Eine Entdeckung: Günter Grass hinterließ eine Erzählung über Uta von Naumburg

„Figurenstehen“ heißt das feine, kleine Buch, das sieben Jahre nach dem Tod des Autors erscheint. Grass holt eine historische Figur in seine Gegenwart.

Der Schriftsteller, Grafiker und Bildhauer Günter Grass, fotografiert 2009.
Der Schriftsteller, Grafiker und Bildhauer Günter Grass, fotografiert 2009.epd

Nach Naumburg reiste Günter Grass, „als die Mauer wie aus Gewohnheit noch stand“, Ende der Achtzigerjahre, eingeladen zu einer Lesereise. Er schreibt davon in einer Erzählung, die jetzt, sieben Jahre nach seinem Tod, aus dem Nachlass veröffentlicht wurde. Ein so später Fund aus dem Werk eines Autors, dessen Arbeit zu Lebzeiten gründlich erforscht wurde, der die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts geprägt hat und ihren Ruf international hob, der 1999 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist ein bedeutendes Ereignis.

Der Steidl-Verlag, der auch die 24-bändige Werkausgabe ediert hat, bringt den Text wie eine Preziose in die Buchhandlungen: mit augenfreundlichem Satzbild, mit einer Zeichnung auf dem Titel und Grafiken im Inneren, in Leinen gebunden. Und wirklich: Die Erzählung „Figurenstehen“ hat soviel Zuwendung verdient.

In der Stadt riecht es „rückständig nach Braunkohle“

Magdeburg ist die erste Station der DDR-Tour, da setzt Grass dem widerständigen Pfarrer und Bürgerrechtler Hans-Joachim Tschiche ein kleines Denkmal im übertragenen Sinne. Ein wahrhaftiges Denkmal fesselt ihn in Naumburg: die Skulptur der Uta. „Sie steht, wie sie schon immer stand“, links von ihrem Mann Ekkehard, „und hält ihr Gesicht von dem rechts hochgeschlagenen Mantel halb verborgen.“ Ihr Blick ist „von eher abweisender Qualität“. Grass sieht zu ihr hinauf und behält sie im Kopf. Die Touristen im Dom tuscheln. In der Stadt riecht es „rückständig nach Braunkohle“, Grass' Frau Ute kostet die Ostwurst an der Bratwurstbude.

Die Stifterfiguren Uta und Ekkehard im Westchor des Doms in Naumburg. 
Die Stifterfiguren Uta und Ekkehard im Westchor des Doms in Naumburg. dpa

Uta und die elf anderen Naumburger Stifterfiguren holt der Erzähler sich ein Jahr später zu Gast an seine Tafel. Das ist ein erprobtes literarisches Verfahren von ihm. Grass-Leser erinnern sich an „Das Treffen in Telgte“, zu dem er deutsche Barockdichter nach Art der Gruppe 47 beim Speisen über die Wirkung von Literatur reden ließ. In jener Erzählung schrieb er zu Beginn: „Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“ Mit Uta von Naumburg ist Grass nach dem Essen noch nicht fertig. Sie bleibt nicht historisch, sondern begegnet ihm leibhaftig.

Das Titelwort „Figurenstehen“ beschreibt die Tätigkeit einer jungen Straßenkünstlerin, die der Erzähler nach dem Mauerfall vor dem Hauptportal des Kölner Doms entdeckt. Sie steht unbeweglich da, geschminkt und kostümiert. Er erkennt Uta in ihr – „von der Krone zu den Schuhspitzen ganz in Grau“; in einem Blechschüsselchen vor ihr landen Münzen und Scheine. Der Erzähler verharrt als Beobachter, wagt es nicht, die Distanz zu dieser Frau zu überbrücken und sie anzusprechen. Dabei erscheint ihm die jahrhundertealte Statue in der Straßenkünstlerin zum Leben erwacht.

Der alternde Autor will mit den Gefühlen haushalten

Grass lässt es wie eine Obsession erscheinen, dass sein Ich die Figur dann in jeder Stadt vor berühmten Kirchen sucht, oft vergeblich. Taucht sie auf, entfacht das die Sehnsucht von neuem. Und das, da doch zu Beginn des neuen Jahrtausends erste Altersgebrechen den Autor mahnen, mit seinen „Gefühlen hauszuhalten“.

Die kleine Erzählung rückt immer näher an die Gegenwart. Das Gestern, ganz wie im „Treffen in Telgte“, greift ins Heute. Die Zentrale der Deutschen Bank als neuer Ort der Figurensteherin in Frankfurt am Main gibt Grass Anlass, über Vermögen nachzusinnen. Fragen nach Macht und Gerechtigkeit löst die beständige Nähe eines Mannes aus, den der Erzähler als den „Zuhälter“ der Schweigenden charakterisiert.

Mit diesem kleinen Text, begonnen 2003 auf der dänischen Insel Mön und schon zu Teilen mit der Reiseschreibmaschine abgetippt, wollte Grass die Verhältnisse nicht verändern. Er beobachtete, brachte dabei seine beiden Künste zusammen, formte Figurensteherinnen aus Terrakotta, zeichnete sie mit Bleistift und Kohle, ließ schreibend die Jahrhunderte zusammenrücken. Das ist noch einmal ein eindrückliches Beispiel seines Könnens; wie gut, dass es aus dem Archiv gefischt wurde.

Der alternde Erzähler und die junge Frau begegnen sich schließlich noch einmal beim Essen – im Bahnhofsrestaurant, von ihm so gewählt. Nicht Grass greift die Macht des Geldes an, doch wird er stiller Komplize. 

Günter Grass: Figurenstehen. Eine Legende. Steidl, Göttingen 2022. 72 Seiten, 18 Euro