Die deutsche Kanzlerkandidatin Sabah Hussein steht kurz vor der Wahl und hat Termine in ganz Deutschland zu absolvieren. Einen Moment der Ruhe gönnt sie sich im Kino, einem Ort, der ihr schon früher Zuflucht vor dem Alltag bot. Der neue James Bond ist gerade angelaufen. Und Constantin Schreiber versetzt sich in seine Heldin: „Sie findet es prima, dass 007 jetzt eine diverse Agentin ist, eine schwarze, lesbische Frau mit Behinderung.“ Der Journalist, bekannt durch die „Tagesschau“ und Beiträge aus der arabischen Welt, entwirft in seinem Roman „Die Kandidatin“ ein Zukunftsszenario.

Berliner Zeitung: Herr Schreiber, dieser Tage erscheint Ihr Roman. Sind Sie nervös? Sie werfen sich vogelwild in viele Ebenen der Identitätsdebatte.

Constantin Schreiber: Nervös? Ein bisschen schon. Es ist nicht mein erstes Buch, aber mein erster Roman, also etwas Besonderes. Natürlich habe ich mich beim Schreiben gefragt, wie man ihn auslegen kann. Doch ich habe mir auch gesagt, wem wollen wir denn den Debattenplatz überlassen, wenn nicht wir Journalisten selbst die Debatten facettenreich führen?

Allerdings ist „Die Kandidatin“ ja gerade kein journalistischer Beitrag. Warum wählen Sie als Nachrichtenmann, Sachbuchautor, investigativer Reporter nun die Belletristik, um vom Islam in Deutschland zu erzählen?

Erst einmal: Ich schreibe nicht über den Islam, ich erzähle von Muslimen in Deutschland, vor allem über eine intelligente selbstbewusste Frau, die Muslima ist. In einer identitätspolitisch aufgeladenen Umgebung muss sie sich gegen rechte Netzwerke und Intrigen zur Wehr setzen. Und warum ich das erzähle? Sachbücher analysieren das, was ist oder was gewesen ist. Auch wenn man anhand von Entwicklungen Prognosen anstellen kann, sind sie wenig geeignet, einen Ausblick zu wagen. Ich wollte mir eine veränderte fiktive Welt ausmalen, wollte bestimmte politische Forderungen aus dem Diskurs von heute szenisch in die Zukunft übersetzen.

Hatten Sie eine gedachte Jahreszahl, wann Deutschland reif ist für eine muslimische Kanzlerkandidatin?

Nein, ich weiß, dass auf dem Buchumschlag steht: „Deutschland in ungefähr dreißig Jahren“. Ich selbst habe es offengelassen, weil sich die Geschichte bestimmter Gegenwartselemente bedient und sie weiterdreht, aber nicht alles. Es gibt nach wie vor Twitter und Instagram zum Beispiel.

Aber keine gedruckten Tageszeitungen mehr.

Schade, nicht wahr?

Wem sagen Sie das! Wir führen ein Zeitungsinterview. Die Rechtpopulistin Marine Le Pen ist zur Handlungszeit Präsidentin in Frankreich, der heute 67-jährige Xi Jinping ist in China immer noch im Amt, allerdings sehr gebrechlich.

Man kann es bestimmt zeitlich eingrenzen, aber eigentlich ist es ein zeitloser Raum. Ich hoffe, es ist Ihnen so gegangen beim Lesen, dass Sie merken, hier werden Details weiterentwickelt, viele auch überzeichnet, während manche Dinge gar keine Rolle spielen. Ich habe die Klimadebatte ausgeklammert, obwohl die in der Zukunft immer wichtiger wird. Die gehört in ein anderes Buch, finde ich.

Zur Person

Constantin Schreiber, geboren 1979, lebt mit seiner Familie in Hamburg und gehört zum Moderatorenteam der „Tagesschau“. Für die deutsch-arabische Talkshow „Marhaba“ wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Er veröffentlichte die Sachbücher „Inside Islam“ und  „Kinder des Koran“, gab außerdem das Buch „1000 Peitschenhiebe“ über den saudi-arabischen Blogger Raif Badawi heraus.

Immerhin ist Sabah Hussein Kandidatin der Ökologischen Partei.

Das ist ein kleines Zeichen. Die Frage, wie sieht das Deutschland aus, das versucht hat, den sozialökologischen Wandel zu meistern, stelle ich nicht.

Noch einmal zurück zur identitätspolitischen Debatte: Auf diesem Feld kann man Ihr Buch auf verschiedenste Weise missverstehen.

Ist das so? Erkennt man nicht, dass ich durchspiele, wie es ist, wenn man die Dinge nicht durch die eigene Brille betrachtet? Meine Frau kommt aus Ostdeutschland, der ist natürlich aufgefallen, wie der Osten beschrieben wird: In Mecklenburg-Vorpommern organisieren sich die Nazis, Dresden erscheint als braunes Biotop, die Frau, die eines Mordversuchs überführt wird, ist Ostdeutsche.

Das liest sich nicht schön, Ihre Frau hat völlig recht.

Aber die Polizei wird auch negativ dargestellt und die weißen Deutschen erscheinen als Leute, die sich abgrenzen wollen in Gated Communities. Je nachdem, welche Brille man aufsetzt, kann man sich über verschiedene Dinge empören.

