Berlin - Auch wenn die Buchmesse abgesagt ist, versuchen Verlage und Literaturvermittler in dieser Woche den Messegedanken wachzuhalten, nicht nur mit dem „Bücherfrühling“ in Berlin. Und weil so viel los ist, sei hier dringend noch auf Iris Hanikas Roman „Echos Kammern“ hingewiesen. Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse hat ihn auf ihre Shortlist der belletristischen Titel gewählt. Er konkurriert mit Helga Schuberts Erzählungsband „Vom Aufstehen“, mit dem Prosawerk der Grande Dame der österreichischen Avantgarde-Literatur Friederike Mayröcker „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ und den neuen Romanen von Christian Kracht („Eurotrash“) und Judith Hermann („Daheim“).

Am Freitagnachmittag fällt bei einer Veranstaltung vor Ort und im Livestream die Entscheidung in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. Dann wird klar, ob die Jury ihre erste kurze Begründung für Hanika erweitern muss: „Zwei Frauen, ein Mann, ein Mythos: Das Dilemma von Echo und Narziss verpflanzt Hanika ins New York und Berlin der Gegenwart. Eine vergnügliche, doppelbödige Prosa, die Liebesleid, Gentrifizierung und Tourismus ironisiert und buchstäblich eine neue, eigene Sprache findet.“

Das Berlin der Gegenwart 

Verdient hätte der Roman die Preis-Ehre besonders aus Berliner Sicht. Hanika greift ironisch das Gerede auf, dass das Berlin der Gegenwart so sei wie das New York von vor ein paar Jahren. Sie lässt die Dichterin Sophonisbe zunächst in New York die Gentrifizierung beobachten. Ihr Deutschsein begleitet sie, zum Beispiel nennt sich ein als Adolf geborener Mann jetzt Alf. Später wird in einem „Zwischenspiel“ ein Protestzug gegen Verdrängung um den Hermannplatz ziehen. „An diesem Abend sah ich alte Anarchisten weinen.“ Und schließlich ist Sophonisbe selbst wieder in Berlin, Untermieterin in einer veränderten Stadt. Sie sehnt sich nach dem schönen Narziss, einem jungen Amerikaner, der Deutsch lernt und ihren ersten Gedichtband so glaubwürdig lobte.

„Mythen in Tüten“ heißt jenes Buch Sophonisbes, das passt zu Hanikas Schreibweise. Denn sie spielt mit der Sprache, mixt ein bisschen Englisch, Französisch und Russisch ins Deutsch, nimmt dabei Anleihen bei berühmten Kollegen von Charms bis Borges. In den Erzählsträngen spiegelt sie kulturelle und politische Vergangenheit auf verblüffende und gelehrte Weise in aktuellen Handlungen. Das Buch bereitet großes Vergnügen und macht schlau.

Iris Hanika: Echos Kammern. Roman. Literaturverlag Droschl, Graz 2020. 240 Seiten, 22 Euro