Dieses Erlebnis kennen nicht viele Leser: Während oder nach der Lektüre mit anderen den Eindruck über ein Buch teilen zu können. Das Lesen ist normalerweise ein einsames Vergnügen. In Berlin wird es jetzt zum zweiten Mal die Möglichkeit geben, mit Freunden und Fremden im Gespräch über ein Buch zusammenzukommen. Angestiftet von Radioeins und rbbKultur, beteiligt sich auch die Berliner Zeitung an der Einladung zum Erst- oder Wiederlesen des Buchs „Herkunft“ von Saša Stanišić, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2019. Zuerst sprachen wir mit dem Autor selbst.

Saša Stanišić, wurden Sie eigentlich gefragt, als „Herkunft“ für „Eine Stadt liest ein Buch“ ausgewählt wurde?

Natürlich. Und ich hätte dann sagen können, mein Buch ist so viel wahrgenommen worden, da kann mal ein anderes die Bühne haben. Aber mir gefiel die Vorstellung doch zu sehr, dass es nicht einfach gelesen wird, sondern dass Menschen darüber sprechen. Dieses Projekt passt sehr für das, was ich vorhatte: ein Angebot, über Identität zu reden. Da habe ich sofort zugesagt.

Judith Hermann hat mal erzählt, für sie ändere sich ein Buch durch die Leser. Geht es Ihnen auch so?

Ja, wenn ich schreibe, denke ich mir manchmal: Hier ist eine Leerstelle, an der ich mich mit Erklärungen zurückhalte. Ich weiß also, dass die Leser sie selbst ausfüllen werden, mit ihren eigenen Lebens- und Leseerfahrungen. Und damit verändern sie das Buch, erzählen ihm eine ganz neue Dimension hinzu.

Können Sie etwas darüber sagen, wie sich „Herkunft“ verändert hat?

Beim Schreiben hatte ich nie das Gefühl, dass „Herkunft“ für die deutschen Leser interessant sein könnte. Dafür umso mehr für Migranten aus dem ex-jugoslawischen Raum. Da sind so viele Verweise auf Jugoslawien vor und während des Krieges enthalten. Nun kamen aber ganz viele Reaktionen von deutschen Lesern, und nicht nur von jenen, die selbst Fluchterfahrungen in der Familie haben aus Schlesien oder als Russlanddeutsche, sondern auch unerwartete Geschichten.

Nach einer Lesung in Berlin sprach mich eine Dame an, sie hätte sich durch meine Erfahrungen als Geflüchteter aus Bosnien an ihre eigene Migration erinnert. Sie glauben nicht, was sie dann sagte! Sie sei mit 15 Jahren aus einem Dorf in Bayern nach Berlin gekommen. Die Fremdheit habe sie genauso empfunden. Sie hat sich in meinem Buch erkannt, obwohl unsere Welten nichts miteinander zu tun haben. Migrationserfahrungen können so viele Facetten haben. Ich gebe nur ein Beispiel einer möglichen erzwungenen Migration, schon entstehen neue Assoziationsketten.

dpa
Zur Person und zum Projekt

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und floh mit der Familie 1992 nach Deutschland. 2006 debütierte er mit dem Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. So ist auch sein Kinderbuch „Hey, hey, hey, Taxi!“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022 nominiert. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

„Berlin liest ein Buch“ heißt es vom 5. bis 12. Juni bei rbbKultur und Radioeins sowie in etlichen Lesekreisen, beginnend mit einer Veranstaltung mit dem Autor am 5. Juni, 18 Uhr im Großen Sendesaal in der Masurenallee. „Herkunft“ ist als Taschenbuch erhältlich (btb, 368 Seiten, 12 Euro), nähere Infos unter: berlin-liest-ein-buch.de

Wollen Sie uns auch von Ihrer Herkunft erzählen? Oder davon, wie das Buch Sie zum Erinnern anregt? Dann freuen wir uns auf Zuschriften unter leser-blz@berlinerverlag.com

Wie geht es Ihnen in anderen Ländern damit? Es gibt bereits etliche Übersetzungen des Buches.

Ich bekomme über die sozialen Medien einiges mit. Leser und Leserinnen, die mir erzählen, wie es ihnen oder ihren Eltern ergangen ist – auf ihren Migrationswegen. Aus der Türkei habe ich viele Reaktionen bekommen, aus Italien. So erfahre ich, dass es einerseits viele Parallelen zu meiner Biografie gibt, aber auch vieles, das universell ist, egal wohin die Menschen geflohen sind. Das betrifft allgemein eine Beschwernis des Lebens, also die Wohnverhältnisse, das Einkommen, die neue Sprache, aber oft auch das nur selten wirklich gelungene Miteinander zwischen Neuankömmlingen und den Alteingesessenen.

„In unserem ersten deutschen Zuhause teilten wir uns mit anderen Geflüchteten das Bad und den Fernseher und jede Türklinke.“ Das war 1992. Nun fliehen wieder Menschen aus einem anderen europäischen Land nach Deutschland. Was bedeutet die Ankunft von Menschen aus der Ukraine für Sie?

