Berlin - Warum soll nicht auch in Berlin mal ein Wunder geschehen? Und was heißt da überhaupt nur ein Wunder, warum nicht gleich mehrere auf einmal?! Beginnen wir mit Sartep Namiq: Vor fünf Jahren kam der Kurde aus dem Nordirak in der Notunterkunft am alten Flughafen Tempelhof in Berlin an. Er hatte eine lange und gefährliche Flucht überlebt und war voller Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland. Ein Jahr lang verbrachte er mit anderen geflüchteten Menschen in dem beengten Tempelhofer Hangar, ohne zu wissen, wie es für ihn weitergehen sollte. Offenbar wollte er sich mit seiner trostlosen Lage nicht abfinden und überlegte, wie er das Notlager in einen paradiesischen Ort verwandeln könnte.

Für den mittlerweile 27-jährigen Namiq war die Richtung klar: „Warum nicht von einem Ort träumen, an dem alle Menschen die gleichen Chancen haben, ob sie nun reich sind oder arm?“ Und so geschah nach seiner Rettung das zweite Wunder: Die Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, ein Netzwerk von kunstbegeisterten Menschen, wurde auf den Geflüchteten aufmerksam und wollte ihm dabei helfen, sein Projekt umzusetzen. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen und dem Auswärtigen Amt entstand das Projekt eines Science-Fiction-Comics über eine bessere Zukunft von Tempelhof; die Story sollte der amerikanische Cyber-Punk-Autor Bruce Sterling beisteuern.

Egmont Comic Collection
Der Comic

Felix Mertikat, Matthias Zuber: „The Temple of Refuge“. Nach einer Idee von Sartep Namiq und Bruce Sterling.
Egmont Comic Collection, Berlin 2021.
80 Seiten, 10 Euro.
 
Der Comic ist in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, dem Institut für Auslandsbeziehungen und dem Auswärtigen Amt sowie dem Egmont-Verlag entstanden. 

Eine kostenlose Version findet sich online unter:
www.temple-of-refuge.net/de/

Namiqs Mentor bei der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber ist Alexander Koch, der Direktor der deutschen Sektion. Grundsätzlich, so erklärt er, habe seine Initiative damit zu tun, dass „es in demokratischen Gesellschaften immer noch so ist, dass nur ein Prozent der Bevölkerung die Möglichkeit hat, Auftraggeber von neuen Kulturgütern zu sein“. Dieses Privileg sei nur durch andere, eben neue Auftraggeber zu brechen. Aus dieser Idee entstand schließlich die Bewegung, die Koch eine „Demokratisierungsinitiative“ nennt, vor einigen Jahren in Frankreich. Das Netzwerk bringt Auftraggeber und Künstler zusammen, um Antworten auf drängende gesellschaftliche Fragen zu entwickeln.

Und damit geschah das dritte Wunder: Neben dem schon erwähnten Bruce Sterling konnten der Zeichner Felix Mertikat und der Autor Matthias Zuber für das Projekt gewonnen werden. Der Comic „Temple of Refuge“ ist eine Bildergeschichte ohne Worte, also ohne Sprechblasen oder Kommentare. Genau so hatte es Namiq in Auftrag gegeben: „Ich wünsche mir eine optimistische Geschichte über Flucht und Neuanfang. Ich will ein Comic ohne Worte und nur aus Bildern, das jeder lesen kann und allen Menschen Mut macht.“ Mit viel künstlerischem Beistand wurde daraus eine wunderbar aquarellierte, in lichten Farben gehaltene Vision über einen Wunschort mit den Geflüchteten als universalen Protagonisten.

Die Mauern der Festung Europa stehen auch in Berlin

Und so verwandelt sich der Flughafen Tempelhof zum Zentrum der Welt. Zu einem Ort der Zuflucht für alle, die keinen anderen Ort mehr haben – eben zu dem titelgebenden Temple of Refuge. Der Comic beginnt indes mit der Flucht Namiqs infolge von Dürre und Hunger, zeigt das überfüllte Schlauchboot an einem Mittelmeerstrand in Afrika, die herumirrenden Geflüchteten in Rom, ihre tödliche Wanderung durch das winterliche Südosteuropa … Aber das sind alles vorübergehende Etappen, irgendwann stehen die Menschen vor den meterhohen Betonwänden einer Festung. Ob das die Festung Europa ist? Hinter den Mauern ist allerdings der Berliner Fernsehturm gut zu erkennen …

Bild: Egmont Comic Collection
Mit den Zauberchips in seinen Händen kann Namiq neue Wirklichkeiten erschaffen: Erst in die Luft gezeichnet, werden sie dann wirklich.

