In Russland zum Staatsfeind erklärt: Interview mit Dmitry Glukhovsky

Der Autor der „Metro 2033“-Romane, der in Russland per Haftbefehl gesucht wird, im Gespräch über Putin und die Verantwortung des Westens.

Dmitry Glukhovsky, fotografiert bei unserem Treffen in Berlin
Dmitry Glukhovsky, fotografiert bei unserem Treffen in BerlinBerliner Zeitung/Markus Wächter

Putin entschied sich zur Teilmobilmachung, um vor seinen eigenen Eliten aus Geheimdienst und Polizei zu bestehen, sagt der Schriftsteller Dmitry Glukhovsky. Er hat Gründe genug, über den Kremlchef nachzudenken, wird er doch in Russland per Haftbefehl gesucht. Im Oktober erscheint sein neues Buch „Geschichten aus der Heimat“; berühmt wurde er durch die dystopischen „Metro 2033“-Romane. Wir trafen ihn zum Gespräch in Berlin.

Dmitry Glukhovsky, Sie sind zur Fahndung ausgeschrieben in Russland, wie geht es Ihnen?

Danke, es geht. Meine Lebenslogistik ist komplizierter geworden. Solange ich nicht nach Russland, Belarus, Usbekistan, Tadschikistan oder vielleicht in die Türkei reise, bin ich frei. Im Vergleich zu Salman Rushdie oder Roberto Saviano geht es mir gar nicht so schlecht.

Im Ausland sind Sie sicher?

In Europa, würde ich sagen. Aber es ist auch schade, dass ich nicht zurück nach Russland kann. Ein Teil meiner Familie lebt dort, viele Freunde auch. Meine Wohnung wurde gesperrt. Obwohl ich viel gereist bin, war Russland stets sehr wichtig für mich, als Inspiration, als Heimat. Jetzt muss ich mein Heimatgefühl gegen etwas anderes tauschen.

Da klingt es geradezu ironisch, dass Ihr neues Buch, das am 19. Oktober auf Deutsch erscheint, „Geschichten aus der Heimat“ heißt.

Leider ja.

Diese Teilmobilmachung ist eine neue Stufe im Krieg, weil nach den bisherigen Erklärungen die Ukraine befreit oder den unterdrückten Russen dort geholfen werden sollte. Jetzt ist eindeutig erklärt worden, es geht gegen den Westen. Sollten wir Angst haben?

Angst sollten Sie nicht haben, aber vorbereiten müssen Sie sich. Ich glaube, dass es immer noch mehr Erpressung ist als eine Kriegserklärung.

Das ist kein Bluff, sagt Putin.

Ist es wirklich kein Bluff? Keiner weiß das, Putin auch nicht. Er ist aber überzeugt, dass der Westen weich ist, und setzt seine Entschlossenheit dagegen. Immerhin haben die USA und der Westen sich bis zum Kriegsbeginn nur wenig enthusiastisch bei der Unterstützung der Ukraine gezeigt. Sie verzichteten auf Protest nach der Annexion der Krim, bei der Donbass-Invasion, dem Abschuss der niederländischen Boeing 777. Der Westen wollte keinen Konflikt mit Russland und vergab Putin alles. Jetzt aber ist die Situation anders.

Inwiefern ist sie anders?

Es ist klar, dass es ein Angriffskrieg ist, ein imperialistischer Krieg, durch nichts gerechtfertigt. Und Europa hat diese Lektion doch mit Hitler gelernt: Man darf Diktatoren nicht nachgeben. Ich habe viel darüber nachgedacht. Der Konflikt liegt diesmal nicht zwischen Lüge und Wahrheit wie sonst, sondern zwischen Wahrheit und Stärke. Die Wahrheit ist eindeutig: Russland hat die Ukraine nur aufgrund Putins persönlicher Ambitionen angegriffen. Er will sich einen Platz in der Geschichte sichern wie ein großer Führer.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person
Dmitry Glukhovsky, geboren 1979 in Moskau, hat in Jerusalem Internationale Beziehungen studiert und arbeitete als TV- und Radio-Journalist unter anderem für den Fernsehsender EuroNews und die Deutsche Welle. Mit seinem Debütroman „Metro 2033“ landete er auf Anhieb einen Bestseller. Zuletzt erschienen die Romane „Outpost“ und „Text“. Der Autor musste Russland im März 2022 verlassen.

Was bedeutet das also für den Westen?