Wir schauen jetzt wie durch ein Brennglas auf die Ukraine und sehen die Menschen von dort hier ankommen. Aber wenn wir ehrlich sind, geht diese Bewegung doch seit den Neunzigern ununterbrochen. 2015 war die letzte große Welle. Leider wiederholen sich auch für die Ukrainer nun bestimmte Traumata und Fremdheitserfahrungen. Ich arbeite seit Jahren mit Geflüchteten in Schulen, da ist mir vieles, das ich selbst aus erster Hand kenne, schon zigfach begegnet. Was mir jetzt besonders auffällt, ist die Menge junger Menschen, die ohne Väter hier eintrifft. Mein Vater konnte damals auch erst ein halbes Jahr später kommen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, was diese Kinder und Jugendlichen sich jetzt für Sorgen um ihre Väter machen. Sie leben ein Leben, dessen Ängste sich für immer in deren Erinnerung einbrennen werden.

Beim Wiederlesen hat sich zwar mein deutliches Gefühl zum sprachlichen und Erlebnisreichtum des Buches bestätigt. Aber ich hatte vergessen, dass es zugleich von der Bundesrepublik Deutschland in den letzten dreißig Jahren erzählt – was leider auch eine Geschichte von rechtsradikalen Anschlägen und der Verharmlosung von Neonazis ist. Hatten Sie das beabsichtigt?

Ich hatte tatsächlich eine Timeline, an der ich mich beim Schreiben orientiert habe, bestehend aus meinen eigenen Notizen und aus den Medien, die ich zum Abgleich meiner Erfahrungen benutzt habe. Außerdem versuche ich so eine Art Chronologie rückwärts in Bezug auf Jugoslawien, vom Krieg bis zu den Anfängen mit Tito. Die Neunziger in Deutschland waren sehr bewegt. Ich wollte wissen, wo ich mich damals im Leben befand und wie das Gesellschaftliche sich in meinem Alltag zeigte. Das habe ich versucht in den Text einzuweben als Widerhall. Für mich war zum Beispiel der Regierungswechsel zu Gerhard Schröder und der SPD damals ein großes Glück. Denn die haben die Gesetze so geändert, dass ich in Deutschland bleiben konnte. Wenn man nach dem Studium in seinem Job arbeitete, war das möglich. Aber auch die Gegenwart, das Erstarken der AfD und die rassistischen Übergriffe in den letzten Jahren spielen eine Rolle.

Dem Werk ist keine Genrebezeichnung vorangestellt. Wehren Sie sich dagegen, wenn es jemand einen Roman nennt?

Ohne Genrebezeichnung überlasse ich die Art der Rezeption den Lesern, das ist auch eine Frage von Freiheit. Hätten wir, also die Leute im Verlag und ich, „Biografie“ darauf geschrieben, wäre das Buch eins zu eins als Darstellung meiner Person gelesen worden. Hätten wir es „Roman“ genannt, hätte man der Wirklichkeit, die doch eine sehr große Rolle darin spielt, etwas weggenommen.

Autofiktionale Romane gibt es allerdings jetzt recht viele.

Das stimmt. Wir vereinzeln sehr, das Ich spielt eine wachsende Rolle. Dieses Ich wird auch in der Literatur gern konsumiert. Es wird die Identifikation mit dem Autor gesucht, in den Achtzigerjahren hätte man das verlacht. Bei meinem Buch gehört die Frage, ob etwas nun „wahr“ sei oder „ausgedacht“, allerdings auch zu einer Art Spiel. Ich gebe Hinweise auf das Vage, das Ungefähre, wenn ich zum Beispiel schreibe: Das erzählt man sich so in meiner Familie. Ob nun ein Leser das für bare Münze nimmt, die Verantwortung liegt bei ihm. Und spätestens, wenn ich zum Drachen komme, ist klar, dass alles wahr ist!

Ach so.

Am liebsten hätte ich einfach „Text“ auf den Umschlag geschrieben.

Ist der Deutsche Buchpreis von 2019 für „Herkunft“ ein Ansporn oder eher ein Hindernis zum Weiterschreiben?

Der Preis war ein Grund zu großer Freude. Gleich nach meinem ersten Buch, „Wie der Soldat das Grammofon reparierte“, sprachen alle bereits davon, wie wohl das zweite Buch werden würde. Dann hatte ich Glück mit „Vor dem Fest“: Der Roman bekam den Preis der Leipziger Buchmesse. Und wieder hörte ich von allen Seiten die Erwartungen. Ich wollte im Grunde aber einfach immer nur Geschichten erzählen. Allerdings wäre das ohne finanziellen Erfolg schwieriger geworden. Jetzt fühle ich mich völlig frei. Denn das kann ich nicht verschweigen: Ich bin schlicht auch finanziell unabhängiger geworden. Das ist ein Privileg, das wenige Schriftsteller haben. Es ist auch so schön, dass ich mit den beiden Kinderbüchern mal etwas ganz anderes probieren konnte. Ein Jugendbuch kommt auch noch. Und irgendwann schon noch auch ein Roman, und wie immer: ganz ohne Druck.