Wer hat diesen Klappentext genehmigt: „Helene Hegemann sprengt mit luzidem Blick und großer sprachlicher Wucht sämtliche Kategorien, über die wir die Gegenwart zu begreifen versuchen“? „Sämtliche Kategorien“, das muss man sich vor der Lektüre erst mal wieder aus dem Bewusstsein schütteln. Zum Glück geschieht das zügig und von ganz allein, auch wegen Hegemanns Sprache, die mit der erwähnten „Wucht“ allerdings nicht viel zu tun hat. Tatsächlich webt die Autorin mit ihren Worten eher beiläufig einen dichten Teppich des Unwohlseins, auf dem sich die Leser schon bald vor Erschöpfung niederlegen müssen, um sogleich daran festzukleben.

Vierzehn Erzählungen, oder Stories, enthält Hegemanns neues Buch, es ist ihre fünfte Publikation nach den Romanen „Axolotl Roadkill“, dessen kurze plagiierte Passagen einen beispiellos brutalen Feuilleton-Feldzug gegen die damals 17-Jährige auslösten, „Jage zwei Tiger“, „Bungalow“ und der autobiografischen Erzählung „Patti Smith“, die im vergangenen Jahr in der KiWi-Musikbibliothek erschien.

Chlamydien in den Augen, Rinde unter der Haut

Eine dieser neuen Geschichten in „Schlachtensee“ ist nur knapp drei Seiten lang, darin verschickt eine Frau versehentlich vierundzwanzig Mäuseemojis mit Herzchenaugen an einen türkischen Journalisten, der nach Deutschland fliehen will. Die längste Geschichte umfasst siebzig Seiten, sie heißt надрыв, benannt nach einer von Dostojewski erfundenen russischen Vokabel, die als unübersetzbar gilt. Sie beschreibt einen Moment, an dem etwas aufbricht: Hegemann wählte in der Vergangenheit das Bild eines platzenden Pickels, „Schmerzekstase“ hieß es in einer Übersetzung von „Die Brüder Karamasow“. Ob надрыв positiv oder negativ besetzt ist, das kommt darauf an, welchen Russen man fragt. Auch Mifti, die Heldin aus Hegemanns Film „Axolotl Overkill“ von 2017 trug das Wort auf dem Shirt.

In надрыв verliebt sich eine junge Frau, die mit einem 30 Jahre älteren Mann verheiratet ist, in eine andere junge Frau, eine Russin, mit der sie nach Wolgograd reist und sich dort nach einem brutalen Liebesakt in der Wolga Chlamydien einfängt, die ihr Auge zu einem „vereiterten Tischtennisball, ein von wässrigen, schleimigen Absonderungen überzogenen Fremdkörper“ machen.

Hegemanns Figuren laden nicht gerade zur Identifikation ein. Sie tragen Namen wie Ketti, Minute, Indigo, Safran oder Tschlix, kommunizieren assoziativ, haben schlimme Albträume. Bilder von physischem Terror, Folter, Vergewaltigung quetschen sich immer wieder wie Zwangsgedanken in die Zeilen. Die jungen Menschen sind innen und außen versehrt, sie krampfen, sie bluten, ihnen wachsen Haare, wo sie es nicht sollten, die Haut reißt auf und sie stellen sich vor, wie Baumrinde darunter geschoben wird. Aus all dem machen die Helden kein Drama, sie halten viel aus, erwarten wenig; wenn es sein muss, wehren sie sich. Sie gehören nirgendwo dazu und beobachten aus der Distanz, so wie Phoebe, die in der besten Story, „Die Pfauengeschichte“, einen männlichen Pfau, der sein Rad verloren hat, im Garten eines reichen Ehepaars in South Carolina bemerkt.

„Es ist ein bizarres Bild. Der Pfau scheint nicht zu verstehen, dass der hintere Teil seines Körpers nicht mehr vom vorderen ausbalanciert werden muss, der checkt nicht, dass ihm da was fehlt, deshalb stolpert er immer so nach vorne und donnert bei jedem zweiten Schritt mit der Nase gegen den Boden. Der ganze Körper denkt, da wäre hinten noch was dran. Dabei ist da nichts mehr. Nur ein nackter alter Arsch. Und sollte Phoebe jemals eine bessere Metapher für den derzeitigen Zustand Nordamerikas gesehen haben, dann hat sie sie guten Gewissens zugunsten dieser hier verdrängt.“

Dass Metaphern manchmal gleich erklärt werden, kennt man schon von Hegemann, und es liest sich eher aufrichtig als arrogant, wie es so mancher in der Vergangenheit interpretierte, der Autorin und Erzählerin nicht trennen wollte. Zugegeben fällt das in Hegemanns Fall schwerer als in anderen. Viele Leser kennen, spätestens seit „Patti Smith“, die dramatischen Eckpunkte ihrer Lebensgeschichte. Mit einer schizophrenen arbeitslosen Mutter wuchs sie in Bochum auf, diese starb an einem Aneurysma, als Helene 13 war. Monatelang lebte das Mädchen anschließend noch allein in der Wohnung, unfähig, die Überbleibsel des Notarzteinsatzes wegzuräumen. Bis eines Tages ihr Vater anrief, Carl Hegemann, Dramaturg an der Volksbühne unter Castorf, und sie zu sich nach Berlin holte.

Hegemann schreibt nur noch mit der Hand

Manche Sätze in „Schlachtensee“ lesen sich, als seien sie im Fiebertraum stenografiert worden, tatsächlich geht Hegemann schon der Prozess des Tippens zu schnell. Seit einigen Jahren zieht sie den Füller der Tastatur vor, schreibt per Hand, um Tempo rauszunehmen, den Gedanken Raum zu geben. Das Ergebnis ist auch dieser Satz: „Und wenn Sie alles, was jetzt kommt, für einen willkürlichen inneren Monolog halten, wenn Sie wünschten, das wäre ein wenig linearer, wenn Sie das als ungeregelte Aneinanderreihung von Fehlwahrnehmungen aburteilen, statt zu akzeptieren, dass es sich um eine Geschichte handelt, dann wissen Sie nicht, was Leben ist, und dann wissen Sie nicht, dass man das Leben abtötet, sobald man es in ein Schema aus drei Akten presst, dann bescheinige ich Ihnen hiermit, dass Sie sich nicht aufmerksam genug durch die Welt bewegen (..)“ es geht noch länger weiter, im gleichen Satz, unter anderem mit der Schmähung „amerikanischer Sandkastenliteratur“ und vermeintlichen „Ablenkungsmanövern für das Kulturbürgertum“.

Der Satz, beziehungsweise die Seite, trennt zwei Geschichten. In der einen verliebt sich ein Mann und flieht anschließend vor einer Horde Wildscheine, in der zweiten betrauert er den Selbstmord seines Retters. Dass man Erfahrungen tötet, sobald man sie schriftlich festhält, schrieb Helene Hegemann schon in „Patti Smith“; trotzdem sollte man auch hier nicht den Fehler begehen, diese Ansprache an die Leser der Autorin anstatt der Erzählerin in den Mund zu legen. Denn Moralisierung ist Hegemanns Sache nicht. In allem Elend zelebriert sie die Grautöne, lässt sie am Ende sogar in Schönheit explodieren. „Sämtliche Kriterien“ werden dabei nicht mitgesprengt, doch vielleicht sind kleine Risse entstanden. надрыв ist noch nicht vom Tisch.

KIEPENHEUER & WITSCH
Helene Hegemann: Schlachtensee. Storys.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 23 Euro.