Berlin - Katja Lange-Müller ist eine der profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen, den Lesern der Berliner Zeitung nicht nur durch ihre Bücher wie „Verfrühte Tierliebe“ und „Drehtür“ vertraut, sondern auch durch zahlreiche Interviews und gelegentliche Gastbeiträge. Zum 70. Geburtstag der Berlinerin schreibt hier ein Kollege, der Schriftsteller Ingo Schulze, der zuletzt den Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ veröffentlichte.  

Liebe Katja, auf der Suche nach einer Möglichkeit, Dir über die Distanz hinweg zum Geburtstag doch etwas näher zu rücken (ohne dabei virtuelle Kunststücke aufführen zu müssen), habe ich in den letzten Wochen wieder in Deinen Büchern gelesen. Nicht, dass ich das als Ersatz für eine von Dir ausgerichtete Feier halten würde oder mir Deine Bücher nicht einigermaßen präsent wären, aber Dich zu lesen heißt ja auch, Dich zu hören. Und Deine Stimme fehlt mir.

Am längsten hatte ich wohl Dein Debüt „Wehleid – wie im Leben“ nicht mehr in der Hand – sein Erscheinungsjahr 1986 liegt heute genauso viele Jahre zurück wie Du damals auf der Welt gewesen bist. Ich habe es 1988 als Kleinod aus der anderen Hälfte Deutschlands geschickt bekommen. Damals war ich irritiert über die Vielfalt der Formen, es hätte auch eine Anthologie miteinander verbündeter Autorinnen sein können.

Von heute aus finde ich darin Figuren, die sich in Deinen späteren Büchern gewissermaßen „auswuchsen“: Jene den Pflanzen und Tieren zugeneigte junge Frau mit einem von der Liebe schwermütigen Herzen, Briefschreiberinnen in verschiedensten Rollen, eine Hilfskrankenschwester, deren Mitleiden von ihren präzis-sarkastischen Beobachtungen ausbalanciert wird. Ich höre auch eine Autorin, die Wörter und Sprichwörter dem üblichen Sprachgebrauch entwindet oder, die sarkastischste Variante, eine Schülerin der Moskauer Konzeptualisten, die wohl als erste in deutscher Sprache die Anregungen von Prigow oder Sorokin aufgenommen hat.

Auch insofern war es eine glückliche Fügung, dass ich meine ersten öffentlichen Schritte an Deiner Seite tun durfte. Im Frühjahr 1995 erhieltest Du den Döblin-Preis, ich den Förderpreis. Renate von Mangoldt hat uns auf der unendlich großen weiten Bühne der Akademie der Künste am Hanseatenweg fotografiert. Für mich war es, als bestünde der Preis darin, dort oben neben Dir sitzen und mit Dir lesen zu dürfen.

Ich hatte Deine Stimme vorher nicht gekannt, aber als ich Dich aus „Verfrühte Tierliebe“ lesen hörte, schien ich sie wiederzuerkennen. Zum ersten Mal sah ich da Deine sich wie von selbst beim Vorlesen erhebende rechte Hand, die Finger gespreizt. Manche Frage oder Beteuerung Deiner Figuren ist undenkbar ohne diese Geste.

Foto: Ute Döring
Katja Lange-Müller

In Berlin, DDR, am 13. Februar 1951 geboren, lebt Katja Lange-Müller bis heute die meiste Zeit in Berlin. Für ihre schriftstellerische Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Alfred-Döblin-Preis, dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, dem Wilhelm-Raabe- und dem Kleist-Preis. Zuletzt erschien ihr Roman „Die Drehtür“ (Kiepenheuer & Witsch). 

Von der Schülerin – der die Füße ihres geliebten Freundes durch die „Schnittblumen einer Steckvase“ entgegenragen, allerdings zappelten zwischen seinen „streichelnden Chaplinsohlen (…) zwei weitere, kleinere Fußsohlen wie Schmetterlingsflügel in einem Spinnennetz“ –, führt ein Weg zu der Protagonistin aus „Verfrühte Tierliebe“ und der linkshändigen Setzerin Püppi, der „einarmigen Elefantin“ aus die „Letzten“. Von dort ist es nicht mehr so weit bis zu Soja aus „Böse Schafe“. Deine Bücher lassen sich auch wie ein einziges großes Buch lesen, eine mäandernde Biografie.

