Berlin - Sasha Filipenko trägt ein weiß-hellblaues Fußballtrikot von Inter Mailand, als sich der Skype-Bildschirm öffnet. Er befindet sich mit einem Stipendium der Jan-Michalski-Stiftung in der Schweiz. Es öffnet sich ein weiteres Fenster für Ruth Altenhofer, die in Österreich wohnt. Sie hat nach dem Roman „Rote Kreuze“ (2020) jetzt ein weiteres Buch Filipenkos ins Deutsche übersetzt und wird uns beim Gespräch helfen. „Der ehemalige Sohn“, gerade erschienen, erzählt von einem jungen Mann, der in Minsk nach einer Massenpanik ins Koma fällt und nach zehn Jahren wieder aufwacht. Sein Land hat sich kaum verändert, doch dann erlebt er protestierende Menschen auf der Straße und es heißt über sie, sie regten sich zum ersten Mal nach Jahren im Koma. Diese buchstäbliche Ironie der Geschichte ist dicht erzählt, mit Humor und bitterem Ernst.

Sasha Filipenko, Ihren Roman „Der ehemalige Sohn“ kann man in vielerlei Hinsicht allegorisch für die Gegenwart in Belarus lesen. Das Buch ist bereits 2014 auf Russisch erschienen, es liest sich aber wie aus dem vergangenen Jahr. Wie fühlen Sie sich als Wahrsager?

Es war nicht schwer, etwas vorherzusagen. Das ist wie bei einem Streichholz, das man anzündet: Man sieht das Flämmchen und weiß, es wird ganz abbrennen. Als ich damals versuchte zu schreiben, wie es ist, konnte ich eigentlich schon davon ausgehen, dass ich auch erzähle, was passieren wird. Für mich als Autor ist es natürlich super, dass mein Roman jetzt so aktuell ist. Als Staatsbürger kann ich nur traurig sein, in einem Land zu leben, in dem alles auf der Stelle tritt. Eines der besten Beispiele ist, wie die Kinder Omon spielen.

Omon ist diese schwer bewaffnete Polizeieinheit. Im Buch heißt es, Franzisk geht durch die Stadt und sieht, wie Kinder „Proteste niederschlagen“ spielen.

Als der Roman 2014 erschien, hat man mir gesagt, das sei unrealistisch. Jetzt findet man im Internet lauter Videos mit genau solchen Szenen. Sie sind für die Kinder Normalität geworden.

Der Roman lässt sich auf verschiedenen Ebenen lesen, sowohl als Familien- als auch als politischer Roman. War es Ihre Absicht, eine politische Aussage zu treffen?

Das ist mir sehr wichtig, dass man meine Bücher auf mehreren Ebenen lesen kann, das ist mein Ehrgeiz als Schriftsteller. Einen politischen Roman zu schreiben, musste ich mir allerdings nicht vornehmen. Wer vom Alltag in Belarus schreibt, ohne politisch zu werden, hat keinen realistischen Blick.

Zehntausende Menschen sind inzwischen inhaftiert und gefoltert worden. Freunde von mir sind im Gefängnis. Wenn wir die Hoffnung aufgeben, bedeutet das, dass wir sie alle im Stich lassen und akzeptieren, dass es so weitergehen wird.

Sasha Filipenko

Vor einem Monat trafen sich die Literaturnobelpreisträgerinnen Swetlana Alexijewitsch und Herta Müller zu einem Gespräch in Berlin. Sie appellierten beide, dass der Westen hinsehen muss, was in Belarus passiert. Das fand ich überzeugend. Doch nach der Lektüre Ihres Romans bin ich ziemlich ernüchtert. Es ändert sich ja doch nichts.

In meiner Familie haben die Leute schon 1994, als Lukaschenko zum ersten Mal Präsident wurde, verstanden, dass das eine Diktatur wird. Ich war damals zwölf Jahre alt. Die Hoffnung darf man aber nicht verloren geben, dazu haben wir gar nicht das Recht. Zehntausende Menschen sind inzwischen inhaftiert und gefoltert worden. Freunde von mir sind im Gefängnis. Wenn wir die Hoffnung aufgeben, bedeutet das, dass wir sie alle im Stich lassen und akzeptieren, dass es so weitergehen wird. Im Gegenteil, heute sollten wir versuchen, wieder in die frohe Stimmung vom August zu kommen. Wir übertreten keine Gesetze, wir wollen nur unser Recht.

Person und Buch

Sasha Filipenko, geboren 1984 in Minsk, ist ein belarussischer Schriftsteller, der (wie Swetlana Alexijewitsch und Viktor Martinowitsch) auf Russisch schreibt. Nach einer abgebrochenen klassischen Musikausbildung studierte er Literatur in St. Petersburg und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber für eine Satire-Show und Fernsehmoderator. Im vergangenen Jahr erschien sein Roman „Rote Kreuze“ auf Deutsch, der in 16 weitere Sprachen übersetzt wurde. 

Das neue Buch „Der ehemalige Sohn“ handelt von einer Gesellschaft, die sich nicht verändert, von einer Jugend, deren Chancen zerstäuben, von Karrieristen, die politisch willfährig sind, von einem Land in Stagnation. Das zeigt Sasha Filipenko mit einem Trick: Er lässt den Helden nach zehn Jahren im Koma aufwachen. Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer. Diogenes-Verlag, Zürich 2021. 320 Seiten, 23 Euro 

Vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus haben prominente Schauspieler, Musiker, Journalisten abschnittsweise Ihren Roman auf Youtube gelesen, Sie selbst übernahmen die letzten zwei Seiten. Wie kam es dazu?

