenen Kriegserfahrungen denken.

Da waren Sie noch ein Kind. Können Sie etwas darüber sagen?

Natürlich. Ich stamme aus Danzig-Langfuhr. Ich habe als Zwölfjähriger erlebt, wie die Russen Ende März 1945 Danzig erobert haben.

Befreit?

Das Wort erobert habe ich bewusst gewählt. Sie haben die Stadt mit Artillerie und Flugzeugen beschossen, die Deutsche Wehrmacht vertrieben. Die Stadt war beschädigt, nicht vernichtet. Aber 14 Tage später haben sie Danzig regelrecht niedergebrannt. Es begann eine schwere Zeit. Was die Russen in Berlin und anderswo für die Versorgung der Bevölkerung getan haben, galt nicht für Danzig. Dort herrschte Hunger. Wahrscheinlich, weil es polnisch werden sollte.

Das konnten Sie in der DDR nicht erzählen, oder?

Nein, das passte nicht ins Bild. Anfang September 45 bin ich mit Mutter und kleiner Schwester wegvertrieben worden. Heimat, Freunde und Landschaft zu verlieren, hat mich lange beschäftigt.

Warum haben Sie sich dann der russischen Sprache verschrieben?

Ich hatte bittere Erlebnisse, habe aber keinen Hass empfunden. Als ich nach einem halben Jahr Pause wieder zur Schule ging, in Ludwigslust, wo wir dann wohnten, war ich in allen Fächern schlecht. Mir fehlte zu viel. Nur in dem einen Fach, das neu war, kam ich gut voran: Russisch. Und deshalb habe ich später Slawistik studiert und landete als Redakteur im Verlag Kultur und Fortschritt.

Bleibt die Frage, wie Sie zum Übersetzen kamen.

Damit habe ich schon ein bisschen während des Studiums angefangen, der erste Auftrag im Verlag war eine Erzählung von Konstantin Paustowski: „Die goldene Rose“. Dann ging es langsam weiter. Der Höhepunkt war 1966 Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Und in den Neunzigerjahren konnte ich für die Bulgakow-Gesamtausgabe noch das übersetzen, was vorher nicht erscheinen durfte, die „Teufeliaden“ zum Beispiel und „Hundeherz“, eine ganz tolle Geschichte.

Ich muss nochmal zum Krieg zurückkommen. Bei den Umfragen, ob Deutschland mehr Härte gegenüber Russland zeigen sollte, sind die Ostdeutsche zurückhaltender. Warum?

Weil wir die Russen kennen. Diese Zurückhaltung ist nicht Freundschaft. Das ist Furcht.

Also sind die sogenannten Putin-Versteher in Wirklichkeit nur welche, die größere Angst vor ihm haben?

Ich glaube nicht, dass es in Deutschland irgendeinen Menschen gibt, der Putin versteht.

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