Eine Windung darin, man könnte sie die Asta-Linie nennen, führt aus Berlin und Deutschland weit hinaus in die Welt und kulminiert in Deinem jüngsten Roman „Drehtür“. Die Asta-Linie beginnt mit „An einem Strand“ – für mich eine der schönsten Erzählungen überhaupt. Jene Asta, die uns vom ersten Satz an vertraut ist, berichtet von einer Reise nach Nicaragua. Mit ihren „kurzsichtigen, vom grellen Sonnenlicht und dem Schlafmangel gereizten Augen“, die „Wahrgenommenes und Halluziniertes“ beinahe nicht mehr auseinanderhalten können, beobachtet sie einen Hund, der sich kaum auf den Beinen zu halten vermag. Er bedeckt mit den Pfoten die Schnauze, „ganz so, als simuliere er einen Menschen, einen verzweifelten Menschen, der am Boden liegt und die Hände über dem Gesicht zusammenschlägt. Ja, dieser Hund war sicher das erbärmlichste Wesen, das ihr jemals begegnet war; aber das Seltsamste war, daß er es genau zu wissen schien.“ Tag für Tag versucht Asta, sich dem Hund anzunähern. Und man weiß nicht, ob man ihr einen Vogel zeigen oder sie ermutigen soll. Asta bringt ihm zu fressen, zu trinken und bittet – auch das vergeblich – schließlich einen Kellner, den Hund doch endlich zu erschießen. Zum Schluss will Asta ein Foto von dem Hund machen. „Nicht, weil ich ihn sonst vergessen könnte, und auch nicht zur Erinnerung; es soll bloß kein Traum gewesen sein.“ Doch der Hund ist verschwunden.

Gäbe es unter uns Schreibenden, ja gäbe es in unserem Literaturbetrieb eine Umfrage, wem man sich verbunden und nahe fühlt, Dein Name fiele mit Sicherheit am häufigsten.

Ingo Schulze

Aus der Geschichte dieser missglückten Annäherung wird eine Metapher, die für das Aufeinandertreffen ungleicher Welten überhaupt stehen kann. Beim ersten Lesen glaubte ich, diese Erzählung brauche eine Ich-Erzählerin, weshalb ich sie, um Dich zu überzeugen, dementsprechend umschrieb. Wahrscheinlich lag dahinter eher der Wunsch, selbst einmal so eine Erzählung zu schreiben. Oder Dir etwas von Deiner Aufmerksamkeit zurückzugeben. Kein geringer Teil Deiner Arbeit steckt in den Büchern anderer, sei es direkt – als Arbeit am Manuskript oder Ideengeberin – oder indirekt, weil Du die Zuhörerin bist, die für jede und jeden Zeit findet. Gäbe es unter uns Schreibenden, ja gäbe es in unserem Literaturbetrieb (schade, dass es kein schöneres Wort dafür gibt) eine Umfrage, wem man sich verbunden und nahe fühlt, Dein Name fiele mit Sicherheit am häufigsten. Darauf ließe sich gut wetten.

Foto: Sabine Gudath
Ingo Schulze

1962 in Dresden geboren, lebt Ingo Schulze als Schriftsteller in Berlin. Seit 1995 veröffentlicht er Romane und Erzählungen wie „33 Augenblicke des Glücks“, „Simple Storys“, „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“. Im Jahr 2020 erschien sein Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ (S. Fischer), für den er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