Eine Hightech-Metropole, nach dem Vorbild von „Bladerunner“ fliegen in den Schluchten der Wolkenkratzer die Autos und Drohnen herum. Jedoch ist es hier nicht wie im Film dauerverregnet und trist, sondern sonnenhell und schön. Ein verheißener Ort, den Mertikat als blitzblank-saubere Öko-Metropole entwirft, in der allerdings eine allgegenwärtige, schwer bewaffnete Polizei die Einwohner vor Eindringlingen schützt. Die Geflüchteten bleiben vor der Stadt – auf dem Tempelhofer Feld. Dessen bekanntlich monumentale Maße erscheinen gegen die Trutzburg der Reichen verschwindend klein, die Hangars bieten ein Dach, aber keinen Schutz – hier herrscht das Gesetz des Stärkeren.

Der Verkaufserlös geht an die Hilfsorganisation Sea-Watch

Aber Namiq erweckt den Slum zu einem neuen, besseren Leben. In den Tempelhofer Katakomben findet er eine geheimnisvolle Werkstatt, hier setzt ihm eine Frau einen gar mächtigen Chip ein. Das Implantat verleiht Namiq Zauberkräfte, er wird zu einer Art Cyborg-Superheld. Denn mit dem Hightech in seinem Körper lassen sich nicht nur all seine Wünsche visualisieren, sondern auch materialisieren. Das spricht sich schnell herum, und alsbald verwirklichen er und die Tempelhofer Bewohner ihre kühnsten Träume: Die Mauern der Trutzburg werden erst bunt und dann rissig, neue und alte Berliner finden schließlich zueinander, eine neue, offene Stadt wächst zusammen.

Das ist fraglos eine wunderbar naive Utopie. Ein hübsch gezeichnetes Friede, Freude, Eierkuchen. Und gerade deshalb eine so wichtige Intervention – in einer Zeit, in der es offenbar schon Mut braucht, auf Selbstverständliches, etwa die Menschenrechte von Geflüchteten, zu bestehen. Und hier schließt sich dann wieder der Kreis zu der Initiative der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber und Sartep Namiq: „Dieses Projekt war die erste Tür für mich, die sich nach meiner Flucht wieder öffnete – etwas, das ich wirklich tun konnte. Danach öffneten sich dann weitere Türen für mich in Berlin. Ich hoffe, dass diese Geschichte die Menschen optimistisch stimmt.“

Foto: Victoria Tomaschko
Der Auftraggeber des Comics, Sartep Namiq: „Ich wünsche mir eine optimistische Geschichte über Flucht und Neuanfang.“

Vier Jahre hat es gedauert, bis der Comic fertig war. Zu Beginn kamen noch acht kurdische Geflüchtete zu den Treffen mit der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, nach einem Jahre kam nur noch Namiq. Die anderen hatten die Kraft verloren. „Ich wollte mir meine Zuversicht bewahren, um nicht in den Sumpf der Entmutigung zu geraten“, sagt er. Mittlerweile arbeitet er in einem Restaurant und hat hier gute Freunde gefunden. Er lernt Deutsch, möchte in Berlin bleiben und sucht derzeit eine Wohnung. Sein nächstes Ziel ist, „den Comic nach Kurdistan zu bringen“, um seinen Landsleuten im Irak zu zeigen, „dass es möglich ist, mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen Dinge gemeinsam zu realisieren“.

Unterdessen hat sich eine weitere Tür bereits geöffnet, ein weiteres Wunder in einer an Wundern reichen Geschichte. Der Verlag Egmont Comic Collection in Berlin veröffentlicht im Rahmen des Non-Profit Projekts die Hardcover-Version des Comics und will den gesamten Erlös aus dem Verkauf des Buches der Hilfsorganisation Sea-Watch zugute kommen lassen. Die NGO rettet im Mittelmeer geflüchtete Menschen in Seenot.