Landolf Scherzer: „Sie sind ein gutbürgerlicher Mensch, was machen Sie hier?“

Landolf Scherzer wohnt in Thüringen und hat ein Buch über die Krim geschrieben. Ein Gespräch über das Schreiben in Zeiten des Krieges und die Stimmung im Osten.

Landolf Scherzer in seinem Haus im Thüringer Wald. 
Landolf Scherzer in seinem Haus im Thüringer Wald. www.imago-images.de

Als sein Buch „Der Erste“ Ende der 80er-Jahre erschien, wurde Landolf Scherzer vom Spiegel als „Wallraff des Ostens“ gefeiert. Der Reporter hatte vier Wochen lang einen SED-Kreissekretär in Thüringen begleitet und das Innenleben des Parteiapparates beschrieben wie kein Journalist zuvor. Jetzt, mehr als 30 Jahre später, hat Scherzer wieder versucht, Einblicke in eine abgeschlossene Welt zu bekommen.

2019 fuhr er auf die von Russland annektierte Halbinsel Krim, um das Schicksal der Krimtataren zu beschreiben – einer muslimischen Minderheit, die unter Stalin vertrieben wurde –, aber auch, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, wie es den Menschen unter der Annexion geht. Sein Buch „Leben im Schatten der Stürme“, im September erschienen, polarisiert die Leserschaft. Westdeutsche kritisieren es, Ostdeutsche sagen: Endlich sagt jemand, wie es ist. Landolf Scherzer wohnt in Thüringen. Wir haben ihn dort angerufen.

Berliner Zeitung: Herr Scherzer, wo genau sind Sie gerade?

Landolf Scherzer: Mein Haus steht mitten im Wald, dahinter liegen durch Stürme und Trockenheit zersplitterte Bäume. Ein furchtbarer Anblick. Kürzlich war ein Fernsehteam hier, um mich zu interviewen. Und ich habe mich genau vor die Bäume gesetzt und gesagt: So, jetzt könnt ihr mir Fragen zu meinem Buch über die Krim stellen.

Damit wollten Sie Ihre Gefühle zum Krieg in der Ukraine zeigen?

Ja, ich habe das Gefühl, in einer zersplitterten Welt zu sitzen und dass in mir selbst alles zersplittert ist. Und dass mein Buch plötzlich eine schreckliche Aktualität bekommen hat.

Sie waren 2019 auf der Krim und haben eine Reisereportage über Ihren Besuch geschrieben. Haben Sie geahnt, dass es der Vorabend eines Krieges war?

Nein. Damit habe ich nicht gerechnet.

Aber die Krim war bereits von Russland annektiert. Sie mussten illegal einreisen.

Ja, der Botschafter der Ukraine, Herr Melnyk, drohte sogar damit, dass jeder Deutsche, der über Moskau in die ukrainische Krim reist, nach der Rückkehr vor ein deutsches Gericht gestellt wird. Aber Hindernisse spornen meine Neugier eher an. Ich wollte wissen, was sagen die Menschen, nicht, was sagen die Politiker oder Machthaber.

Und was sagen die Menschen?

Wenig. Sie haben sich kaum geöffnet, obwohl ich viel Kräuterschnaps mithatte. Einer hat mir dann erklärt, warum mir niemand die Frage beantwortet: Lebst du lieber auf einer ukrainischen oder russischen Krim?

Und warum?

Er sagte: Es ist ganz einfach. Zwei Frauen bewerben sich um dich, mit allen Mitteln, und du erzählst im Dorf, du nimmst die Schwarzhaarige, denn die ist schöner und fleißiger. Aber hinterher erfährst du, die Blonde hat eine Mitgift von zwei Häusern, 20 Pferden und drei Autos, dann kannst du die Blonde nicht mehr nehmen. Denn du hast ja schon deine Wahl kundgetan. Er sagte, das sei etwas zutiefst Menschliches, nichts Politisches.

Hat Sie das an die DDR erinnert, die Angst, nicht sagen zu dürfen, was man denkt?

Ja, aber auch die Situation jetzt in Deutschland erinnert mich daran. Die Sorge, was man sagen soll und darf und was nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand. Auf der Krim geht es aber um viel mehr, nämlich um die Existenz. Die Krimtataren, deren Schicksal ich beschreibe, wurden nach dem Krieg für 40 Jahre von dort verbannt. Es gibt dort so viel Angst aus den eigenen Lebenserfahrungen heraus. In der DDR war die Angst diktatur- und parteigegeben.

Sie haben Ihr Buch vor dem Krieg begonnen und im Krieg beendet. Haben Sie nach Kriegsausbruch viel geändert?

Es war im Januar dieses Jahres fertig, vor Kriegsbeginn. Ich habe mich noch nie so schwergetan wie mit diesem Buch und fast fünf Fassungen geschrieben. Ich habe eine Menge beschrieben, was das Ursächliche dieses Krieges ausmacht, ohne dass ich es wusste. Das Einzige, was ich noch geändert habe nach Kriegsbeginn, war die Widmung.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Volk und der Regierung. Brecht hat das schon gesagt.