Aber zurück zur Literatur: Es ist diese durch mehrere Bücher durchscheinende Frauenfigur, die aus Deinen Erzählungen und Romanen heraustritt in das Leben der Leser. Und dann vor allem Harry, die andere Hauptfigur Deines Werkes. Zum ersten Mal taucht er beiläufig und ohne Kontext gegen Ende hin in „Die Letzten“ auf. Die Erzählerin sucht ihn und hofft, dass er sich bald bei ihr meldet. In „Die Ente in der Flasche“ gibt es ein Gespräch zwischen der Erzählerin und Heiner Müller wenige Tage vor dessen Tod. „Ich sagte ihm, daß Harry, den Heiner nur flüchtig kannte, schon seit zwei Jahren tot ist, und erzählte, wie ich Harry im Krankenhaus besuchte.“ Harry will Geschichten hören. Als ihr keine mehr einfällt, bittet sie Harry, ihr eine zu erzählen. Und er erzählt die einzige, die er kennt, eine Zen-Geschichte, die er „im Knast von seinem Karate-Lehrer, einem taiwanesischen Dealer, gehört hatte“. Die sollte man unbedingt lesen. „Böse Schafe“ (2007) ist dann das Buch über und für Harry, eine dieser großen seltenen Liebesgeschichten.

„Wir liegen auf den beiden Matratzen, nicht Seite an Seite, dennoch Kopf an Kopf. Die Arterie über deinem Schläfenbein pulst gegen meine Wange … Ich habe nicht das Bedürfnis nach Distanz, aber auch keine Lust, dich zu umarmen. Ich bin frei … und trotzdem nicht einsam.“

Ich weiß kein Wort dafür; alle, die ich kenne, sind stumpf und blind, abgenutzte Suppenlöffel.

Soja in dem Roman „Böse Schafe“

Beinahe vom ersten Augenblick ihres Kennenlernens an hat Soja, die bis zu ihrem 39. Lebensjahr in Ost-Berlin gelebt hat, das Gefühl, Harry sei „ungefähr das, was ich auch geworden wäre, wenn es dem Schicksal gefallen hätte, mich als Knaben zur Welt kommen zu lassen“ und dies „im feindlichen politischen System“. Harry ist Junkie. Nach zehn Jahren im Knast wegen schweren Raubes ist er von einer „Therapie-statt-Strafe-Maßnahme“ abgehauen. Soja erzählt sich und Harry ihre Geschichte. Und immer ist es auch ein Ringen um den angemessenen Ausdruck. „Ich weiß kein Wort dafür; alle, die ich kenne, sind stumpf und blind, abgenutzte Suppenlöffel.“

Am Ende des Romans setzt eine Szene das Verhältnis von Ost und West auf nahezu groteske Weise ins Bild. Harry bricht zum ersten Mal in Tränen aus. Zur größten Irritation Sojas geschieht dies bei den Fernsehbildern, die Erich Honecker in Handschellen zeigen. „‚Kapierst du das nicht‘, sagtest du – und blicktest mich nicht an, ‚den schmeißen sie wieder ins Loch. Dabei hat er schon zehn Jahre Knast hinter sich, genau wie ich. Ihm haben sie die ganze Jugend versaut, mir haben sie meine ganze Jugend versaut, er ist krank, ich bin es auch.‘“

Soja bezahlt diese Liebe mit einer Unbedingtheit, die ihr Leben dem seinen ähnlich macht, nur dass ihre Droge die Erinnerung ist. Dadurch aber klingen die Sätze so eindringlich, als seien sie geträumt. Und wer sie liest, wird es kaum schaffen, davon nicht abhängig zu werden.

Es wäre natürlich viel schöner, Dich gemeinsam zu feiern, Dich zu sehen und zu hören, Du hättest geraucht und viel gefragt (du fragst immer viel mehr als Du redest, fällt mir gerade auf). Und ich gestehe, auch Deine Kochkünste zu vermissen. Trotzdem solltest Du wissen: Deinen Geburtstag lesend zu feiern ist auch eine höchst freudvolle Angelegenheit (wenn Du diese Zeilen liest, bin ich vielleicht vertieft in „Drehtür“). Und vielleicht schadet es nicht, wenn auch andere erfahren, wie schön es ist, lesend mit Dir zu feiern.
Dein Ingo