Unter den vielen Literaturpreisen in Deutschland ist der, den das Haus der Kulturen der Welt und die Stiftung Elementarteilchen in Berlin verleihen, insofern besonders, als er konsequent den Blick der Leserinnen und Leser weiten möchte. Die Auszeichnung, die in diesem Jahr zum 14. Mal vergeben wird, gilt Büchern, die in anderen Sprachen geschrieben und für das hiesige Publikum übersetzt wurden. Vom Tellerrand zu sprechen, über den man schauen sollte, wäre hier also viel zu klein, es geht ums Lesen über Grenzen. Die Autorin oder der Autor des Buches wird mit 20.000 Euro geehrt, die Übersetzerin oder der Übersetzer bekommt 15.000 Euro. Der Preis gilt also dem Gemeinschaftswerk.

Um die Aufmerksamkeit zu befeuern, gibt es hier, wie bei mehreren anderen Auszeichnungen auch, eine sogenannte Shortlist. Die Jury verkündet ihre Sechser-Vorauswahl als Anstiftung zum Einlesen: Dafür gibt es eine öffentliche Veranstaltung (die war am Dienstagabend in der Buchhandlung Ocelot) und einen sogenannten Reader. Das ist ein Sonderdruck mit Auszügen aus den Büchern, den viele Buchhandlungen in Berlin auslegen.

Und das sind die nominierten Bücher: „Liebe im neuen Jahrtausend“ von Can Xue, aus dem Chinesischen von Karin Betz (erschienen bei Matthes & Seitz); das Doppelbuch „Meine Eltern/Alles nicht dein Eigen“ von Aleksandar Hemon, aus dem amerikanischen Englischen von Henning Ahrens (Claassen); „Der Fluch des Hechts“ von Juhani Karila, aus dem Finnischen von Maximilian Murmann (homunculus); „Leichte Sprache“ von Cristina Morales, aus dem Spanischen von Friederike von Criegern (Matthes & Seitz); „Eine Nebensache“ von Adania Shibli, aus dem Arabischen von Günther Orth (Berenberg) und „Omertà. Buch des Schweigens“ von Andrea Tompa, aus dem Ungarischen von Terézia Mora (Suhrkamp).

Die Konflikte unserer Zeit

Sechs Titel auf einen Nenner zu bringen, ist schwierig bis unmöglich. Die Jury versucht es in diesem Jahr mit der Erklärung, dass die Werke zeigten, was Literatur vermag, wenn sie das Bewusstsein der Leserinnen und Leser direkt angeht. „Sie bestechen durch ihre Genauigkeit im Hinschauen, im Beschreiben, im Erzählen.“ Das würden die „kraftvollen Übersetzungen“ sogar noch potenzieren. Allgemein gesprochen, seien es „Werke, die nicht davor zurückschrecken, sich der Konflikte unserer Zeit anzunehmen und uns die Macht der Natur im Kampf gegen den destruktiven Menschen vor Augen zu führen.“

Auf welches Duo sich die Jury schließlich für den Preis einigt, wird am 22. Juni auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt bekannt geben, feierlich und mit Musik. Endlich wieder: Im vergangenen Jahr fand sich pandemiebedingt nur ein kleiner Kreis im HKW zusammen; 2020 verzichtete die Jury darauf, ein einzelnes Werk auszuzeichnen und teilte Geld und Aufmerksamkeit unter allen Shortlist-Kandidaten auf.