Auch Plattenbauten haben ihre geheimnisvollen Winkel, ihre Mäusedreck- und Schimmelecken, in denen sich Schätze verbergen können. Zum Beispiel in Wohnkomplex I (WK I), Liselotte-Herrmann-Straße 20, in der sozialistischen Musterstadt Hoyerswerda. Hinter einer halbhohen Tür im Treppenabsatz, in einem Kellerverschlag, in dem Schneeschieber und solcherlei Gerätschaften aufbewahrt wurden, gibt es einen unbeleuchteten Seitenarm.

Dort haben Mitarbeiter einer Sanierungsfirma ein Konvolut von Briefen und Telegrammen, Zeitungen, Handschriften und Typoskripten gefunden und nicht entsorgt, sondern erst einmal bei der Zeitung angerufen. Brav. Es handelt sich um Hinterlassenschaften, die die seit 1960 in Hoyerswerda gelebt habende Schriftstellerin Brigitte Reimann dort verstaute, bevor sie im November 1968 nach Neubrandenburg zog, an Krebs erkrankte und 1973 mit nur 39 Jahren starb.

Die Arbeiter übergaben den Fund dem Hoyerswerdaer Tageblatt, dessen Redaktion es nach einem ersten Blick an das Stadtmuseum weiterreichte, wo das Nötige getan wird, um den Fund zu konservieren. Eine Artikelserie springt dabei sicher heraus.

Über fünf Jahrzehnte lagerten die Papiersachen dort unten und haben bis auf ein paar Mäusefraßspuren schadlos Altstoffsammelaktionen und Subbotniks überlebt. Der Gedanke, dass die Autorin dort unten eher Entbehrliches abgelegt hat, liegt nahe und scheint sich auch zu bestätigen: Briefe von der FDJ-Bezirksleitung, vom Fernsehfunk oder von der Bezirksbibliothek Dresden, allesamt mit eher unangenehmem Inhalt: Stress erzeugende Terminangelegenheiten, die man zur Seite legt und zu vergessen versucht, in der Hoffnung, dass sie sich von selbst erledigen.

Der verbitterte Uli geht nicht in den Westen

Dazu kommt aber auch ein ansehnlicher Stapel von 173 Typoskriptseiten mit handschriftlichen Anmerkungen zu den Erzählungen „Ankunft im Alltag“ und „Die Geschwister“. In letzterer geht es um den verbitterten Uli, der fast in den Westen abhaut, aber von seiner Schwester zum Bleiben überredet wird. Schon der Name des Bruders hat Identifikationspotenzial für den Berichterstatter. Die mit dem Heinrich-Mann-Preis geehrte Erzählung ist von 1963 und von einer kritischen Offenheit, die man in der DDR nur ein paar Jahre später für unmöglich gehalten hätte.

Ihr berühmtestes, unvollendet gebliebenes Werk, den Roman „Franziska Linkerhand“, schrieb sie nicht mehr in Hoyerswerda. Aber bitte, guckt noch einmal genau, vielleicht findet sich ja doch irgendwo der Entwurf zu einem Happy End der an den Realitäten des Alltags und den Unzulänglichkeiten des menschlichen Charakters gescheiterten Utopie?