Landolf Scherzer, Schriftsteller

Die heißt: „Für alle Ukrainer und Russen, die sich gegen jeden hasserfüllten Nationalismus und für ein friedliches Zusammenleben ihrer Völker einsetzen.“ Warum für beide Völker und nicht nur für die Ukrainer, die von den Russen überfallen wurden?

Wir reden immer über die Russen und die Ukrainer. Das ist nicht gut. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Volk und der Regierung. Brecht hat mal sinngemäß gesagt: Nehmt euch ein anderes Volk, wenn die Regierung damit nicht einverstanden ist. Die Krim ist ein Vielvölkerstaat, multinational. Ich habe dort eine unendliche Sehnsucht nach Frieden gespürt. Und die Erleichterung, dass die Russen eine Grenze gezogen haben, damit der Konflikt nicht herüberschwappt. Auch das.

Sie setzen Ihrem Buch nicht nur die Widmung, sondern auch drei Weisheiten voran, die alle sinngemäß besagen, dass man die Vergangenheit nicht vergessen darf. Was genau meinen Sie damit?

Wer das Heute verstehen will, sollte auch die Vergangenheit kennen. Deshalb kann ich mit dem Begriff der Zeitenwende auch nichts anfangen. Denn das heißt nichts anderes als: Alles ist neu, alles muss neu definiert werden ab diesem Punkt. Ich aber sage: Bitte redet auch darüber, wie dieser Krieg entstanden ist. Ohne dass man gleich automatisch als Demokratiefeind abgestempelt wird.

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Landolf Scherzer
wurde 1941 in Dresden geboren. Er studierte Journalistik in Leipzig und wurde wegen kritischer Texte exmatrikuliert. Seit 1975 arbeitet er als freier Journalist und Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem durch seine Reportagen „Der Erste“, „Der Zweite“, „Der Letzte“. Sein neuestes Buch „Leben im Schatten der Stürme“, eine Reisereportage aus dem Jahr 2019 über die Halbinsel Krim, erschien im September 2022 im Aufbau-Verlag. Scherzer wohnt in Dietzhausen, Thüringen.

Wer nennt Sie Demokratiefeind?

Bei Lesungen wurde mir vorgeworfen, dass ich die Werte der Nato, die heilige Demokratie, die Freiheit nicht schätze. Das macht mich mutlos. Was soll ich denn machen? Am Montag bei den Demos mitmarschieren? Nein. Wir haben keine Gegenkraft mehr, keine Friedensbewegung, die Linken kann man dabei auch vergessen.

Ist nicht aber auch eine Lehre aus der Geschichte, gerade der deutschen, dass man Opfer bringen sollte für ein Volk, das angegriffen wird? Wie die Alliierten das im zweiten Weltkrieg taten?

Die Opfer wurden damals noch nicht gebracht, als Polen überfallen wurde. Die Solidarität begann erst, als die Deutschen die ganze Welt erobern wollten. Die Amerikaner sind erst nach Pearl Harbor in den Krieg eingetreten. Es war ein Krieg, der fast die ganze Welt betraf, bis hin nach Afrika. Da blieb nichts anderes übrig.

Die Ostdeutschen reden anders als die Westdeutschen

Was fordern Sie? Friedensverhandlungen mit Putin?

Ich würde nie Putin, diesen Kriegstreiber, verteidigen. Aber im März gab es Verhandlungsangebote. Und dann hieß es von englischer Seite: Keine Verhandlungen. Und bei ganz vielen Menschen hier im Osten, auch von klugen Leuten, höre ich: Es gibt nur einen, der in diesem Krieg wirklich gewinnt: die USA. Die Ostdeutschen reden anders als die Westdeutschen.

Sind das die alten Feind- und Freundbilder aus der Zeit des Kalten Krieges?

Ja, ganz klar. Ich bin mit den Amis als Imperialisten, als Kriegstreibern, groß geworden. Und die im Westen mit den Russen als Feindbild, die den Kommunismus wollen. So was bleibt, ist immer noch im Hinterkopf. Imperialisten und Kommunisten. Das ist mir bewusst, aber ich sehe auch die Fakten: Der Dollar steigt, der amerikanischen Wirtschaft geht es besser als noch im Januar. Die USA sind der Gewinner und nicht die Russen, erst recht nicht die Ukrainer, und die Deutschen auch nicht. Im Gegenteil: Die europäische Wirtschaft geht kaputt durch den Wirtschaftskrieg, den wir erklärt haben.

Wie ist die Stimmung in Thüringen? Auf den Montagsdemos?