Dass man sich Vielfaltsmerkmale wie „nichtweiße Hautpigmentierung, erkennbar gelebter muslimischer Glaube“ oder eine Behinderung sogar im Pass eintragen lassen sollte, erscheint mir unangenehm überspitzt. Ist das eine Satire?

Der Roman bedient sich vieler satirischer Elemente, genau diese Stelle gehört dazu. Aber das ist nur ein kleines Element innerhalb der Gerechtigkeitsdebatte. Die beschriebenen Regelungen sollen einer gerechten Welt im Roman dienen.

Sabah Hussein steht erst einmal für eine Erfolgsgeschichte: Ein Flüchtlingsmädchen, das durchsetzen konnte, am Schulschwimmen im Burkini teilzunehmen, schafft es ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung, wird Kanzlerkandidatin. Aber ist nicht Gerechtigkeit, wie sie in dieser Welt beschrieben wird, auch nur eine Schimäre, weil sie das Trennende festschreibt?

Gerechtigkeit ist ein zentraler Begriff in dem Buch. Ich werfe die Frage auf, ob man sie nur erreicht, wenn man vorher die Unterschiede betont. Ich denke, wie sicher die allermeisten Menschen, dass es wichtig ist, dass jeder unabhängig von Hautfarbe oder Geschlecht oder Religion alles werden kann und auch gefördert wird dabei. Ob eine Quote, ein Herausstellen der Unterschiede dabei hilft, darüber kann man reflektieren.

In dem Stadium befindet sich die Gesellschaft in Ihrem Roman. Die Quote bewirkt die Diversität, die in den gegenwärtigen Debatten eingefordert wird.

Ja, und heute sind wir an dem Punkt zuvor, da wir das diskutieren können und sollten. Ich erlebe das im Gespräch mit jüngeren Journalistinnen und Journalisten. Es gibt einen großen Druck, sich zu kategorisieren. Zum Beispiel junge Musliminnen, die ihre Religion eigentlich als Privatsache ansehen, aber das Gefühl haben, sie müssten ein Bekenntnis ablegen.

Gehört dazu, dass heute Ostdeutsche ihre Herkunft eher betonen, anders als vor zehn, 15 Jahren? Dass über Klassenunterschiede gesprochen wird? Oder dass weiße deutsche Männer öffentlich machen, dass sie bi- oder homosexuell sind – als wollten sie ein „Vielfaltsmerkmal“ markieren?

Wenn ich solche Überlegungen angestoßen habe, würde mich das freuen. Also die Frage, ob eine immer stärkere Diversifizierung eine Zwischenstufe auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit sein kann. Aber vergessen Sie nicht, dass in der gesellschaftlichen Situation im Buch andere tatsächliche politische Forderungen von heute umgesetzt sind. Wenn das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt wird und wenn jeder, der in Deutschland lebt, wählen kann, hat das Auswirkungen auf die Parteienlandschaft.

Das Buch

Constantin Schreiber: „Die Kandidatin“. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 208 Seiten, 22 Euro.

In Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, vor sechs Jahren erschienen, wird ein muslimischer Kandidat Präsident in Frankreich. Ist Ihr Roman sozusagen dessen deutsche Schwester?

Der Vergleich liegt auf den ersten Blick nahe, ich weiß. Aber Houellebecq erzählt eine andere Geschichte. Er schreibt über ein Land, das auf einmal nach islamischen Regeln funktionieren soll. Ich erzähle von einem Land, das sich unglaublich aufbricht in verschiedenen Formen von Vielfalt. In dem es schwierig wird, den Kategorisierungen zu entgehen. Das Individuum steht vor der Frage: Wozu bekenne ich mich, zu wem gehöre ich? Bei Houellebecq habe ich keine Anregung gefunden, sondern durch meine Arbeit als Journalist.

Ich habe beim Lesen oft geschwankt zwischen Lachen und Erschrecken. Dass es in Ihrem Roman eine Präsident-Erdogan-Schule gibt, war so ein Moment.

Tja, für ausgeschlossen halte ich das nicht, wenn ich in die Zukunft schaue.

Vor vier Jahren veröffentlichten Sie das Buch „Inside Islam – Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“, das war sehr erfolgreich, wurde aber auch als provozierend empfunden, wenn ich mich richtig erinnere.

Ich hatte damals 13 Moscheen in Deutschland besucht, habe die Predigten zum Freitagsgebet aufgezeichnet und übersetzen lassen, also nicht nur türkische, sondern auch arabische. Ich habe diese Predigten mit jeweils einer kurzen Einleitung versehen. Dafür bin ich ziemlich angegriffen worden. Mir wurde unterstellt, absichtlich negative Beispiele dargestellt zu haben. Das hat mich schon verwundert, warum dann die Kritik nicht gegen die jeweiligen Orte oder Prediger gerichtet war, sondern gegen mich.

Dann sind Sie darauf vorbereitet, mit dem Roman vielleicht nicht nur auf Begeisterung zu stoßen.

Damit muss man immer rechnen, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt. Ich bin ja Journalist geworden, um mir auch öffentlich Gedanken zu machen über Dinge, die unsere Gesellschaft bewegen. Das Buch habe ich in drei Wochen runtergeschrieben, und es hat mir viel Freude gemacht, einmal in einer freien künstlerischen Form zu schreiben.