Beim Lesen kann man sich verlieben. Oft in Figuren oder gar in Autorinnen oder Autoren selbst, denen man sich unversehens nah fühlt. So dürfte es der 1991 in Biel geborenen und zuletzt für ihr Lyrikdebüt „dekarnation“ mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Eva Maria Leuenberger gegangen sein, als ihr das Buch „Dictée“ in die Hände gefallen ist. Es handelt sich um den geheimnisvollen Erstling einer viel zu früh gestorbenen Schriftstellerin namens Theresa Hak Kyung Cha. Mithin als Werk der postkolonialen Avantgarde geltend, stellt die in Südkorea geborene Künstlerin darin Konstruktionen wie Identität, Körper und Herkunft infrage. Doch bevor der Entwurf 1982 erschien, wurde dessen Urheberin in einem Parkhaus vergewaltigt und getötet.

Geht Leuenberger mit ihrem neuen Titel „kyung“ nun eine Art Dialog ein, in dem sie eigene poetische Versatzstücke mit denen der zuletzt in New York lebenden Autorin kombiniert, gelingt ihr gleich zweierlei: zum einen errichtet sie einer in unserer Hemisphäre wohl zu Unrecht vergessenen Intellektuellen posthum ein Denkmal, zum anderen setzt sie deren ästhetisch-politisches Projekt fort. Dabei gilt die Devise: „der körper wird text“.

Im Text wird Theresa über den Tod hinaus frei und souverän

Nachdem ersterer der jungen Theresa geraubt wurde, ersteht sie in Leuenbergers Hommage buchstäblich wieder auf – im Schwarz ihrer Haare, in Videostills, die teilweise im Buch abgedruckt sind, oder in ihren Versen: „neither you nor i / are visible to each other“ (weder du noch ich / können uns gegenseitig sehen). Intuitiv mögen derlei Zeilen lose auf die Seiten gestreut anmuten. Allerdings sind sie durchaus subtil miteinander verwoben. Viele Textteile Leuenbergers erweisen sich als Antworten, Echos, Spiegelungen. Sätze wie „die frau legt ihre hand auf die seite eines buches. / ich lege meine hand auf die seite eines buches“ veranschaulichen, wie das lyrische Schreiben letzthin die Grenze zwischen Dies- und Jenseits überwindet. Dort wo einst Theresas Hand lag, findet sich nun jene der Schweizerin wieder – fast so, als wäre die Wärme von damals auf dem Papier noch immer spürbar.

Nah sind sich die beiden Frauen vor allem im Denken, das sich nicht mit der Festgestelltheit der Dinge abfindet. Und so kann in „kyung“ der Himmel zum Grund werden oder ein (weiblicher) Körper schweben. Gerade darin offenbart sich die feministische Aussage des Buches, geschrieben an ein Opfer, das um Selbstermächtigung kämpfte. Denn im Text wird Theresa über den Tod hinaus frei und souverän. Komplex, aber ungemein fesselnd dringt Leuenberger mit schleifenartigen Wiederholungen und knappster Wortökonomie immer tiefer in einen luziden Geist vor. Das Ganze ist, um eines ihrer beliebten Wörter zu benutzen, in höchstem Maße flimmernd.

Eva Maria Leuenberger: „kyung“ Droschl. 136 Seiten, 20 Euro.