Ein Leben für die deutsche Sprache: Zum Tod von Wolf Schneider

Der Journalist, Journalisten-Ausbilder, Sachbuchautor und  Talkshow-Moderator Wolf Schneider stritt für klare Worte und war zuletzt sogar Umweltaktivist.

Der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider (1925–2022).
Der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider (1925–2022).dpa/ZB

Was kann man von Bankräubern lernen?, fragte Wolf Schneider einmal in einer Videokolumne. Antwort: Sie formulieren kurze, prägnante Sätze. Wenn man sich das Lebenswerk des am Freitag im Alter von 97 Jahren gestorbenen Journalisten Wolf Schneider ansieht, fällt zwar eine Vielzahl von Themen ins Auge, seine innige Leidenschaft aber galt der Sprache. Sein 1982 erschienenes Buch „Deutsch für Profis“ galt über Jahrzehnte als das Handbuch für alle, die sich öffentlich ausdrücken wollten.

Er schrieb auch „Wörter machen Leute“, „Deutsch fürs Leben“, „Speak German!“. Mehr noch als diese Bücher aber hat seine praktische Arbeit Generationen deutscher Journalisten geprägt. Weil die von Wolf Schneider in den Jahren 1979 bis 1995 geleitete Henri-Nannen-Schule in Hamburg stand, liegt es nahe, hier zu schreiben: westdeutscher Journalisten. Doch ließ er schon Anfang 1990, als noch nicht klar war, was aus der DDR würde, in ostdeutschen Zeitungen Anzeigen schalten, die zu einem Kurs für junge DDR-Journalisten einluden.

Der Adressat eines Textes ist wichtiger als der Autor

Die Teilnehmer bekamen den Eindruck fast militärischer Strenge („Qualität kommt von Qual“), zugleich versorgte er sie unvoreingenommen mit Gesprächspartnern verschiedenster Redaktionen. Wer die Schule absolviert hat, erinnert sich an lebhaften, begeisternden Unterricht und energische Kritik. Der geschmeidige Ausdruck, das präzise Wort, ein logischer, die Möglichkeiten der deutschen Syntax nutzender Satzbau waren Schneiders Ziel. Der Adressat sollte immer wichtiger genommen werden als der Autor, die Autorin eines Textes.

Mit journalistischem Interesse erschloss er sich verschiedene Wissenschaftsbereiche, legte kluge, unterhaltsame Sachbücher vor. Eine Weltgeschichte der Städte zum Beispiel, ein Porträt der Alpen, Darstellungen über Sieger und Verlierer. Anfang der 2000er schrieb er mit „Glück! Eine etwas andere Gebrauchsanweisung“ mit Verve und Witz gegen die Massenware zum Thema an. Sein autobiografisches Buch von 2015, „Hottentottenstottertrottel“, greift mit dem Titel die Strenge auf, die er sich selbst gegenüber anwandte. Als Junge fürchtete er das Sprechen vor anderen Leuten und erzog sich mit einem Zungenbrecher. Den übte er später noch vor Fernsehauftritten; Schneider war einem großen Publikum als Moderator der „NDR Talk-Show“ vertraut.

Das Gendern verumständlicht die Sprache

Wolf Scheider, am 7. Mai 1925 in Erfurt geboren, wuchs in Berlin auf, wurde nach dem Abitur zur Luftwaffe eingezogen und konnte doch gleich nach dem Krieg als Übersetzer für die U.S. Army, für amerikanische Journalisten und als Korrespondent der Nachrichtenagentur AP arbeiten. Er wurde dann Nachrichtenchef der Süddeutschen Zeitung, erst Chef vom Dienst, dann Verlagsleiter beim Stern, schließlich – aber nicht lange - Chefredakteur der Welt.

Nachdem er mit 70 die Leitung der Henri-Nannen-Schule abgegeben hatte, zog er an den Starnberger See und schrieb weiter Kolumnen, Reportagen und Bücher. Mit der Ablehnung der 68er und seinem souveränen, selbstgewissen Ton machte er sich über die Jahre auch Feinde. Zuletzt nahm man ihm übel, wie er die Versuche der gendergerechten Sprache kritisierte – als „Verumständlichung“ des Deutschen.

Vor drei Jahren veröffentlichte Wolf Schneider eine Streitschrift, die er den eigenen 14 Enkeln und Urenkeln widmete. Die alarmierenden Daten zum Klimawandel ließen ihn schreiben: „Denkt endlich an die Enkel!“ Die Vernunft wollte er wecken, fragte, warum es nicht endlich höhere Steuern gebe, zum Beispiel auf Klimaanlagen, „soweit sie nicht in Krankenhäusern stehen? Auf stromfressende Beleuchtung bei Sportveranstaltungen? … Auf Lichtreklame nach Mitternacht? Auf die Schneekanonen in den Wintersportorten, Stromfresser ohnegleichen!“ Acht Euro kostet das Buch, es ist noch lieferbar.