Das war im Sommer, ich hatte selbst die Idee dazu und dachte es als ein Zeichen der Solidarität, bevor ich selbst Gelegenheit hatte, nach Belarus zu fahren. Ich war selbst erstaunt, wie sich die Bilder glichen. Das Buch hat noch mal mehr Aufmerksamkeit bekommen. Man kann es zwar kaufen, aber man muss schon in der Buchhandlung danach fragen. Wissen Sie, was mich wirklich stolz macht? Es wird im Gefängnis gelesen, von Zelle zu Zelle weitergegeben.

Nun bin ich schon seit Januar hier. Aber nicht als Emigrant, meine Aufenthaltsberechtigung endet im Juli, dann muss ich zurück. Davor warnen mich allerdings meine Familie und meine Freunde, die in den Zeitungen lasen, ich sei ein Volksfeind.

Sasha Filipenko

Der Begriff der „ehemalige“ Sohn klingt seltsam, bis man versteht, dass Franzisk im Roman von der Mutter bald vergessen wird, während er im Koma liegt. Im Klappentext des Buches steht, Sie leben in St. Petersburg. Das stimmt aber nicht mehr, Sie sind in der Schweiz. Sind Sie ein ehemaliger Belarusse?

Um ein ehemaliger Belarusse zu sein, spüre ich meine Wurzeln viel zu stark. Im Sommer war ich wieder in Minsk, denn ich konnte nicht wegbleiben, als die Menschen auf die Straße gingen. Nun bin ich schon seit Januar hier. Aber nicht als Emigrant, meine Aufenthaltsberechtigung endet im Juli, dann muss ich zurück. Davor warnen mich allerdings meine Familie und meine Freunde, die in den Zeitungen lasen, ich sei ein Volksfeind. Soll ich wieder nach Petersburg? Russland hat angefangen, die Belarussen auszuweisen. Ich rede mir ein, dass ich so wie ein Fußballspieler jetzt einfach als Schriftsteller bei einem anderen europäischen Klub unter Vertrag bin. Vielleicht findet sich noch eine Möglichkeit, in Graz oder Berlin. Ich will auch nicht um politisches Asyl ersuchen.

Sie haben mit zwei offenen Briefen an den Präsidenten des Eishockey-Weltverbandes René Fasel großen Anteil daran, dass Minsk nicht mehr Austragungsort der Weltmeisterschaften im Mai und Juni sein wird, sondern allein Riga. Sind Sie nicht längst eine Person des öffentlichen Lebens?

Nein, so sehe ich das nicht. Gegen die Weltmeisterschaften in einem Land, wo Demonstranten verprügelt und verhaftet werden, gab es eine große Kampagne, auch auf Facebook und Instagram. Das haben alle Belarussen gemeinsam erreicht. Meine Stimme wurde in der europäischen Presse gehört, das stimmt. Aber ich möchte mich selbst nicht zu wichtig nehmen.

In der DDR wurden Olympioniken gern als „Botschafter im Trainingsanzug“ bezeichnet. Wie steht es um den Zusammenhang von Politik und Sport?

Das ist eine komplizierte Sache. Man möchte einerseits Fan der Eishockeymannschaft sein, weil sie ja aus der eigenen Heimat kommt, doch andererseits tragen die Spieler auf ihren Trikots dieses Wappen von Belarus, das an die Zeit der Sowjetunion erinnert. Es ist mein Team, aber es vertritt auch das Regime. Ganz klar ist es bei Dinamo: Das war immer die Mannschaft der Polizei.  Anders verhält es sich bei den Frauenmannschaften im Basketball und im Fußball. Die sind im Herbst mit auf die Straße gegangen, die haben jetzt unsere volle Unterstützung. Man muss sich als Fan ein bisschen informieren.

Im Roman erzählen Sie, dass 1999 bei einem Fußballspiel Fans in weißen T-Shirts nicht zugelassen waren, weil die Behörden fürchteten, dass sich ein weiß-rot-weißes Bild im Stadion formt. Haben Sie das erfunden, um von der weiß-rot-weißen Fahne zu erzählen?

Nein, das habe ich selbst erlebt. Ich wollte mit meinem Vater ins Stadion, ich war 15 Jahre alt. Er musste sein T-Shirt ausziehen, es landete auf einem großen Haufen. Sonst wären wir nicht reingekommen. Für uns war die weiß-rot-weiße Fahne der unabhängigen Republik immer wichtig. Lukaschenko hat 26 Jahre lang versucht, die alte sowjetische Staatssymbolik durchzudrücken.

Die Kinder, die in Ihrem Roman „Proteste zerschlagen“ spielen, sind jetzt erwachsen. Was ist das für eine Generation?

Die jungen Leute, die 2020 zum ersten Mal zur Wahl gegangen sind, die sind es gewohnt zu wählen. Die können sich aussuchen, was sie anziehen, welchen Hamburger sie möchten und welche Sorte Cola.  Das Regime benimmt sich aber wie die Regierung in der Sowjetunion, als es immer nur eines von allem gab: auch nur einen Fernsehsender und einen Radiosender. Heute können sich alle über das Internet informieren. Die Menschen wissen, wen sie gewählt haben, sie sehen aber, dass ihnen ein anderes Ergebnis präsentiert wird. Und genauso, wie sie sich im Restaurant aufregen würden, wenn ihnen nicht gebracht würde, was sie bestellt haben, empören sie sich, dass ihre Wahl nicht zur Kenntnis genommen wurde. Die alte Diktatur kommt mit dieser Generation nicht zurecht. Lukaschenko passt einfach nicht mehr in die Zeit.