Ein alter Mann steht mit seinem Enkel im Arm auf dem Dach eines New Yorker Hochhauses. Einige Stockwerke darunter soll eigentlich die Beschneidung des Babys stattfinden, seine Mütter sind liberale Lesben, der Samenspender ein befreundeter Homosexueller. Der Opa entführte das Baby aus dem Trubel aufs Dach, um es zu beschützen, wovor genau, das erzählt die zweite der zehn Geschichten, die gerade in einem neuen Buch von Nicole Krauss auf Deutsch erschienen sind.

Krauss, die nicht nur von der New York Times für eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Amerikas gehalten wird, entfaltet auf nicht einmal zwanzig Seiten die Geschichte des Mannes, der nach einer schweren Operation über das Leben nachdenkt, insbesondere über dessen Prägungen und Zwänge: „Irgendwo auf der weiten Welt musste es Kinder geben, die ohne Präzedenz geboren und erzogen wurden – der Gedanke ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen.“

Als Sohn von Holocaustüberlebenden tat er alles für seine Eltern und empfand es irgendwann als Bürde. Er hadert außerdem mit seiner Rolle als pflichtbewusster Ernährer. Auf den Beruf fixiert, absorbiert vom akademischen Leben, wurde er zum einsamen „schlechten Vater“.

„Ein Mann sein“ – was heißt das heute?

Männliche Verletzlichkeit, Komplexität und Widersprüche beschäftigen Krauss in ihren erstmals in einer Sammlung präsentierten Erzählungen unter dem Titel „Ein Mann sein“. Dafür habe es im Schatten der MeToo-Debatte wenig Raum gegeben, weil so viel anderes angesprochen werden musste, sagte die Autorin in einem Interview für den Guardian. Als Mutter zweier Söhne wie als Schriftstellerin beschäftige sie das Thema Maskulinität. In ihren vier Romanen gibt es unvergessliche männliche Figuren, etwa Jules Epstein in „Waldes Dunkel“, der sein Geld verschenkt und einen Berg aufforsten will, oder Leo Gursky in „Die Geschichte der Liebe“, der als sehr junger Mann einen Roman für eine geliebte Frau schrieb.

In den Erzählungen nimmt Krauss die Perspektive der Männer ein oder betrachtet sie durch die Augen ihrer Mütter, Frauen, Freundinnen, Töchter. Weibliche Figuren bekommen aber auch viel Raum: Etwa in der Geschichte „Die Schweiz“, in der sich eine Schülerin auf ein Spiel mit Dominanz und Unterwerfung mit einem erheblich älteren Liebhaber einlässt. Das Besondere hieran: Trotz aller Sorgen, die sich die Erzählerin (eine Mitschülerin) und auch die Lesenden um dieses Mädchen machen, betont der Text ihren Mut, ihre Risikobereitschaft, ihre Stärke.

Krauss schenkt den Beziehungen zwischen den Geschlechtern große Aufmerksamkeit, insbesondere der Ehe, einer Institution, deren Fallstricke sie selbst kennt: Sie war zehn Jahre mit ihrem Kollegen Jonathan Safran Foer verheiratet. Die Erzählung „Endzeit“ etwa schildert eine freundschaftliche Scheidung nach orthodoxem Ritus. Die Tochter des Ex-Paares berichtet in Rückblicken von ihren progressiven Eltern, während sie am Rande lebensbedrohlicher Waldbrände Blumen für eine Hochzeit ausliefert. Verwüstung und Lässigkeit liegen nah beieinander. Auch in anderen Geschichten lesen wir von Trennungen oder Fast-Heirat, offenen Ehen und neuer Lebensgemeinschaft in hohem Alter.

Nicole Krauss stellt Fragen und Denkanstöße in den Raum

Schauplätze der Erzählungen sind meist die USA oder Israel, alle bewegen sich vor dem Hintergrund der jüdischen Geschichte und Gegenwart. Manchmal rücken Krisenmotive ins Zentrum des Geschehens. In „Zukünftige Notstände“ etwa werden in New York Gasmasken ausgeteilt. Diese Erzählung erschien erstmals 2002 im „Esquire“ und wurde in die Anthologie „Best American Short Stories“ aufgenommen. Das plötzliche Auftauchen der Schutzausrüstung ist sehr unheimlich, belebt aber die Beziehung der Erzählerin, die mit ihrem ehemaligen Professor zusammenlebt. In einer anderen Story treffen wir zwei Figuren, die eigentlich im New York und London der Gegenwart wohnen, eingesperrt in einem Flüchtlingslager wieder. Warum und wo, wird nicht gesagt.

Krauss‘ Schreiben war nie im landläufigen Sinne realistisch. Einfache Antworten geben ihre Texte ohnehin nicht. Sie stellen eher Fragen und Denkanstöße in den Raum, zum Beispiel über den alten Juden auf dem Hochhausdach mit dem Enkel aus einer Regenbogenfamilie. Das ist manchmal irritierend, aber nie hermetisch oder abgehoben, weil Nicole Krauss keine Thesen über Geschlecht, Judentum, Gemeinschaft, Prägung, Freiheit oder sonst etwas bebildert, sondern Vielschichtiges mit großer Leichtigkeit erzählt. Ihre Figuren und Szenen werden mit wenigen narrativen Strichen – dem Klang einer Stimme, einer erinnerten Filmszene, einem Waschpulvergeruch – lebendig. Ein Mann wird allein darüber, wie er einen Fisch filetiert, umfassend charakterisiert. Ein anderer damit, dass er nie bemerkt, dass seine Freundin friert.

Rowohlt

Der deutsche Boxer und die Bereitschaft zum Töten

In der letzten, der Titel-Erzählung „Ein Mann sein“, legt Krauss einer Frau „deren Großeltern Holocaust-Überlebende waren“, einen deutschen Redakteur, Amateur-Boxer und blonden Zweimeter-Hünen ins Bett. Er verkörpert recht anschaulich das Klischee des potenziell brutalen, dabei intelligenten Deutschen. Bei einem Spaziergang meint er, dass er „angesichts der historischen Einflüsse, die ihn damals geprägt haben würden“, sicherlich der SS beigetreten wäre. Weiterhin gibt es in dieser Geschichte einen Tänzer und Ex-Offizier einer israelischen Spezialeinheit. Bei einem Einsatz seiner Elitetruppe gegen die Hisbollah musste er den Tod von Kindern in Kauf nehmen.

Der „deutsche Boxer“ und der Tänzer reflektieren ihre Bereitschaft zum Töten und ihren Umgang mit Angst. Dass daraus keine grobgeschnitzte Gegenüberstellung wird, liegt sicherlich an den heranwachsenden Jungen und dem Freiheitsdurst ihrer Mutter, um die es in dieser Story außerdem geht. Vor allem aber liegt es an der Kunst einer Erzählerin, die Texte schafft, die unterschiedliche Welten einschließlich ihrer Männer so komplex zeigen, wie sie nicht immer, aber eben oft genug sind.

Nicole Krauss: Ein Mann sein. Storys. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. Rowohlt, Hamburg 2022. 255 Seiten, 24 Euro.

Am Montag, den 30. Mai, 19.30 Uhr, stellt Nicole Krauss ihr Buch im Literarischen Colloquium Berlin vor.