New York - „In meiner Kindheit und Jugend war die Welt der Bücher für mich ein Rückzugsort, während meine Familie von einem mächtigen Menschen bedrängt wurde, der entschlossen war, unser Leben und unsere Glaubwürdigkeit zu zerstören“, schreibt Dylan Farrow in ihrem Romandebüt „Hush. Verbotene Worte“. Es ist der erste Satz, der im Nachwort steht und der aussagekräftigste im Werk. Denn er deutet gut an, wie die Realität eines jungen Mädchens aussehen kann; wie Farrow an einen fiktiven Ort flüchtete, um - glaubt man ihren medialen und gerichtlichen Anschuldigungen - den sexuellen Übergriffen ihres Adoptivvaters Woody Allen zu entkommen.

Nun ist bis heute der Fall um Allens Missbrauch undurchsichtig, und die Geschichte von „Hush“ hat eigentlich nicht viel mit dem der 35-jährigen Autorin gemein. Der Roman ist in einem Kinder- und Jugendbuchverlag erschienen, durch die Covergestaltung gibt er sich bereits als Fantasy zu erkennen, er trägt die Leseempfehlung 14-16 Jahre. Aber spätestens bei der Lektüre des Nachwortes beginnt man, in ihrer Fiktion Parallelen zu suchen und aufgrund Farrows Biographie dem Werk mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es letztlich verdient. Das mag ein Grund sein, warum der Roman in den USA gefeiert wird, während man sich hierzulande über ihr fehlendes Schreibtalent ärgert.

Auf 410 Seiten schildert Farrow die Geschichte der 17-jährigen Shae. Ein schüchternes, armes Mädchen, das in einer Art Mittelalter lebt. Eine Welt, inspiriert von J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“, mit vielen Wiesen und Wäldern, über die Lord Cathalein mit den Barden herrscht. Die Barden haben Zauberkräfte, lassen Häuser einstürzen oder Felder vertrocknen. Und wer sich ihrem obersten Gebot widersetzt - liest oder schreibt -, den trifft die blaue Fleckenkrankheit.

Shaes Bruder starb an der Krankheit, der Vater ging daran zugrunde, die Mutter wird später von einem Barden ermordet. Shae stärkt das aber nur: Sie zieht ins Hohe Haus des Lords, um herauszufinden, was hinter dem Mord und den Barden steckt. 

Dylan Farrow unterschätzt die Macht der Worte

Farrow schildert mit Unmengen von Floskeln und Wortwiederholungen ein von Männern dominiertes System, in dem niemand - erst recht nicht Frauen - „mit offenen Armen“ empfangen wird und die Wahrheit nicht immer eindeutig ist. Dabei betont sie häufig „die Macht der Worte“, unterschätzt jedoch, dass Worte zum Beispiel eine logische Reihenfolge brauchen. So passiert es, dass menschliche Adern erst platzen und dann unerträglich schmerzen.

Ob Farrow damit die Fantasie des Lesers anregen wollte? Es wäre zumindest einer von sehr wenigen Versuchen. Farrow beschreibt Szenen teilweise so unnötig genau, dass sie dem Leser jegliche Spannung und Vorstellungskraft nimmt. An einer Stelle heißt es etwa: „Ich lächle und berühre kurz ihre schmale Schulter, in der Hoffnung, sie könnte irgendwie durch den Druck meiner Hand spüren, dass ich es ernst meine. ‚Du solltest jetzt verschwinden‘.“

Vor zehn Jahren beschloss Farrow ihren „Schreibtischjob“ aufzugeben, um Schriftstellerin zu werden, heißt es im Nachwort. Sie hatte demnach Zeit für „Hush“ und den bereits angekündigten Nachfolger. Doch weder die Anmerkungen, in denen sie über das Schreiben, Wahrheiten und ihre Familie sinniert, noch die mediale Präsenz seit der Romanveröffentlichung machen ihr Debüt unterhaltsam. Der Plot ist unoriginell, die Story mies erzählt. Man wünscht sich eigentlich nur, dass ihr Nachwort die Geschichte wäre - oder Farrow einen guten Fantasy-Autor als Mentor fände.

Dylan Farrow: Hush. Verbotene Worte. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Loewe Verlag, Bindlach 2021. 416 Seiten, 19,95 Euro, als E-Book  14,99 Euro.