Putin zu sagen, dass er lügt, bringt im Moment nichts. Seine Lügen wechseln die ganze Zeit. Er behauptet, die Ukrainer hätten biologische Waffen eingesetzt, sie hätten Corona in Russland über Vögel verbreitet. So ein Quatsch. Dann sagt er, die Ukrainer wollten russische Atomwaffen erobern. Auch Quatsch. Dann behauptet er, die Amerikaner wollten über die Ukraine Russland angreifen. Das stimmt genauso wenig. Putins Magie steckt in seiner Fähigkeit, Macht und Stärke auszustrahlen.

Aber das ist doch keine Qualität!

Das verfängt allerdings bei Menschen, die sich selbst schwach fühlen, sie bekommen das Gefühl, dazuzugehören. Das einzige Mittel, diese Magie erfolgreich zu bekämpfen, wäre zu zeigen, dass er eigentlich keine Macht hat. So funktionierten die ukrainischen Gegenangriffe der letzten Tage: Sobald die russische Armee sich schwach zeigt, wird auch Putins Position geschwächt. Er entschied sich zu dieser Mobilmachung, um vor seinen eigenen Eliten aus Geheimdienst und Polizei zu bestehen.

Gegen Sie wird der Paragraph 207.3 über die „Diskreditierung der militärischen Streitkräfte der Russischen Föderation“ geltend gemacht. Was heißt das?

Mir drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Es hat auch etwas Positives: dass nämlich Schriftstellern eine große Bedeutung zugemessen wird.

Auf diese Art von Würdigung möchte ich gern verzichten. Aber man kann es als Zeichen für eine Veränderung sehen. In einem autoritären Regime kann man noch kritisch seine Meinung äußern, weil es eine Vielzahl von Stimmen gibt. Kontrolliert werden nur die lautesten. Aber in einer Diktatur müssen alle dasselbe sagen. Eine einzelne kritische Stimme stört bereits. In einer faschistischen, imperialistischen Diktatur, wie Russland sie jetzt darstellt, wird jede Kritik zum Schweigen gebracht. Außerdem werde ich nicht nur als Schriftsteller wahrgenommen.

Sondern?

Ich habe Meinungsartikel zum Beispiel für die Nowaja Gaseta geschrieben, solange es sie gab, ich bin auf Twitter, ich habe zweihunderttausend Follower auf Instagram. Wegen eines Posts gegen den Krieg kam ich auf die Fahndungsliste. Und, was bei uns ziemlich populär ist, ich habe Interviews geführt und bei YouTube hochgeladen, mit zwei oder sogar sieben Millionen Zuschauern.

Hat der Krieg Sie in Ihre Vergangenheit als Journalist zurückbefördert?

Die Dinge, die seit dem 24. Februar passiert sind, waren zu dramatisch und zu eindeutig, um zu schweigen. Es ist ein Krieg im Herzen Europas, ohne Rechtfertigung. Ich hatte Freundinnen und Freunde in der Ukraine, auch Kollegen. Hätte ich geschwiegen, wäre ich mir wie ein Verräter vorgekommen. Wofür habe ich denn meine Follower auf den sozialen Medien? Doch nicht, um meine Bücher zu verkaufen! Ich nutze sie, um auf wichtige Themen aufmerksam zu machen.

Noch viel mehr Follower als Sie hat der Comedian Maxim Galkin, der ebenfalls zum Staatsfeind erklärt wurde. Seine Frau Alla Pugatschowa hat sich solidarisch erklärt. Was bedeutet das?

Das ist wirklich gravierend. Er ist ein Fernsehliebling, sie aber ist eine Ikone. Sie steht für die Sowjetunion-Nostalgie, die Putin befördert. Putins Kernpublikum, die Leute von 40 plus, sind auch ihr Kernpublikum. Wenn sie sagt: Wir sind gegen den Eroberungskrieg – dann ist das sehr, sehr wichtig. Sie hat eine enorme Autorität in der Bevölkerung. Wenn sie sagt, unsere Soldaten sterben für illusorische Zwecke, muss das Putin schmerzen. Galkin, ihr Mann, spricht für jüngere Leute, etwa die 30- bis 40-Jährigen. Auch seine Haltung ist von großer Bedeutung, denn die meisten Künstler waren bis jetzt still.

Also haben Sie den Krieg auch nicht unterstützt?

Nein, unter den Künstlern sind die Leute, die offen den Krieg unterstützt haben, in der Minderheit. Die meisten aber schweigen bis jetzt. Viele Kritiker wie Viktor Pelewin und Vladimir Sorokin sind schon lange in Deutschland, auch Viktor Jerofejew. Dmitri Bykow, der mit demselben Giftstoff angegriffen wurde wie Nawalny, ging zu Beginn des Krieges in die USA. Alla Pugatschowas Wortmeldung könnte eine Wende einleiten.