Ich gehe da nicht hin, aber als ich neulich in Meiningen aus dem Theater kam, bin ich in eine reingelaufen. Vorne war die Stimmung aggressiv und alles wirkte unheimlich durchorganisiert. Ich habe dann Leute angesprochen, die hinten mitgelaufen sind. Nicht mehr in Reih und Glied und auch nicht schreiend, sondern schlendernd fast. Ich habe einen Mann angesprochen, den ich kannte, und habe gesagt: „Entschuldigung, Sie sind ein gutbürgerlicher Mensch, was machen Sie hier?“

Was hat er geantwortet?

Der Mann sagte, was soll ich denn sonst machen? Alle Preise steigen, ich kann die extremen Heizkosten für unser Haus als Rentner bald nicht mehr bezahlen. Wo und mit wem soll ich denn sonst mitlaufen? Ich kenne hier niemanden, ich laufe hier mit, für meinen inneren Frieden. – Er ist einfach jemand, der nicht weiß, wo er sich anschließen soll. Und ich weiß es auch nicht.

Und auf Ihren Lesungen, was sagen die Leute da?

Da habe ich das Gefühl, der Zulauf wird immer mehr, wie damals 1989, wenn ich aus „Der Erste“ gelesen habe. Die Menschen wollten sich austauschen, über Systemveränderungen reden, Gleichdenkende finden. Eine Versammlung der Antwortsuchenden. Das Gefühl habe ich heute auch wieder, egal ob ich in der Kaufmannskirche in Erfurt lese oder in Berlin. Es gab aber eben auch die Vorwürfe, dass ich Putinfreund oder Russenversteher bin. Vor allem von Westdeutschen.

Als „Der Erste“ erschien, wurden Sie vom Westen als Held gefeiert. Der Spiegel nannte Sie „eine Art Wallraff ohne Maske“. 

Ja, der Spiegel hat damals gleich aus meinem Buch drei, vier Fortsetzungen abgedruckt. Jetzt gab es nicht einmal eine Besprechung.

Kränkt Sie das?

Nein. Das ist mir nicht wichtig.

In einer Kritik wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie schreiben, nach Darstellung des Kremls wurde die Krim durch einen Volksentscheid Russland zugeschlagen und nach Ansicht der Ukraine und der EU völkerrechtswidrig annektiert. Warum setzen Sie die Sicht der russischen Besatzer der ukrainischen und westlichen Kritik gleich?

Ich verstehe die Kritik nicht. Ich habe geschrieben, was die russische und westliche Lesart der Krim-Annexion ist. Ich habe in meinem Buch keinen einzigen Kommentar dazu abgegeben, sondern beschrieben, was ich erlebt und gehört habe. Ich habe Leute gefragt, wie sie abgestimmt haben, aber mich nie auf eine Seite geschlagen.

Jeder Reporter hat eine Haltung, ist voreingenommen, schon allein durch die Auswahl, wen man befragt.

Landolf Scherzer, Reporter

Aber funktioniert das noch in Kriegszeiten? Ist die Reportage, die ja immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit beschreibt, die nicht kommentiert, nicht wertet, da noch die geeignete Form der Berichterstattung?

Die Frage ist: Wie sehr verkommt die Reportage zur ideologischen Bebilderung? Hat man schon ein Bild im Kopf, das man nur noch füllt? Oder ist man offen? Jeder Reporter hat eine Haltung, ist voreingenommen, schon allein durch die Auswahl, wen man befragt, wen man weglässt. Aber ich kann sagen: Ich habe auf meinen Reisen durch die Krim viele Leute gefragt, ob sie für eine russische oder ukrainische Krim sind. Eine einzige Frau hat mir gesagt: Ich bin gegen eine russische Krim. Und jetzt im Nachhinein von mir zu fordern, ich hätte es anders schreiben sollen, ist absurd. Das tötet die Reportage.

Haben sie darüber nachgedacht, noch mal zurückzugehen, zu gucken, wie es jetzt ist auf der Krim?

Nein. Es wäre noch schwieriger, einzureisen. Und das Thema ist besetzt, allgegenwärtig in allen Medien. Es reizt mich nicht mehr. Ich will nicht in die eine oder andere Richtung berichten.

Sie sind gar nicht neugierig?

Nein, gerade ist sie weg, die Neugierde. Ich fühle mich ohnmächtig gegenüber den Dingen, die in der Welt passieren, gegenüber dem Kriegsgeschrei. Das Wort Abrüstung gibt es nicht mehr. Putin hat mit seinem Angriffskrieg die Friedensbewegung kaputt gemacht und uns alle Alternativen und Utopien genommen. Er hat einen ideologischen Zugewinn geschaffen, gegen den man sich nicht wehren kann. An allem ist plötzlich der Ukraine-Krieg schuld. Damit kannst du alles erklären und nichts. Und ich habe dem nichts entgegenzusetzen. Deshalb interessieren mich nur die Menschen. Ich würde am liebsten auf einer Lesung alle 200 Besucher bitten, dazubleiben, und sie dann nach ihrem Leben befragen. Das ist das Einzige, worauf ich gerade neugierig bin.