Zumal Putin sonst auf Ikonen setzt. Als es um die Verfassungsänderung ging, damit er länger Präsident bleiben konnte, hat er im März 2020 die erste Kosmonautin Walentina Tereschkowa sprechen lassen.

Das war sehr traurig. Er konnte nicht Juri Gagarin wiederauferstehen lassen, aber auch Walentina Tereschkowa wirkte mit ihrer Rede ziemlich deplatziert. Russland ist ein Land, das schnell altert. Wir haben offenbar nicht genug junge Leute, um sie in den Krieg zu werfen. Putin wird jetzt 70, ist eigentlich Rentner, und hat den Krieg angefangen. Wenn er jetzt eine Mobilmachung ankündigt, bedeutet es, dass die 160.000 Mann starken Streitkräfte schon verbraucht sind. Wo sind sie hin? Warum brauchen wir 300.000 Menschen zusätzlich? Aber da das eine spezielle Operation und kein Krieg ist, muss Putin nicht darüber aufklären.

Es ist also nicht nur eine beschönigende Floskel.

Das ist ein anderer juristischer Begriff. Bei einer Spezialoperation muss er keine der Opfer veröffentlichen, weder auf der eigenen noch auf der ukrainischen Seite. Hätte er offiziell den Krieg erklärt, wäre er völkerrechtlich dazu verpflichtet.

Gibt es noch unabhängige Informationsquellen?

Russland hat zwar ungefähr 20 Millionen Instagram-Nutzer, aber alle Meta-Plattformen, also auch Facebook und Twitter sind jetzt als extremistisch eingestuft. Und VKontakte, das größte russische soziale Netzwerk, arbeitet eng mit der Polizei zusammen.

Alexej Nawalny ist auf Twitter, seinen Nachrichten kann man folgen.

Ja, das geht. Und vor allem gibt es Telegram-Kanäle, die unabhängig sind. Das Einzige, was die Behörden dagegen stellen können, sind eigene Kanäle.

Und wenn sich die Leute zum Protest-Spaziergang auf dem Arbat verabreden, wie gerade geschehen, machen sie das über Telegram?

Genau. Und über Instagram.

Kann man eigentlich Ihre Bücher noch kaufen?

Die sind nicht verboten, aber viele Buchhandlungen haben sie aus dem Sortiment genommen. Wir haben eine große Tradition des vorauseilenden Gehorsams. Allerdings habe ich sie auf Telegram als PDF zum Herunterladen zur Verfügung gestellt.

Mit Arkadi und Boris Strugatzki hatte die Sowjetunion von den 60er- bis 80er-Jahren zwei berühmte Science-Fiction-Autoren, die vor allem deshalb beliebt waren, weil man in ihren Werken Parallelen zur Gegenwart fand. Sie sind der weltberühmte russische Science-Fiction-Autor unseres Jahrtausends. Wie geht es Ihnen mit der Aktualität Ihrer Romane?

Für mich waren meine Bücher nie Science-Fiction. Dystopie trifft es besser. Es war eine Projektion von Tendenzen der gesellschaftlichen Auswüchse in die Zukunft. Ich wollte keine Warnung positionieren, sondern beschrieb Dinge, wie sie sich weiterentwickeln könnten. In meinem ersten Buch „Metro 2033“ geht es darum, dass die alte Ideologie des 20. Jahrhunderts ein zweites Leben bekommt. Und jetzt haben wir eine Situation, da Wladimir Putin seiner Bevölkerung erklärt, der Angriff auf die Ukraine sei eine Fortsetzung dieses Kriegs, die Russen müssten wie einst die Kommunisten gegen die Nazis kämpfen – die seien diesmal in der Ukraine. Es ist ungeheuerlich: Ich bekam Unmengen von Botschaften meiner Leser aus der Ukraine, die schrieben: „Wir wohnen jetzt in Ihren Büchern.“ Sie schickten Fotos aus Kiewer oder Charkiwer U-Bahn-Stationen, wo sie hausten und erzählten, dass sie wie mein Held Artjom nur noch durch diese Tunnel gehen könnten, weil die Oberfläche durch russische Bombenangriffe zerstört wurde.

Der PEN Berlin hat Sie sofort nach der Veröffentlichung der Fahndung zum Ehrenmitglied erklärt. Das war Anfang Juni. Was kann man jetzt für Sie tun?

Das Wichtigste ist, dass der Westen keine Schwäche Putin gegenüber zeigt. Gerade jetzt, nach der Mobilmachung. Für uns Emigranten ist die Heimat erst einmal verloren. Aber Europa sollte an seinen Grundsätzen festhalten und die Freiheit verteidigen, so pathetisch das klingen mag. Ich werde schon überleben.